Berlin - Da ist aber jemand eifrig: Schon auf dem Weg zu ihrem Ziel an der Spree wollen die Kinder der jahrgangsübergreifenden Klasse 1 und 2 g der Schinkelschule in Charlottenburg den Müll, der an den Ufern herum liegt, einsammeln. Frau Römer, die Klassenlehrerin, muss sie bremsen. Alma, Fiorella, Lennard, Gregor und Co. sind am Mittwoch als Plastik-Piraten auf Mission. Rund um den Siemenssteg wollen sie untersuchen, wie viel und vor allem welcher Müll hier liegt. Später werden sie die Brücke entern und ein Netz in das Spreewasser versenken, welches Mikroplastik einfängt.

Plastik kennt keine Grenzen

Alles, was in Bächen, Flüssen und Strömen landet, kann mit dem Wasser in die Meere und Ozeane geschwemmt werden. Plastikmüll zum Beispiel. Dort gefährdet er Tiere und gelangt in die marine Nahrungskette. Das Vorkommen von Plastikmüll in und an deutschen Fließgewässern ist jedoch vielerorts noch unerforscht. Dass in der Spree ganze Fahrräder und Einkaufswagen versenkt sind, weiß man, doch wie sieht es mit winzigen Plastikteilchen aus?

Die Citizen-Science-Aktion „Plastikpiraten“ trägt seit 2016 dazu bei, diese Wissenslücke zu schließen. Seit 2020 sind Plastikpiraten sogar europaweit unterwegs, fließen die Ergebnisse der Müllanalyse in die europaweite Forschung zur Verschmutzung von Flüssen ein. Die Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsministerien Deutschlands, Portugals und Sloweniens haben die Aktion initiiert und setzen sich im Rahmen ihrer gemeinsamen Trio-Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union 2020/2021 für saubere Meere und Flüsse ein.

Berliner Zeitung / Markus Wächter
Kronkorken, Glasscherben und Plastikteilchen landen auf der Sammeldecke.

Alma ist das herzlich egal, die Achtjährige bekommt den Handschuh einfach nicht über die Finger. Doch ohne geht es nicht. Schnell wird klar, hier am Ufer der Spree ist jede Menge Müll zu finden. Zigarettenkippen, Glasscherben, Plastikabfall und Papier landen, nach Material sortiert, auf der weißen Sammeldecke und bilden Häufchen.

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Ohne Handschuh kein Experiment.

Eifrig bücken sich die Kinder nach jedem noch so kleinen Stück in einem abgesteckten Gebiet am Fuß der Brücke. Der Müll wird später gewogen und analysiert. Vergleichbare Untersuchungen an vielen Standorten in Deutschland, Slowenien und Portugal ergeben einen großen Überblick darüber, wie verschmutzt Flüsse und ihre Ufer sind. Das Projekt soll über den jetzigen Aktionszeitraum bis Ende 2021 auf ganz Europa ausgeweitet werden.

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Die Kleinen räumen den Müll der Großen weg. Irgendwie unfair.

Oben auf der Brücke, von wo aus das Wasser so herrlich glitzert, hat sich eine weitere Schülergruppe eingefunden. An einem Seil lassen die kleinen Forscher jetzt das Netz herab, welches Mikroplastik aus dem Wasser fischen soll. Eine Stunde lang hängt es im Wasser, während die Ausflugsdampfer vorüberziehen. Die Kinder winken und rufen „Ahoi“ – bis sich der Käpt’n der „Maria“ zu einem Tuten überreden lässt. Hoffentlich geht kein Fisch ins Netz, sagen sie. Den wollen sie natürlich sofort wieder freilassen.

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Doris Knoblauch lässt mit den Kinder das Netz ins Wasser.

Fiorella und Merle haben eine Plastikflasche im Wasser entdeckt, und die Mädchen erklären auch gleich, warum das ein Problem ist. Mikroplastik in Fischen und damit auch in den Fischstäbchen, das will hier niemand. Wer schon einmal am Abendbrottisch mit Zweitklässlern über Umweltschutz gesprochen hat, weiß, wie penibel die Kinder sein können. Und auch in dieser Klasse sind die Schüler gut informiert. „Frischhaltefolie und Alufolie findet man in ihren Brotdosen nicht“, sagt ihre Lehrerin. Wenn diese Kinder eines Tages achtsam mit Müll und Plastik umgehen und anderen davon erzählen, sei schon viel gelungen.

An einer dritten Station werfen Leona, Fiorella und Charlotte Stöckchen ins Wasser. 20 Meter weiter stoppt Emilia die Zeit, die die Hölzer brauchen, bis sie bei ihr sind. Die Fließgeschwindigkeit des Gewässers wird dazu ins Verhältnis gesetzt, was im Netz landet.

Später werden die Daten, die die Schüler der Schinkelschule an diesem Mittwoch gesammelt haben, auf einer Projektwebseite veröffentlicht. Dort kann man etwa sehen, dass eine Schülergruppe in Portugal am Rio Pinhãodas 14 Stücke Einwegverpackung gefunden hat. Bei Schülern in Schwedt an der Oder waren es 71.

Müll in Flüssen macht keinen Halt an Grenzen, irgendwann landet der Kaffeebecherdeckel als Mikroplastik-Kügelchen im Meer. Projektleiterin Doris Knoblauch hält ein Glas mit bräunlichen Winzigmurmeln in die Höhe. „Die sehen aus wie Steine“, sagen die Kinder. Und wissen gleichzeitig, dass es schlecht für Tiere und Natur ist, wenn diese Kügelchen um die halbe Welt schippern.

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Piratinnen mit Mission.

„Also, ich würde allen sagen, dass sie ihren Müll in den Mülleimer werfen sollen“, sagt Leona, „und nicht ins Wasser.“ Mit Piratinnen dieses Kalibers legt man sich besser nicht an.