BerlinVerdorbenes Niederdeutsch oder verlottertes Hochdeutsch? Eine Mischung von beidem? Mundart oder Dialekt? Der Schriftsteller Willibald Alexis (1798–1879), Breslauer mit hugenottischen Wurzeln, empfand die Sprache Berlins als „Jargon aus dem verdorbenen Plattdeutsch und allem Kehricht und Abwurf der höheren Gesellschaftssprache“. Das Verhältnis der „Außerhalbschen“ zum Berlinischen speiste sich gerade im 19. Jahrhundert, als Hinz und Kunz so redete, nicht eben aus Zuneigung. Die neuere Sprachwissenschaft nennt das Berlinische einen Metrolekt – die Sprache einer Metropole mit stetigem Zu- und Wegzug. Der sprachliche Eintrag durch Neu-Berliner aus allen Himmelsrichtungen veränderte das Berlinische zu allen Zeiten.

Die Erste, die sich dem Berlinischen über Meinungs- und Missfallensäußerungen hinaus wissenschaftlich widmete, war Agathe Lasch (1879–1942), die erste Germanistikprofessorin Deutschlands, gebürtige Berlinerin und Jüdin. Die Expertin für das Niederdeutsche dachte bei ihren Forschungen nicht daran, den ausgetretenen Pfaden der Berlinisch-Verächter zu folgen. Sie wählte den seinerzeit neuen Ansatz der Soziophilologie und nahm die angeblich so verkommene Berliner Art ernst. Gleich in der Einleitung ihres 1928 erschienenen, zum Klassiker gewordenen und gerade neu aufgelegten Buches „Berlinisch“, der ersten ernst zu nehmenden Monografie zur Sache, legt sie dar: „Wer eine Sprachform in ihrem Wesen erkennt, wird ihre Berechtigung verstehen.“

Entsprechend lautet der Untertitel „Eine berlinische Sprachgeschichte“. Agathe Lasch geht über Lautstände und Intonationen, Wortschatz und Grammatik hinaus und verknüpft die Wendepunkte in der Geschichte Berlins mit den Änderungen der Sprache. So kommt es, dass deren Sprecher und Sprecherinnen quicklebendig durch den Text schreiten. Fräulein Professor Dr. Lasch hat das Berlinische gerettet – jedenfalls dessen Ehre. Eine ihrer Nachfolgerinnen an der Universität Hamburg , Ingrid Schröder, Professorin für Niederdeutsch und Linguistik des Deutschen, nennt das Buch „Berlinisch“ eines der „zentralen Referenzwerke für eine historische Sprachwissenschaft des Niederdeutschen“ bis heute.

Und was ist nun mit der Sprache der Berliner? „Sie ist kein Jargon, sie ist ihrer Entstehung nach nicht verdorben, ist in ihrer reinen ursprünglichen Form kein Mischmasch, kein Gemisch dessen, der eine gebildete Sprache sprechen will, aber nicht kann, sondern ist organisch geworden“, so lautet der Freispruch durch Agathe Lasch. Allerdings: „Sie ist auch nicht, wie sonst meist die Mundart, in ruhigem Fortgang der alten angestammten Form geworden.“ Vielmehr entstand das Neu-Berlinische durch eine politische 180-Grad-Wende.

Die Franken brachten die Wende

Die kam um 1500 und folgte einem Dynastiewechsel bei Hofe: Das Geschlecht der askanischen Ritter, Eroberer des slawischen Heidenlandes zwischen Elbe und Oder und Gründer Berlins, waren ausgestorben; die Hohenzollern rückten ein und änderten die Verhältnisse fundamental. Zuvor hatten die Gründer von Berlin/Cölln als Fernhändler durch die mittelalterlichen Jahrhunderte hindurch Niederdeutsch gesprochen. Ihre Handelsplätze lagen im Norden – in Lübeck, Hamburg und den holländischen Städten, wo man Getreide und Holz gegen Tuche tauschte. Die Doppelstadt Berlin/Cölln gehörte der Hanse an, und die Verwaltung führte das Berliner Stadtbuch in Plattdeutsch. Um die dort verzeichneten Streitfälle, Urteile und Rechtsnormen zu verstehen, braucht der Heutige eine Übersetzung.

Mit den neuen fränkischen Herrschern wendete sich das Leben und Streben gen Süden und Osten: 1451 hatte Friedrich II., genannt Eisenzahn, sein Berliner Schloss bezogen. Der neue Hofstaat kam aus dem Süden. Fränkische und sächsische Beamte brachten ihr jeweiliges Idiom mit. Leipzig stieg auf zum Mittelpunkt der neuen Handelswelt. Die sprach einen ostmitteldeutschen Dialekt, der zur obersächsisch-meißnischen Gruppe gehörte. Die Meißner Kanzleisprache sollte später zum Hochdeutsch aufsteigen.

In Leipzig traf der Geschäftsmann von der Spree auf die Fugger und Welser, die großen Kaufleute aus Augsburg. Mit Platt konnte man mit diesen Herren nicht kommen. „In Leipzig lernt der Berliner sein Hochdeutsch“, schreibt Agathe Lasch. Adels- und Bürgerfamilien schickten fortan ihre Söhne zum Studieren nach Leipzig, Wittenberg, Halle und Frankfurt an der Oder  sowie zur Ausbildung in die Messe- und Bücherstadt Frankfurt am Main. Mit dem Einzug des Kanzleischreibers Johann Nether im Jahr 1504, der sein Hochdeutsch in obersächsischem Gebiet erworben hatte, setzte sich die neue Normsprache im Berliner Verwaltungsgebrach vollends durch.

Niederdeutsch verklingt, Sächsisch kommt

In kaum drei Jahrzehnten hatte die Berliner Oberschicht – aus ganz pragmatischen Gründen – das angestammte Niederdeutsche aufgegeben. In keiner anderen Stadt geschah die Hinwendung zum Hochdeutschen so schnell wie in Berlin. Wer geschäftlich und gesellschaftlich mithalten wollte, übernahm das neue Idiom. Berliner Patrizierfamilien änderten sogar ihre Namen: So nannten sich die Rykes fortan Reiche. Die anfangs scharfe Trennung von Hof und Bürgergesellschaft löste sich im 16. Jahrhundert auf. Auch die niederen Stände übernahmen mit der Zeit das obersächsisch-meißnische Hochdeutsch. Agathe Lasch spricht vom „Verklingen“ des Niederdeutschen.

Doch von einer glatten, rein kopierenden Übernahme kann nicht die Rede sein, sodass „zwischen Berlin und Sachsen heute (d. h. 1928) eine Ähnlichkeit nicht besteht“, wie Agathe Lasch anmerkt. Der Unterschied liege in dem, „was Berlin zu dem Übernommenen selbst hinzugegeben hat“. Das „Mißnische“ diente demnach als Knochengerüst, niederdeutsche Sprechbasis, Lautbildung und Intonation blieben erhalten. Die Berliner ahmten die Laute nur annähernd nach. Und sie wussten vom Niederdeutschen her ein „B“ von einem „P“ zu unterscheiden, ebenso wie ein „D“ von einem „T“. „Der Lautstand blieb, die Aussprache der Laute folgte eigenen Regeln“, beschreibt Agathe Lasch, was jeder hören kann.

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Die Friedrichstraße im Jahr 1909, Flanier- und Vergnügungsstraße sondergleichen, ein Sehnsuchtsort für Leute aus ganz Deutschland. Hier sprach man Berlinisch.

Nicht dazu gehörte, was heutzutage für superberlinisch gilt, nämlich ick, wat und det. Solch gröbere, plattdeutsche Elemente drangen erst viel später neu ein, mit der Migration von Arbeitskräften vom Lande. Diese Wörter galten als „pöbelhaft“. Wohl aber gehörte dazu das „J“ statt „G“, die Zusammenziehung und das konsequente Vertauschen von mir und mich wie in diesem Beispiel: „Haik mich doch jleich jedacht.“ Berlinerinnen liebten es, die Sprache durch Zusatz von Extra-Buchstaben zu verfeinern , und so entstanden Apfrikose, Karnickel und Karnaille.

Hugenotten, Oranier, Böhmen und Schlesier haben auf ihre Art vor allem den berlinischen Wortschatz bereichert. Im 18. Jahrhundert sprach der Hof Französisch, im Privaten aber Berlinisches Hochdeutsch – der Alte Fritz berlinerte, was das Zeug hielt –, und das Bürgertum pflegte dessen Sprache. Ein vom Direktor des Gymnasiums zum Grauen Kloster erarbeitetes deutsches Wörterbuch erschien 1741. „Was wir heute als ,berlinisch‘ und besonders fassen, ist damals die allgemeine Form“, schreibt Agathe Lasch.

Stammrevier in Alt-Berlin

Nach dem Ende der Leibeigenschaft wuchs der Zustrom von Menschen nach Berlin im 19. Jahrhundert ins Gigantische. Die Leute kamen aus allen umliegenden Regionen, aus dem Märkischen, aus Pommern, Mecklenburg, Schlesien. Das Stadtleben, das Zusammenleben, der Zwang, sich durchzusetzen, der Wille zum Aufstieg, der Schulbesuch beeinflussten die Volkssprache. Agathe Lasch beobachtete einen „lautlichen Zerfall“, doch zugleich habe der Wort- und Redensartenschatz dem Sprachbild neue Farbe verliehen.

Ihr Lieblingsbeispiel zeigt die Art, die Zuzügler zu verspotten: „Dir ham se woll mit ’ne Möhre aus’n Urwald jelockt.“ Hier, im Spannungsfeld der vielen Zugezogenen, entsteht der heute sprichwörtliche Witz, die grobe, aber harmlose Schnoddrigkeit. Agathe Lasch nennt es den „sprachlichen Ortsgeist“. Der sprühte bis 1920 in der Kernzone der Berlinischen Sprache, in Alt-Berlin, und behielt auch nach der Gründung von Groß-Berlin dort sein Stammrevier, wo der Sprachwitz am kräftigsten gedieh.

Berlin, die Hauptstadt der DDR, lebte das Berlinern – es widerstand dem starken Sachsenzustrom. Und heute? Das Berlinische lebt in einer polyglotten Szenerie. Wer was gelten will, spricht Hochdeutsch. Aber ein bisschen berlinern ist schick. Es entspräche der Logik, wenn der Eingeborene inmitten von Multijargon seinen Spaß am Eigenen findet. Wer wissen will, wie das geht: Lasch lohnt sich.

Das Buch

Neuauflage: „Berlinisch. Eine berlinische Sprachgeschichte" von Agathe Lasch ist 2020 als unveränderter Faksimilereprint neu aufgelegt worden – gedruckt auf alterungsbeständigem Werkdruckpapier, das den Originaleindruck am besten wiedergibt, gebunden in Ganzleinen mit Rückengoldprägung und bibliophil ausgestattet mit rundem Rücken und Lesebändchen.

Verlag: Ursprünglich 1928 bei Berlin Verlag von Reimar Hobbing. Jetzt: Fines Mundi Saarbrücken, www.fines-mundi.de, 354 Seiten, 35 Euro.

Ehrengrab: Informationen zum Ehrengrab für Agathe Lasch unter www.agathe-lasch.de/aktuell.htm