Vieles aus dem Berlinerischen stammt ursprünglich aus der jiddischen Sprache.
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BerlinHeute wieder etwas aus dem Wir-bleiben-drin-Alltag in der Corona-Zeit. Ich schaue gerade zwei interessante Serien im Internet: „Shtisel“ und „Unorthodox“. Sie spielen in orthodoxen jüdischen Gemeinden in Jerusalem und New York. In beiden wirkt die wunderbare Schauspielerin Shira Haas mit. In „Unorthodox“ spielt sie eine junge Jüdin, die ihrer streng geregelten Welt entflieht, um in Berlin neu anzufangen.

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Man spricht in den Filmen Hebräisch und Jiddisch. Das Jiddische – in dem hebräische und aramäische Einflüsse zusammenkommen – war einst dem Schoß der deutschen Sprache entsprungen. Es wanderte nach Osten und kehrte irgendwann wieder zurück. Mir wurde plötzlich bewusst, wie sehr das Jiddische auch den Berliner Jargon geprägt hat.

„Mit dir muss man mal richtig Tacheles reden!“

„Wat, du jehst heut’ malochen? Du bist ja meschugge!“ – „Ick muss weg von meene doofe Mischpoke. Da is dauernd Zoff.“ Wie oft in meinem Leben habe ich ältere Berliner so reden hören! Ohne jiddische Begriffe könnte man auf Berlinisch gar nicht richtig schimpfen. Hier eine kleine Tirade: „Mann, du hast ja ’ne Chuzpe. Du vermasselst allet! Ick finde et schofelig, dette hier mit deine Ische rumhängst, lauter Tinnef vakoofst, statt mit Maloche ordentlich Moos zu machen. Wat? Du hast Bammel? Erzähl mal keen’ Schmus und keene Schoten. Dit machste wohl aus Daffke? Mit dir muss man mal richtig Tacheles reden!“

Juden in Berlin wurden erstmals 1295 erwähnt. In den folgenden Jahrhunderten gab es immer wieder Pogrome und Vertreibungen. Als dann der Große Kurfürst 1671 fünfzig jüdischen Familien aus Wien den Zuzug gestattete und eine neue, sich ständig vergrößernde Gemeinde entstand, fiel das genau in die Zeit, in der sich das Berlinische herausbildete, wie wir es heute kennen. Die Sprache der Zuwanderer war so neu und beeindruckend, dass sie schnell in die allgemeine Sprache wanderte.

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Jiddisch im Berliner Jargon

Die Herkunft vieler Wörter erklärt der Rabbiner Andreas Nachama in seinem Büchlein „Jiddisch im Berliner Jargon“. „Zocken“ etwa stammt vom jiddischen Wort für Spielen. „Angeschickert“ sein kommt von „Schikur“, was Trunk heißt. Der „kranke Gaul“ ist doppelt gemoppelt. Er hat seinen Ursprung in „chaule“, dem Kranken. „Aus Daffke“ leitet sich von „Dawka“ her, was „so und nicht anders“ bedeutet. Der „Ganove“ kommt von „Ganaf“, dem Dieb. Ja, sogar „doof“ könnte aus dem Jiddischen stammen – abgeleitet von „dow“, dem täppischen Bär.

Irgendwie passt dieses Thema auch zu Ostern. Schließlich lebte Jesus, um den es geht, einst in Galiäa. Er soll einer toratreuen jüdischen Familie entstammen, im Alltag aramäisch geredet haben und auf „Jeschua ben Josef“ getauft worden sein.

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Typisch für jüdischen Humor

Zum Schluss noch eine Szene aus der Serie „Shtisel“. Ich empfinde sie als typisch für den jüdischen Humor, der hier eine große Rolle spielt: Ein Jerusalemer Rabbi redet öfter im Geiste mit seiner gestorbenen Frau. Einmal geht in seiner Stube eine Lampe kaputt. Er klettert auf einen Stuhl, um sie auszuwechseln. Der Stuhl bricht zusammen. Der Rabbi liegt auf dem Boden. Alles tut ihm weh. Er stöhnt, kommt nicht mehr hoch. Da zieht er erst mal eine Zigarette aus der Schachtel in seiner Brusttasche, zündet sie an und raucht. Plötzlich liegt neben ihm seine Frau. Sie sagt: „Ich wollte diese Stühle schon vor zehn Jahren ersetzen.“ Er fragt: „Warum haben wir das nie getan?“ Sie: „Du hast gesagt, die halten noch mindestens zehn Jahre!“ Da dreht er sich zu seiner Frau und sagt: „Also hatte ich doch recht.“