Gökhan und Dilber Dogan sind Imbissbudenbesitzer im Prenzlauer Berg. 
Foto: Volkmar Otto

BerlinEs ist Nachmittag, und in dem Lokal geht es inzwischen ruhiger zu. Gerade hat ein Mann in dem Imbiss „Neuland Curry – Curry 32“ an der Greifswalder Straße 32 Pommes Frites bestellt, Gökhan Dogan hat ihn bedient. Seine Frau Dilber Dogan sitzt vor der Tür auf einer Bank, vor ihr steht ein schwarzer Tee. „Mittags haben wir am meisten zu tun“, sagt sie.

Die Corona-Krise hat die beiden nicht verschont, das Virus fraß ihren Umsatz. Um sie herum schlossen die Büros, viele Mitarbeiter sitzen daheim in Kurzarbeit und Touristen blieben aus. Gökhan Dogan (47): „Wir haben 50 Prozent Verluste, wenn es so weiter geht, überleben wir das nächste Jahr nicht.“ Vor Corona ging er bis zu drei Mal die Woche einkaufen. Heute ein Mal.

Das Ehepaar ist ein Familienbetrieb, seit 2004 hat es das Schnellrestaurant im Prenzlauer Berg. Die zwei haben erlebt, wie sich das Viertel in den vergangenen Jahren verteuert hat, die Mieten ins Unermessliche stiegen. Wie der Blumenladen aus der Hufelandstraße ausziehen musste, weil der Besitzer die Pacht nicht mehr bezahlen konnte. „Wir hatten Glück, wir haben noch eine recht preiswerte Wohnung.“

Dilber Dogan hat bei der letzten Bundestagswahl die Grünen gewählt

Sie mag trotz der höheren Lebenskosten das Flair ihres Kiezes - sie mag das Weltoffene, die Multi-Kulti-Gesellschaft, die sich hier etabliert hat. Und sie mag die Alteingesessenen, die schon vor der Wende im Prenzlauer Berg wohnten. Sie liebt Offenheit und Toleranz – auch wenn sie auf die nicht überall trifft.

Die Dogans haben sich in ihrem Kiez angepasst. Bei ihnen gibt es nur Fleisch aus artgerechter Haltung. „Etwas anderes kann man hier nicht anbieten“, lächelt die Ehefrau. „Die meisten hier legen Wert auf bewusste Ernährung. Aber das ist auch gut so.“

Dilber Dogan hat bei der letzten Bundestagswahl die Grünen gewählt. Sie befragte damals den Wahl-O-Mat und bekam als Antwort, dass die ihren Vorstellungen am nächsten sind.

Die 50-Jährige lebt seit 1973 in Berlin. Sie ist ein Kind der ersten Gastarbeiter-Generation, hat die deutsche Staatsbürgerschaft. „Mein Vater war seit 1967 in der Stadt, wir sind ihm ein paar Jahre später aus der Türkei gefolgt.“

Heute empfinde ich die Gesellschaft oft als egoistisch

Dilber Dogan

Dilber Dogan wächst in Kreuzberg auf. Mal in Kreuzberg 61, später in der Waldemarstraße in Kreuzberg 36. Sie liebt das Viertel. „Wir hatten eine wunderschöne Kindheit“, sagt sie, nimmt einen Schluck Wasser: „Wissen Sie, früher war es mit der Integration noch ein wenig anders. In Berlin lebten noch nicht so viele Türken, wir mussten uns arrangieren und haben dadurch ganz schnell die Sprache gelernt. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich hatte deutsche Freundinnen, bin mit ihnen zur Schule gegangen. Wir kamen alle aus Arbeiterfamilien, ehrliche Malocher, bei denen es egal war, was der andere macht. Niemand neidete dem anderen etwas. Heute empfinde ich die Gesellschaft oft als egoistisch. Jeder ist sich selbst der nächste.“

1989, im Jahr des Mauerfalls, ist für sie - wie für viele andere auch - ein Umbruch. Sie macht eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Angestellten. „Ich habe es am 9. November zufällig im Fernsehen mitbekommen, dass die Grenzen offen sind. Ich habe mich für die Menschen gefreut, dass sie endlich reisen können.“ Sie erinnert sich an das erste Wochenende. Alle Geschäfte waren geöffnet. Vor den Banken bildeten sich lange Schlangen. „Ich stand staunend davor.“ Bananen und Orangen waren ausverkauft.

Ihr Leben ändert sich. Die Stadt ändert sich, sie ist plötzlich voller Menschen, voller Erwartungen und Ängste. Sie erlebt Frust – auf beiden Seiten. In Ost- und West, trotz Wiedervereinigung. Manchmal spürt sie, dass Ausländer auf einmal als störend empfunden werden. Dass sie zu einem Feindbild geworden sind.

Das Paar meidet manche Kieze

„Das hatte ich vorher nie erlebt, plötzlich war ich für manche eine dreckige Ausländerin. In einige Bezirke traute man sich gar nicht. Dort wurden Türken wie ich übelst beschimpft. Warum muss man sich so erniedrigen lassen?“  Sie zuckt mit den Schultern. „Es ist heute noch so, dass ich bestimmte Kieze meide. Vielleicht ist es wegen der oft noch herrschenden Unzufriedenheit, die ich teilweise verstehe. Viele haben ihre Existenzen verloren, standen plötzlich auf der Straße.“

Gökhan Dogan am Grill. Spezialität sind Currywurst und Schnitzel. 
Volkmar Otto

Ihr Sohn (18), der hier geboren ist, wurde jüngst erst von einem älteren Mann beschimpft. „Geh doch dahin zurück, wo Du herkommst“, schrie dieser. Die 50-Jährige: „Wo sollen wir denn hingehen? Wir haben immer hier gelebt, gearbeitet und Steuern gezahlt. In der Türkei werden wir genauso wenig akzeptiert, weil wir für die Menschen dort Deutsche sind. Wir haben keine Heimat, sitzen zwischen den Stühlen. Lasst uns doch einfach mehr aufeinander zugehen.“

Sie stört es allerdings ebenso, wenn sich Ausländer nicht integrieren. „Meine Güte, sie haben gerade in diesem Land alle Möglichkeiten. Man braucht Eigeninitiative und den Willen. Stattdessen schotten sie sich ab, bleiben unter sich und sprechen kein Deutsch. Es ist eine verrückte Welt.“

Anfangs habe ich mich unwohl gefühlt, weil ich hier keine Freunde hatte. Aber das hat sich nach ein paar Monaten geändert.

Gökhan Dogan über seine erste Zeit in Berlin 

Ihr Mann setzt sich dazu. Er ist 1973 in Izmir geboren, lebte dort bis 1999. Nach der Heirat folgte er seiner Frau nach Berlin. „Anfangs habe ich mich unwohl gefühlt, weil ich hier keine Freunde hatte. Aber das hat sich nach ein paar Monaten geändert.“ Er möge die Menschen, die hier leben. Gerade im Prenzlauer Berg. „Ich empfinde viele hier als warmherzig. Es ist sehr familiär.“

Dilber Dogan nickt: „Das stimmt, man kennt uns hier aber auch seit zig Jahren. Unser Sohn ist hier in die Kita gegangen, wir haben den Laden.“ Er: „Ja, und wenn einer unfreundlich zu mir ist, dann bin ich es eben auch.“ Sie: „Wenn mich einer dumm anmacht, reagiere ich gar nicht mehr. Ich bin kein Mensch, der Hassgefühle entwickelt.“

Es gibt noch einen Tee und die Frage: „Warum kocht Ihr hier nicht türkisch?“ Sie lächelt: „Wir haben das so übernommen und wollten es nicht ändern. Ich mag die deutsche Küche.“ Und dann erzählt sie von ihrem Vater, der anfangs nur in Berlin arbeitete, um Geld für einen Traktor zu verdienen und danach wieder zurück in seine Heimat wollte. Er blieb, fand einen Job im alten Urban-Krankenhaus als Pförtner, machte sich später in der Gastronomie selbständig. „Er hatte den ersten türkischen Lebensmittelladen in der Adalbertstraße in Kreuzberg.“ Sie vermisst ihn, er ist vor ein paar Jahren gestorben.

Ich wünsche mir eine schöne, zufriedene und glückliche Zukunft für meinen Sohn und nachfolgende Generationen. Vor allem eine friedliche.

Dilber Dogan

Wo sollten wir in 30 Jahren sein? Dilber Dogan: „Ich wünsche mir eine schöne, zufriedene und glückliche Zukunft für meinen Sohn und nachfolgende Generationen. Vor allem eine friedliche. Dass es keine Ausgrenzung mehr gibt, sondern dass sich die Gesellschaft sich auf Nächstenliebe besinnt.“ Und dass Corona sich nicht noch 30 Jahre hinziehe. Sie lächelt. „Oder uns ein anderes Virus in Angst und Schrecken versetzt.“

Sie fügt hinzu: „Corona zeigt doch, dass wir alle in einem Boot sitzen. Dass es keine Grenzen kennt und jeden treffen kann. Viele Menschen sind dadurch auch enger zusammengerückt, besinnen sich mehr auf Familie und Freunde. Andere sind allerdings noch weiter von anderen weggerückt, einige drehen durch und suchen Schuldige. Das ist keine Lösung. Es geht nicht darum, wer schuld ist, sondern dass wir nach Wegen suchen. Gemeinsam.“

Ihr Mann räumt die Teegläser ab. Gleich werden sie ihren Imbiss schließen. Für heute jedenfalls.