Marzahn-Hellersdorf - Auf den Überraschungseffekt kann sich Jörg Reinhold noch immer verlassen. Wer ihn in seiner Brillenfabrikation im Marzahner Norden besucht, erwartet in der Regel einen Produktionsbetrieb, der auch so aussieht und in dem es laut ist. Tatsächlich aber liegt hinter der grauen Stahltür in der zweiten Etage des Gewerbehofbaus an der Wolfener Straße ein lichtdurchfluteter Raum, größer als ein Tennisplatz. Mittendrin hängt eine Schaukel von der Decke.

Es gibt eine offene Küche und Sofas mit Couchtischen davor. Verstreut stehen ein paar Schreibtische, an denen junge Leute vor Computermonitoren sitzen. Mit einem Produktionsbetrieb hat das so wenig gemein wie eine Flaschenannahme bei Getränke Hoffmann mit der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels. „Schön hier, oder“, sagt Jörg Reinhold und lacht.

Jahresumsatz von IC Berlin bei etwa 20 Millionen Euro

Der 46-jährige Betriebswirt ist Chef der Firma IC Berlin. Vor gut 20 Jahren wurde das Unternehmen in einer WG in Mitte gegründet und avancierte mit seinen schraubenlosen Federstahl-Brillen rasch zum In-Label der globalen Fashionista-Gemeinde. Stars wie Madonna oder Beth Dito trugen die Kreationen aus Berlin. Zeitweise war auch der Schauspieler Peter Lohmeyer an IC beteiligt.

Mittlerweile liegt der Jahresumsatz laut Reinhold bei etwa 20 Millionen Euro. 200.000 Brillen werden jährlich in Marzahn produziert und von dort in alle Welt verschickt. Vier von fünf gehen ins Ausland. Nach Europa, in die USA, nach Asien. „1000 Brillen am Tag“, sagt Reinhold. Vor allem in Asien steige die Nachfrage.

Miete für IC Berlin wurde verdoppelt

Lange hatte die Firma in der Backfabrik in Prenzlauer Berg residiert, wo alles perfekt passte. IC Berlin war das coole Label aus dem Hipster-Bezirk. Doch hip hat seinen Preis. Als 2017 der zehnjährige Mietvertrag für die Firma in der Saarbrücker Straße auslief, wurde für einen Folgevertrag ein mehr als verdoppelter Mietpreis aufgerufen. Kein kleiner Posten bei einer genutzten Fläche von 2400 Quadratmetern. Also suchte das Unternehmen nach Alternativen, was sich laut Reinhold als schwierig erwies.

Für seine Firma brauchte er nicht nur Büro-, sondern auch Gewerberäume, und zudem solche, in denen sich die bis zu zwei Tonnen schweren Laserschneidautomaten aufstellen ließen. Innerhalb des S-Bahn-Rings sei es mittlerweile fast unmöglich, passende Flächen für Produktionsbetriebe zu finden, sagt Reinhold und deutet auf einen großen Stickstoff-Tank, der für die Firma neben dem Marzahner Gewerbehofbau aufgestellt wurde. „So was will in der Stadt keiner mehr sehen.“

IC Berlin zog vor zwei Jahren nach Marzahn um

In Marzahn sitzt das Unternehmen seit mittlerweile zwei Jahren. Man sei mit offenen Armen empfangen worden, sagt der IC-Chef. „Sehnlichst erwartet“, träfe es wohl besser. Denn obwohl der GSG-Gewerbepark in Nordmarzahn bereits Mitte der Neunziger gebaut wurde, hat IC Berlin die Räume als Erstmieter bezogen, was den beklagten Gewerberaummangel in Berlin relativiert.

Reinhold hat seine Standortentscheidung jedenfalls nie bereut. Allerdings räumt er ein, dass die 120-köpfige Belegschaft nicht gerade begeistert war. Dennoch seien heute fast alle noch mit an Bord. „Wir haben so viel gewonnen“, sagt der Chef und meint nicht nur die rund halbe Million Euro, die er jährlich an Mietkosten spart, obwohl nun 3600 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Es sei ruhiger und weitläufiger. „Die Leute sind insgesamt entspannter“, sagt er. Die S-Bahnstation liege direkt vor der Tür.

Marzahn-Hellersdorf genießt „Wahnsinnsentwicklung“

Und selbst im Kampf um gute Leute ist Marzahn offenbar auch nicht mehr zwingend ein unüberwindbares Hindernis. „Da wird auch viel herbeigeredet“, sagt Reinhold. Marzahn sei Berlin und werde auch so wahrgenommen. Dann erzählt er, dass es ihm gerade erst gelungen sei, Leute von Kreuzberger Vorzeige-Firmen wie Native Instruments und Teufel zu rekrutieren. „Berlin hört nicht hinter dem S-Bahn-Ring auf.“

Tatsächlich ist der nordöstliche Bezirk Berlins in der Wahrnehmung junger Unternehmen längst kein Niemandsland mehr. Im Cleantech Innovation Center in den GSG-Gewerbehöfen stehen Start-ups Büros und Werkstätten zur Verfügung. Fünf Jungunternehmen haben sich dort inzwischen angesiedelt. Neuzugänge auf dem Firmenkonto des Bezirks.

Insgesamt waren Ende vergangenen Jahres in Marzahn-Hellersdorf über 21.000 Betriebe registriert, davon 170 Industrieunternehmen. Das waren 4 300 Firmen mehr als zehn Jahre zuvor, heißt es im Bezirksamt. Damit ist die Zahl der Unternehmen dort schneller gewachsen als im Berliner Durchschnitt. „Eine Wahnsinnsentwicklung“, sagt Kathrin Rüdiger. Die junge Frau leitet die Wirtschaftsförderung im Bezirk und weiß, was „Made in Marzahn-Hellersdorf“ heute bedeutet. Allein auf dem Areal, das an der Landsberger Allee mit den Unternehmen Knorr-Bremse sowie Hasse & Wrede beginnt und bis an das nördliche Ende der Wolfener Straße reicht, haben sich etliche Firmen angesiedelt. Von dort kommen Smoothies der Bio-Marke Proviant, Parfüms von Flaconi und die Rahmen, die BMWs Premium-Bike RnineT zusammenhalten. Hier gibt es Unternehmen aus dem Bereich Mikroelektronik und Lasertechnik sowie Spezialisten in Sachen 3D-Metalldruck. Entlang der Boxberger Straße haben seit 2010 mehr als 30 Firmen über 250.000 Quadratmeter Gewerbeland gekauft und eine Heimat gefunden. „Keine Scheichs und keine Tech-Firmen aus Kalifornien“, sagt Kathrin Rüdiger, aber 1800 Jobs gebe es dort.

36 Millionen Euro für neuen Cleantech Business Park

Doch dabei soll es nicht bleiben. An der Westgrenze des Bezirks, kurz bevor Lichtenberg beginnt, liegt das Wertvollste, was die Wirtschaftsförderin zu bieten hat. Es ist der sogenannte Cleantech Business Park. Ein Gewerbegebiet zweimal so groß wie die „Gärten der Welt“, in denen vor zwei Jahren die Internationale Gartenbauausstellung stattfand. 36 Millionen Euro hat es gekostet, das 90 Hektar große Landstück für Gewerbe besiedelbar zu machen. „So was gibt es nirgendwo in der Stadt“, sagt Kathrin Rüdiger. „Sogar Flächen, wo es stinken, rauchen und puffen darf.“

Allerdings ist dort noch nicht sehr viel passiert. Zwar ist der Gewerbepark bereits seit 2016 bezugsfertig, doch sind Frau Rüdiger, der Bezirk und das Land wählerisch. Es sollen vor allem innovative Firmen nach Marzahn kommen. Solche, die neue Technologien vorantreiben. Lager und Logistik scheiden dafür aus. Neulich hätte sich ein Fleischzerlegungsbetrieb beworben, erzählt Kathrin Rüdiger. „Das passt bei größter Fantasie nicht“, sagt sie. Sie will Mikrochips statt Schweinehälften.

Kathrin Rüdiger schrieb einen Brief an Elon Musk

Anfragen gebe es wöchentlich. Mit einem Elektromobilitätsunternehmen aus Großbritannien etwa habe man lange verhandelt, am Ende aber doch nicht zueinander gefunden. Um Firmen auf Marzahn aufmerksam zu machen, besucht die Wirtschaftsförderin auch großen Messen. „Das Interesse an Marzahn kommt nicht von allein“, sagt Kathrin Rüdiger. Als Tesla-Chef Elon Musk im vergangenen Sommer laut darüber nachdachte, eine Gigafactory für eine Batterieproduktion in Deutschland zu bauen, hatte sie ihm einen Brief geschrieben und nach Marzahn eingeladen. Dass dieser nie beantwortet wurde, ärgert sie nicht. Sie hat es versucht, sagt sie, das sei wichtig. „Und ich habe früher an Musk geschrieben als die Wirtschaftssenatorin.“

Dennoch wird auf dem Gelände des Cleantech Parks inzwischen gebaut. Das Schweizer Unternehmen Swissbit zieht dort für 20 Millionen Euro eine moderne Reinraum-Fertigungshalle hoch. Im Juni, spätestens im Juli soll sie fertig sein. Der Produktionsstart ist für September geplant.
Swissbit entwickelt Speichermodule für Industrieanwendungen. Das sind quasi SD-Karten, wie man sie aus Fotoapparaten kennt, allerdings mit einer garantierten Datensicherheit von wenigstens 20 Jahren. Nach eigenen Angaben ist die Firma im Bereich der „Hightech-Mikrosystemtechnik“ zu Hause und zählt sich zu den drei größten Anbietern weltweit.

Silvio Muschter will Berliner Kapazität von Swissbit verdreifachen

Silvio Muschter ist der Deutschland-Chef von Swissbit und viel unterwegs. Als wir ihn per Telefon erreichen, sitzt er an seinem Schreibtisch in der Firmenzentrale im schweizerischen Bronschhofen zwischen Bodensee und Zürich. Natürlich habe es zu der neuen Produktion in Berlin Alternativen gegeben, sagt er. Asien stand ganz oben, doch am Ende habe Berlin gewonnen. „Gutes Personal sei das wertvollste Gut“, sagt der 46-Jährige und lobt seine Belegschaft sowie die Nähe zu Berliner Hochschulen und Instituten. Denn Muschter hat noch viel vor. Er will neue Geschäftsfelder entwickeln, spricht von Sensortechnik und Chiptechnologie, von Industrie 4.0 und vernetzten Maschinen. „Dafür haben wir in Berlin die Kompetenz und nun auch die Möglichkeiten, sie zu nutzen“, sagt der Swissbit-Manager. In den nächsten fünf Jahren will er die Berliner Kapazität des Unternehmens verdreifachen.

Dann dürfte die Swissbit-Halle auch nicht mehr der einzige Bau auf dem Cleantech-Areal sein. Derzeit verhandele man mit sechs Firmen über insgesamt 20 Hektar, sagt Kathrin Rüdiger. Namen nennt sie nicht, solange nichts unterschrieben ist.