Wie Brandenburger Bauern das Glücksspiel mit dem Regen gewinnen wollen

Die Dürre wird offenbar zum Normalfall, doch die Spargelbauern hatten schon vor Jahren eine Idee. Sie könnte auch anderen Landwirten helfen.

Die Pflanzen sind unter den schwarzen Planen. In diesem Fall Erdbeeren. Und die schwarzen Schläuche bringen das Wasser direkt an die Wurzeln.
Die Pflanzen sind unter den schwarzen Planen. In diesem Fall Erdbeeren. Und die schwarzen Schläuche bringen das Wasser direkt an die Wurzeln.dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Berlin-Die Landwirte wissen es schon seit ein paar Jahren, nun begreifen es auch alle anderen: Die Dürre wird zu einer Art Normalfall. Besonders in der Region Berlin-Brandenburg, der trockensten Region Deutschlands. In vier der vergangenen fünf Jahre gab es hier Dürren. So auch in diesem Sommer. Aber die findigen Beelitzer Spargelbauer sind der Zeit voraus.

Rund um die Spargelstadt Beelitz gibt es bereits seit bald sieben Jahren kein Feld mehr, auf dem nicht die schwarzen Tropfschläuche verlegt wurden. Eine gezielte künstliche Bewässerung der Felder. Das heißt: Die Bauern vertrauen nicht mehr darauf, dass es vielleicht irgendwann mal regnet, sondern bewässern ihre Pflanzen. Aber eben nicht verschwenderisch, indem sie das ganze Feld im Gießkannenprinzip mit Wasser fluten, sondern gezielt, sodass das inzwischen kostbare Nass möglichst direkt an die Wurzeln der Pflanzen gelangt. Möglichst ökologisch und ökonomisch. 

Auf den Feldern sind lange Dämme, in denen die Spargelpflanzen über etwa acht Jahre stehen. Und die durchlöcherten Wasserschläuche sind so verlegt, dass sie nahe an den Wurzeln ihr Wasser verteilen. Alle 30 Zentimeter haben die Schläuche einen Auslass, daraus sickert das Wasser punktgenau und ohne Verluste zu den Pflanzen.

Nur noch 25 statt 100 Liter

Jürgen Jakobs, der Vorsitzende des Vereins Beelitzer Spargel und selbst seit Jahren im Spargelgeschäft, ist überzeugt von der Methode. „750 bis 1000 Euro Anschaffungskosten rechnen wir für den Hektar“, sagt er. „Das ist eine aufwendige Investition, aber es lohnt sich. Wir verbrauchen statt früher 100 Liter Wasser heute nur noch 25 Liter.“

Denn Regen ist Glücksache – da geht es zu wie beim Glücksspiel. Wasser wird zu einem immer knapperen Gut im bundesweit trockensten Bundesland Brandenburg. In diesem Sommer ist extrem wenig Regen gefallen. 35 Liter pro Quadratmeter maß der Deutsche Wetterdienst im Juli. In den Jahren 1961 bis 1990 waren es 54 Liter. Da müssen sich die Bauern etwas einfallen lassen. Denn die Böden sind karg, der Sand hält das Wasser kaum. Die Erträge sind sowieso niedriger als in Gegenden mit humusreichem dunklen Böden wie der Magdeburger Börde.

Beim Spargel lohnt die zusätzliche Bewässerung, aber wie ist es bei Getreide?
Beim Spargel lohnt die zusätzliche Bewässerung, aber wie ist es bei Getreide?dpa/Jens Büttner

Es ist eine beschwerliche und personalintensive Zusatzarbeit auf den 1500 Hektar Gesamtanbaufläche Spargel. Im Frühjahr müssen die ein bis zwei Zentimeter dicken Schläuche verlegt werden, im Herbst werden sie wieder eingesammelt, denn der Frost des Winters macht das Material mürbe. Die Arbeit des stillen Dienstleisters aus Kunststoff und Gummi muss täglich überwacht werden. Und zwar von lohnintensiven Arbeitern, die Meter für Meter abgehen und Qualität und Zustand überprüfen.

„Es macht viel Arbeit“, sagt Jürgen Jakobs und klingt dabei dennoch zufrieden. Denn bei dem Frühjahrsgemüse lohnt es sich. Schließlich haben die Spargelbauern nur zwölf Wochen Zeit, ihren Jahresgewinn einzufahren. 

Es stellt sich die Frage, ob sich diese gezielte Bewässerung auf den überschaubar großen Spargelfeldern auch für die riesigen Getreidefelder lohnen könnte? Sebastian Arnold vom Landwirtschaftsministerium in Potsdam erklärt die Entscheidungsfindung bei den Landwirten so: „Generell eignen sich Gemüse, Kartoffeln, Spezialkulturen und Obst eher für eine Zusatzbewässerung. Bei Getreide und Futter ist diese häufig mit zu hohen Kosten verbunden und rechnet sich womöglich für die Betriebe nicht.“

Neben der Tröpfchenbewässerung gibt es auch mobile Beregnungsmaschinen oder Kreisbewässerung – doch lediglich zwei Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Brandenburgs werden künstlich bewässert, schätzt der Landesbauernverband. Sprecherin Meike Mieke sagt: „Beregnet werden maximal Kartoffeln, punktuell der Mais, wenn er zur Deckung des Tierfutterbedarfs eines Betriebs unentbehrlich ist.“

Auch weniger Pflanzenschutzmittel

Doch es geht nicht nur um den Kampf gegen die Dürre mit möglichst wenig Wasser. Es gibt auch andere positive Effekte. Gurkenbauer Heinz-Peter Frehn aus Steinreich im Unterspreewald hat in seinen 40 Jahren Gurkenanbauexpertise etwas beobachtet. „Wenn man die Pflanzen nicht von oben auf die Blätter, sondern direkt auf und in der Erde begießt, wird die Pflanze kaum nass, ist damit gesünder und widerstandsfähiger“, sagt er. „Das bedeutet weniger Angriffsfläche für zerstörerische Schimmelpilze. An Pflanzenschutzmitteln sparen wir zudem noch 20 bis 35 Prozent der finanziellen Aufwendungen ein.“

Künstliche Beregnung ist schön und gut, aber das Problem der Wasserknappheit muss allumfassender gelöst werden. Zumal es sich stetig weiter verschärft. Im Klimabauern-Projekt des Landesbauernverbandes Brandenburg wird genau das erklärt, was auf den Äckern geschieht: Sandböden tendieren zur Bodenhydrophobie – das heißt: Der Boden ist in langen Dürrephasen so trocken und hart, dass er bei Regen das Wasser zunächst abstößt. Es muss lange regnen, bevor es überhaupt einsickern kann. Je dichter die Vegetationsdecke auf dem Acker ist, umso zerbröselter ist der Boden und umso geringer ist die Hydrophobie und die Gefahr, dass das Wasser davonläuft.

Meike Mieke verweist auf solche Vorsichtsmaßnahmen. „Betriebe mit besonders kargen, sandigen Böden setzen auf ganzjährige Bedeckung ihrer Flächen mit Kulturen. Erzielt wird dies auch mit dem Einsatz von Zwischenfrüchten.“ Das kann Ölrettich sein oder Senf. Bei der AGT Trebbin halten Gerste und Mais die Zwischenfrüchte von etwa Juni bis Mai des Folgejahres den Boden bedeckt und schattig. Sie haben noch einen Zusatznutzen: Sie sind bodenregenerierend und gut für die Gesundheit der Pflanzen. Das heißt: Sie hinterlassen das Feld im besseren Zustand als zuvor.

Es sei auch wichtig, die Böden zu schonen. Da fällt Pflügen flach, denn die feuchte Krume aufzureißen, bedeutet, sie auszutrocknen. Meike Mieke stellt die Verfahrensweise der Landwirte dar: „Praktiziert werden bodenschonende, reduzierte Bearbeitungsformen wie Mulchsaat, Direktsaat oder Untersaaten. Diese Bearbeitungsformen lassen das Bodengefüge weitestgehend intakt. Sie beschränken sich auf die Vorbereitung des Saatbetts, während die restliche Ackerfläche vom Mulchgut bedeckt bleibt und so den Boden vor Verdunstung und Erosion schützt.“

Und natürlich schreitet auch in der Landwirtschaft die Digitalisierung weiter voran. Damit die Bauern bequem per App vom heimischen Sofa aus die Feuchtigkeits- und Versorgungszustände auf ihrem Acker beobachten und beeinflussen können, investiert der Europäische Landwirtschaftsfond 500.000 Euro. Im Projekt „Automatisiertes Bewässerungsmanagement für eine ressourceneffiziente Landwirtschaft“ entwickeln dies bis Ende 2023 Mitarbeiter des Forschungsinstituts für Bergbaufolgelandschaften in Finsterwalde. Rainer Schlepphorst erklärt: „Wir koppeln die in der DDR entwickelte und seitdem erfolgreich zur Bewässerung in Deutschland und Russland eingesetzte Software Irrigama steering direkt mit einer App auf dem Smartphone.“