An den Gleisen der Linien M13, M4 und 12 wird mächtig gewerkelt. Die 12 fuhr bis vor kurzem noch normal und war oft voller als früher. Viele haben womöglich wie ich die Busse gemieden und ihre Tramroute geändert, um etwa zum Alexanderplatz zu kommen. Dabei fahren viele Busse, so viele, dass sie in ihrer Reihung manchmal aussehen wie ein Buszug. Aber man muss eben mehr laufen, mehr Ampeln überqueren.

Trotz der neuen Route ist die 12 auch an diesem Tag fast voll besetzt. Auf die letzten beiden leeren Plätze setzen sich ein Vater und seine beiden Kinder. Genauer gesagt: Das kleinere von beiden sitzt schon. Wie ein Affenjunges hängt es bäuchlings an Papas Brust, die Beine angezogen wie in einer Trage. Sein Gesicht kann ich nicht erkennen. Der andere Junge, er mag fünf oder sechs Jahre alt sein, bekommt den Platz am Fenster. Er sieht aber nicht hinaus, sondern verträumt auf irgendeinen Punkt hinter mir. Vielleicht ist es auch kein Punkt, sondern eine imaginierte Landschaft, gar ein Land. Ja, es wirkt, als ob der Mensch hinter diesen Augen verreist sei. Weit weg.

Es sind große Augen, sehr groß und sehr rund und sehr braun. Gleich falle ich hinein, denke ich, und dass ich den Fall nicht aufhalten würde. Was immer statt des abwesenden Jungen dahinter ist, es kann nichts Schlechtes sein. Sondern etwas, dass man bei der Rückkehr gerne gesehen hat. Wovon man anderen erzählt. Vielleicht ist er dann auch wieder da und vielleicht trägt er dann keine Maske mehr.

Es ist einer der selten gewordenen Momente, in denen sie mich stören. Regelrecht schmerzen. Weil ich neugierig bin auf sein Gesicht. Übrigens auch auf das des Vaters, der auch sehr schöne Augen hat und dieselben dichten Haare. Ich zwinge mich, nicht zu starren, sondern zu lesen. Doch als die drei aussteigen, kann ich mir eine kleine Verrenkung nicht verkneifen. Sollen doch alle denken, ich habe mich verliebt. Ein bisschen bin ich es ja. In die Augen eines fremden kleinen Jungen. Leider kann ich ihre Gesichter nicht sehen, weil sie direkt auf ein Geschäft zusteuern.

An diesem Tag nehme ich die Masken um mich herum ganz intensiv wahr. Versuche, gedanklich Gesichter zu vervollständigen. Denke an etliche Anlässe, an denen ich und etliche andere maskenlos zusammenkommen durften. Und bin froh, dass sie mich immer noch beschäftigen. Ich möchte mich nicht daran gewöhnen, Mundpartien zu erraten. Weder in der Tram noch irgendwo.