BerlinEin Anruf, es gibt offenbar noch etwas zu klären. Noah Adler schlendert vor dem Schadow-Gymnasium auf und ab, sein Mobiltelefon in der Hand, die Gesichtsmaske unter dem Kinn, eine dunkle Wollmütze auf dem Kopf. Es ist kalt an diesem Nachmittag in Zehlendorfs Mitte, der Unterricht vorbei. Schüler bevölkern den Gehsteig. Noah Adler möchte das Telefonat beenden, setzt zweimal vergeblich an. „Ich habe jetzt einen Interviewtermin“, sagt der 16-Jährige schließlich höflich, aber bestimmt. Es soll um Corona gehen, um Nachbarschaftshilfe und Netzwerke im Internet, um sein Projekt: Coronaport.

Seit dem ersten Lockdown Mitte März betreibt Noah Adler diese Plattform. Sie bringt Menschen zusammen: solche, die Hilfe anbieten, und jene, die Hilfe suchen. Sie macht ihm manchmal mehr Arbeit, manchmal weniger. Im Moment nehmen die Aktivitäten auf Coronaport wieder zu. „Nicht so sehr wie am Anfang“, sagt Noah Adler, „aber diesmal sind die Einschränkungen ja auch nicht so groß.“ Noch nicht. Wenn die Zahl der Neuinfektionen weiter steigt, könnte sich das bald ändern.

Doch selbst ohne einen zweiten kompletten Lockdown gehen Wissenschaftler davon aus, dass Corona die Gesellschaft verändern wird: Manche Gewissheit wird erschüttert, an Gewohnheiten gerüttelt. Vielleicht ist Coronaport für solche Verschiebungen so etwas wie ein Seismograf: etwa für eine Rückbesinnung auf die Nachbarschaft.

Die anhaltende Ausnahmesituation jedenfalls hat einen Trend verstärkt. Schon im Februar 2019 ergab eine repräsentative Erhebung des Statistischen Bundesamtes, dass sich die Mehrheit der Deutschen ein besseres Verhältnis zu den Nachbarn wünscht; 62 Prozent möchten intensivere Beziehungen pflegen. Eine Studie im Auftrag des Energiekonzerns Eon kommt zu dem Ergebnis, dass vor allem die über 55-Jährigen mehr Kontakt in ihrem Wohnumfeld suchen.

Auch Noah Adlers Idee fand ihre Zielgruppe, spontan, aber nicht zufällig. „Ich hatte gelesen, dass sich ältere Leute Sorgen machen, sie könnten sich beim Einkaufen mit Corona anstecken. Ich dachte, diesen Leuten muss man doch helfen können.“ Er suchte im Netz nach Angeboten, fand etablierte Plattformen, Gruppen auf Facebook. „Aber viele Leute haben nach einer schnellen, pragmatischen Lösung gesucht.“

Die bot Noah Adler nun an. Freitags wurde der Lockdown verhängt, noch am selben Abend machte er sich an die Arbeit, konzipierte eine Internetseite, programmierte, und bereits nach dem Wochenende ging der Prototyp an den Start. Das Prinzip: „Diejenigen, die ihre Hilfe anbieten, tragen ihr Angebot und ihre Kontaktdaten in eine Datenbank ein. Diejenigen, die Hilfe suchen, können darauf zugreifen.“

Foto: Privat
Gymnasiast Noah Adler, 16, zu Hause am Computer, von dem aus er seine Plattform Coronaport steuert.

Viel dazugelernt hat Noah Adler im zurückliegenden halben Jahr, über das Programmieren, über Hilfsbereitschaft, auch über Datenschutz. Sein Server steht in einem Rechenzentrum. Die Miete dafür bisher: 110 Euro, finanziert über Spenden. Rund 200.000 Zugriffe gab es schon auf die Seite mit den Hilfsgesuchen. „In jedem Bundesland haben sich Leute registriert“, sagt der Zehlendorfer Gymnasiast. „In Berlin sind es 4000.“ Die Angebote wurden vielfältiger: „Einkaufshilfe groß oder klein, mit Auto oder ohne“, das war der Ausgangspunkt, mittlerweile gibt es Angebote wie: „Digitale Nachhilfe für ältere Menschen“.

Irgendwann hat Noah Adler mit dem Marktführer telefoniert. Er wollte hören, wie der sein Projekt namens „nebenan.de“ so vorantreibt. „Die waren total nett.“

Kreuzberg, ein Treppenaufgang im Hinterhof, ein schlichtes Schild informiert: „nebenan.de“. Ina Remmers öffnet eine schwere Eisentür und bittet ins Innere einer früheren Fabriketage. Der Raum ist groß und verlassen. Vereinzelt sitzt jemand vor einem Computer. Knapp 100 Menschen arbeiten bei nebenan.de. „Jetzt sind die meisten im Homeoffice“, sagt Remmers, die das Unternehmen mit gegründet hat und sich im März plötzlich einer starken Nachfrage gegenübersah. „Es haben sich sehr viele Menschen angemeldet, und die, die schon dabei waren, haben verstärkt ihre Hilfe angeboten.“

An die 100.000 Nutzer kamen dazu, 1,7 Millionen sind es nun insgesamt, Tendenz weiter steigend, wenn auch sanft. „Durch Corona ist der Fokus auf das Lokale gewachsen“, sagt Ina Remmers. „25 Jahre lang waren wir damit beschäftigt, möglichst global unterwegs zu sein. Durch den Lockdown fand eine Rückbesinnung statt.“ Der Bewegungsradius wurde zwangsweise eingeschränkt.

Im Netz ein Netz, das ist verknappt gesagt die Geschäftsidee, die auf diese Herausforderungen durch Corona wie zugeschnitten zu sein scheint. Ina Remmers erklärt: „Wir bieten ein Betriebssystem, das hilft, sich im echten Leben zu begegnen.“ Und im Ernstfall aufzufangen, eben wie ein Netz.

Die Gemeinschaften, die sich auf nebenan.de bilden, sind örtlich begrenzt, anders als auf Facebook oder Twitter werden die Kontaktdaten auf einen überschaubaren Kreis beschränkt. Wie eine Pinnwand funktioniert auch diese Plattform, wer suchet, der findet und schließt sich kurz: im Literaturzirkel, im Freundeskreis der Katzensitter, in der Wandertruppe, der Kochgruppe.

Ina Remmers führt durch die Etage. Drüben macht ein Team Pause bei Kaffee und Tee. An den Wänden hängen Kommentare von Nutzern, großflächig, gerahmt: „Danke nebenan.de. Bin jetzt Leih-Oma für 3 Kinder in der Nachbarschaft. Es hat mir gefehlt, gebraucht zu werden.“ Remmers sagt: „Das wichtigste Thema ist die Anonymität.“

Berliner können über Jahre in einem Haus leben, ohne jemals dem Nachbarn auf der anderen Seite des Treppenabsatzes zu begegnen. In der Großstadt haben sie 2015 angefangen, Ina Remmers, Christian Vollmann, Till Behnke und Matthes Scheinhardt, in Berlin. Hamburg, Frankfurt, München, und weitere Metropolen kamen dazu, dann Ableger in Frankreich, Spanien und Italien, sie heißen mesvoisins.fr, tienes-sal.es, vicinimiei.it.

Längst jedoch ist nebenan.de in die deutsche Provinz vorgedrungen. Die Zeiten, in denen auf dem Dorf jeder über jeden alles wusste, sind vorbei. „Die letzte Kneipe ist dicht, der Bäcker hat nur zwei Stunden geöffnet, kaum jemand geht noch in die Kirche, Orte der Begegnung brechen weg“, sagt Ina Remmers.

Solche Orte neu zu erschließen, ist die treibende Kraft, bei nebenan.de wie bei Coronaport, und bei beiden Portalen hat sie eine stark soziale Komponente, die beim Marktführer in einer gemeinnützigen Stiftungs-GmbH sichtbar wird. Die eigentliche Firma, die Good Hood GmbH, ist inzwischen Teil eines Konzerns. Der Burda-Verlag, zuvor bereits am Unternehmen beteiligt, erhöhte im September seine Anteile auf 61 Prozent. Die Gründer sind nun Geschäftsführer.

Am Konzept ändere sich dadurch nichts, wie Remmers sagt, „am Prinzip Ökosystem Nachbarschaft“. Ein Terrain unter Datenschutz. „Möglichst viel wissen, um möglichst viel auszuspielen, wollten wir nie“, so Remmers. „Deshalb gibt es auf unserer Plattform auch keine Algorithmen.“ Reich sind sie damit bisher nicht geworden.

87 Prozent der Deutschen wollen Nachbarn helfen

Der Jahresabschluss 2019 lag im oberen sechsstelligen Bereich. „Im siebenstelligen Bereich müssen wir uns schon bewegen.“ 2020 könnte helfen, das Ziel zu erreichen. Lokale Nähe, dieser Trend hält an, und „lokale Nähe ist unsere Währung, nicht der lokale Nutzer und sein Profil“, sagt Ina Remmers. „Doch natürlich ist auch klar: Wenn jemand gewerblich bei uns teilnimmt, kostet das Geld.“

Derart sparsam gedüngt, wächst das Ökosystem Nachbarschaft langsam, aber es gedeiht auf sehr fruchtbarem Boden. Der Eon-Studie zufolge helfen 87 Prozent der Deutschen gerne aus, möchten Nachbarn kleine Gefallen tun. So wie Noah Adler, obwohl das nächste Projekt, das er plant, nicht klein, sondern eher groß gedacht ist. Es geht um eine digitale Lösung für Notrufe und Erste Hilfe. „Kein Geschäftsmodell, eher wieder etwas Soziales“, sagt er.

Im kommenden Jahr macht Noah Adler Abitur. Sein Berufswunsch: Menschen helfen. Das Ziel ist ein Studium der Medizin.