Wegen des großen Mangels an den Berliner Schulen stellt die Stadt zum demnächst beginnenden Schul-Halbjahr bis zu 1000 neue Lehrer ein. Derzeit laufen nach Auskunft von Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung, 930 Einstellungsverfahren. 420 der neuen Kollegen werden in Grundschulen arbeiten – macht bei 370 Grundschulen durchschnittlich einen Zuwachs von etwas mehr als einem Lehrer aus.

Darunter werden viele Quereinsteiger sein, bestätigt die Bildungsverwaltung, „ein Prozentsatz etwa so hoch wie im vorigen Halbjahr“, bestätigt die Bildungsverwaltung. Das wären 40 Prozent. Trotz der Kritik an den mangelnden pädagogischen Qualitäten der Quereinsteiger hält Bildungssenatorin Sandra Scheres, SPD, diesen Weg für „alternativlos“, allerdings bräuchten die Neuen Unterstützung von erfahrenen Fachkräften: Dieser Zeitung sagte sie: „Ich sehe es weiterhin als dringend erforderlich an, den in Pension gehenden Lehrkräften einen höheren Zuverdienst zu ermöglichen. Wir benötigen die langjährigen Erfahrungen dieser Lehrkräfte, u.a. auch zur Betreuung und Unterstützung der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in den Berliner Schulen.“

Mehr Geld für frisch Ausgebildete

Laut Beate Stoffers kommt weder die Erhöhung der Stundenzahl pro Lehrer infrage, noch die Erhöhung der Schülerzahl pro Klasse. Noch mehr Stunden ausfallen zu lassen als bisher schon kann auch niemand wollen. Als attraktive, an jüngere Pädagogen gerichtete Maßnahme hebt Beate Stoffers die Höherstufung für neu ausgebildete Grundschullehrer von der Gehaltsgruppe E12 auf E13. Da gilt bereits und „ist bundesweit einmalig“, sagt die Sprecherin.

Laut einer am Mittwoch in Gütersloh veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung wird sich der Lehrermangel an den Grundschulen in Deutschland in den nächsten Jahren dramatisch zuspitzen. Demnach fehlen bis ins Jahr 2025 rund 35.000 Lehrer für die ersten Schuljahre.

In Berlin ist für die nächsten Jahre ein Anstieg der Schülerzahlen um 70.000 prognostiziert, die Zahl der Grundschüler wird demnach bis 2015 um etwa 28.000 steigen. 59 neue Schulen sollen deshalb gebaut und andere erweitert werden. Für die etwa 25.000 Flüchtlingskinder, die in Willkommensklassen im Regelschulsystem lernen, sind in Berlin 1000 neue Lehrer eingestellt worden. Zusätzlich kommen Anforderungen der Inklusion und der Ganztagsbetreuung auf die Schulen zu. Die Aufgabe geht also über den Lehrermangel hinaus.

Bundesweit liegt laut Bertelsmann-Studie der Grund für den wachsenden Lehrermangel vor allem in der Diskrepanz zwischen Bedarf und Ausbildungszahlen: Knapp 105.000 neue Lehrer müssten eingestellt werden, aber die Universitäten können nur 70.000 Absolventen ausbilden. Die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn gehen davon aus, dass 60.000 Pädagogen in den Ruhestand gehen und ersetzt werden müssten.

2.000 unbesetzte Lehrstellen

Weitere 26.000 neue Lehrer seien nötig, um die bis dahin steigenden Schülerzahlen aufzufangen, für den Ausbau von Ganztagsschulen braucht man zusätzlich 19.000 Lehrer. Nach Zahlen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind aktuell bundesweit rund 2.000 Lehrerstellen an Grundschulen nicht besetzt.

„Gute Schule ist guter Unterricht und der wird durch gute Lehrer gemacht. Angesichts des bundesweiten Lehrermangels sollten sich die Länder die Lehrer nicht länger gegenseitig abwerben“, forderte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Man solle gemeinsame Lösungen suchen, um den Bedarf zu decken – und zwar „ohne die Qualität einreißen zu lassen“.

Entspannung nach 2025

In der Zeit nach 2025 entspannt sich die Lage wegen der demografischen Entwicklung der Bevölkerung bei den Schülerzahlen wieder. Die Bertelsmann-Stiftung sieht drei Möglichkeiten, den vorübergehenden Bedarf an Grundschullehrern besser abzudecken. Die Forscher schlagen vor, den überwiegend weiblichen Pädagogen, von denen 40 Prozent in Teilzeitarbeit arbeiten, Anreize zum Aufstocken zu bieten. Dieses Potenzial sieht man in Berlin eher nicht: „Wer Teilzeit arbeitet, der will das, um die eigenen Kinder betreuen zu können“, wendet Beate Stoffers ein.

Die Rückkehr in Vollzeit sei im Fall des Lehrerberufs kein Problem. Auch die Studienautoren schränken – wie auch im Fall der Pensionäre – ein, dass wegen der Freiwilligkeit nur schwer einzuschätzen sei, wie diese Angebote angenommen würden. Den Vorschlag, Quereinsteiger einzustellen, nutzt Berlin ohnehin schon massiv.

„Bei dem jetzt prognostizierten Lehrermangel für die kommenden Jahre müssen wir schnellstmöglich über Maßnahmen diskutieren, die aber generell Notlösungen sein werden“, sagte Susanne Miller. Die Professorin lehrt und forscht zum Schwerpunkt Grundschulpädagogik an der Uni Bielefeld und ist 1. Vorsitzende der Kommission „Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe“ in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. (mtk., dpa)