Berlin - Frank Richter schraubt die Unterseite des Laptops auf, der vor ihm auf dem Tisch liegt. Fast täglich bereitet er als Techniker mobile Endgeräte wie Smartphones oder Laptops für Obdachlose, Menschen mit Fluchterfahrung oder Jugendliche auf, die in betreuten Wohnformen leben. Richter erledigt die Aufgabe als Techniker für das Projekt „Digitales Zuhause“, das die gemeinnützige Organisation Neue Chance im Mai dieses Jahres ins Leben gerufen hat – mitten in der Corona-Krise.  

„Gerade in der Pandemie wurde deutlich, dass ein erheblicher Teil der Menschen in betreuten Wohnformen sehr isoliert lebt“, sagt Anna Lederle, Sprecherin der Neuen Chance. Vielen von ihnen mangele es an mobilen Endgeräten, an Zugang zum Internet oder an Medienkompetenz. „Die Menschen haben so gar keine Möglichkeit, Bewerbungen zu schreiben, Wohnungen zu suchen, sich im Internet zu informieren oder einfach nur zu kommunizieren“, sagt Lederle. Auch der Wegfall von Tagesstrukturen und dem persönlichen Kontakt zu den Betreuungseinrichtungen während der Corona-Krise könne nur schwer ersetzt werden, da digitale Mittel fehlen. Das Risiko für stressbedingte, depressive und oder psychotische Reaktionen steige.

Seit Mai können Berliner ihre alten Smartphones, Laptops oder Drucker nun in der Neuen Chance abgeben, einer gemeinnützigen Organisation der Sozial- und Jugendhilfe Berlin. Spender sollten aber vorher eine E-Mail schreiben, sagt Lederle. Frank Richter überarbeitet die Geräte. Danach werden sie von den Sozialarbeitenden der verschiedenen Wohnprojekte aus ganz Berlin abgeholt.

Richter übernimmt gerne die Aufgabe des Reparateurs und IT-Technikers, auch wenn er das gar nicht gelernt hat. Er war selbst obdachlos. Seit drei Jahren arbeitet er im „Housing First“ in Friedrichshain, einem Projekt der Neuen Chance zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit. Die Aufbereitung der Geräte für das „Digitale Zuhause“ macht er ehrenamtlich – am liebsten zu Hause in seinem Wohnzimmer. An diesem Novembertag hat er die Arbeit allerdings ins „Housing First“ verlegt. 36 Geräte habe er inzwischen überholt. „Die sind alle noch in einem guten Zustand. Auch alte Geräte können wir gut weiterverwenden.“

200 Millionen Alt-Handys liegen ungenutzt in Schubladen

Ausreichend Geräte, um dem von Anna Lederle beschriebenen Mangel entgegenzuwirken, gibt es jedenfalls: Fast 200 Millionen Alt-Handys liegen laut Bitkom deutschlandweit ungenutzt in Schränken oder Schubladen. Die Zahl habe sich innerhalb von fünf Jahren verdoppelt. „In den seltensten Fällen werden Smartphones wegen eines Defekts ersetzt“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Die meisten Menschen würden sich ein neues Smartphone kaufen, um verbesserte und erweiterte Funktionen zu nutzen. 36 Prozent der Befragten aus einer von Bitkom angelegten Studie sei der Aufwand einer Entsorgung oder eines Verkaufs der Althandys schlichtweg zu hoch. 37 Prozent haben zudem Sorge, dass ihre auf dem Telefon befindlichen Daten gestohlen werden könnten.

„Auch bei mir geben viele Menschen Laptops und Handys ab, auf denen sich noch alte Bilder und Dateien befinden“, sagt Richter. Er lösche die Daten und installiere die Geräte neu. Ob er auch schon defekte Geräte erhalten habe? „Ja, aber nur zwei. Die habe ich auseinandergebaut – sie sind ein guter Ersatzteilspender.“

Einer der Sozialarbeiter, der die Geräte bei Richter abholt, ist Domingo Waller. „Die Welt wird zunehmend digitaler. Internet und digitale Endgeräte sind heutzutage einfach notwendig, um etwa eine Wohnung oder einen neuen Job zu finden“, sagt Waller. Er findet das Projekt wichtig. Digitale Mittel hätten bereits vorher gefehlt. Corona habe das Problem verschärft und sichtbar gemacht.

Extraarbeit auf Ehrenamt

Auch für Waller bedeutet das Projekt Extraarbeit auf Ehrenamt. Die Sozialarbeiter sind dafür da, die Geräte bei den betreuten Menschen zu installieren und ihnen zu erklären, wie sie die Geräte nutzen können. „Das ist sehr individuell. Einige haben schon Erfahrungen gesammelt. Andere wissen nicht einmal, wie man ein E-Mail-Programm öffnet“, sagt Waller. Hinzu kommen oft Sprachbarrieren, etwa bei Menschen mit Fluchterfahrungen. Die Medienkompetenz müsse oft erst noch erlernt werden.

Bis November lief das Projekt „Digitales Zuhause“ mit Unterstützung der Aktion Mensch. „Wir wollen das Projekt auch weiter laufen lassen, da wir merken, dass die Nachfrage groß ist“, so Waller. Die Sozialarbeitenden seien nicht nur auf Sachspenden angewiesen, sondern auch auf Geldspenden für die zusätzliche ehrenamtliche Arbeit. „Die Menschen brauchen die Smartphones und Laptops“, sagt der Sozialarbeiter. „Sie sind sehr dankbar für unsere Hilfe und für die Geräte, die sie erhalten. Es ermöglicht ihnen Selbstständigkeit.“

Wohin mit dem alten Smartphone?

Spender und Interessierte des Projekts „Digitales Zuhause" werden gebeten, eine E-Mail an kommunikation@sozial.berlin zu schreiben. „Mobile Box“ ist ein weiteres Projekt; auch dort werden Handys entweder recycelt oder aufbereitet und weiterverkauft. Der Erlös soll an nachhaltige Projekte gehen. In Berlin gibt es mehrere Mobile Boxen in Läden oder Einrichtungen, wo man sein Handy einwerfen kann. Die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) listen darüber hinaus gemeinnützige Organisationen nach Stadtteilen auf, die Elektrospenden annehmen. Smartphones und andere elektronische Geräte können außerdem in allen BSR-Recyclinghöfen abgegeben werden. Gut 15.000 Tonnen Elektroschrott kamen dort alleine im Jahr 2019 zusammen. Nur durch eine korrekte Entsorgung von Elektroschrott können laut BSR darin enthaltene Schadstoffe bestmöglich beseitigt und wertvolle Rohstoffe wie Gold, Kupfer, Kobalt oder Silber zurückgewonnen werden. Insbesondere die Rohstoffrückgewinnung leiste einen wesentlichen Beitrag zur Schonung natürlicher Ressourcen.