Berlin - Marktstände, Buden, Garküchen dicht an dicht. Dann der quer in die Spree gelegte Staudamm, darauf Mühlen zum Walken, Schneiden, Mahlen. Auch auf der für Fußgänger bequem begehbaren Flussquerung stand Geschäft an Geschäft – eine Ladenstraße mit Arkaden. Eine Krämerbrücke, in der Funktion dem vielgeliebten Erfurter Schmuckstück verwandt.

So sah es aus am Cöllnischen Fischmarkt und in seiner Umgebung, vor allem auch entlang der Spreeufer. Alles voller Märkte, bis hin zum Spittelmarkt zog sich die belebte Gewerbezone auf der Cöllnischen Seite. Auf der Berliner Seite des Mühlendamms ging es so bis zum Molkenmarkt. Hier lag über Jahrhunderte das Geschäftszentrum der Doppelstadt Berlin-Cölln.

Hier war der Hafen, hier kamen die Kaufleute mit ihren Kähnen aus Hamburg und von weiter her an, kauften den weithin berühmten Berliner Roggen, brachten niederländische Tuche, Fisch und so fort. Wer weiter flussaufwärts wollte, musste seine Waren aus- und auf der anderen Dammseite auf andere Kähne umladen. In der Zwischenzeit waren die niedergelegten Güter zu handeln. Selbst vor der Petrikirche, der ältesten auf der Cöllner Seite, war Markt, der Hundemarkt. Die Tiere brauchte man in der Stadt vor allem als Zugtiere für kleine Wagen.

Arme, ahnungslose Politik

Keine Frage: Der Fischmarkt war nicht nur gemeinsam mit dem Molkenmarkt der älteste Platz überhaupt, sondern der gewerbliche Mittelpunkt der aufblühenden Handels- später sogar Hansestadt. Entsprechend sah die Anwohnerschaft aus: Hier bauten die Kaufleute ihre Häuser, hier wohnten die Patrizier, die im Rat der Stadt Cölln über das Wohl des Gemeinwesens entschieden. Rund 1400 bis 2000 Einwohner hatte Cölln im Mittelalter auf der Spreeinsel.

Wo aber ist dieser bedeutende Ort, an dem das heutige Berlin seiner durch Handel und Wandel Fern und Nah verbindenden Geschichte ansichtig werden könnte?

Die Antwort ist ebenso erschütternd wie banal: Er ist weg, begraben unter Asphaltbändern. Heute kreuzen sich dort Gertraudenstraße, Mühlendamm und Breite Straße in anti-urbaner Wüstenei. Er wurde ins Vergessen gezwungen: Den Anfang machten die Nationalsozialisten, ihnen folgten Nachkriegsplaner des Ostberliner Aufbaus und ihre tätigen Erben in den diversen Nachwende-Senaten.

Gut möglich, dass der sozialdemokratische Bausenator Andreas Geisel vom Cöllnischen Fischmarkt nichts weiß. Er wäre nicht der einzige im Senat, seiner Verwaltung und im Kuratorium Berliner Mitte, der vollständige Ahnungslosigkeit hinsichtlich der verlorenen Altstadt und ihres Modernisierungsschicksals zeigt. Selbst Grundwissen über schicksalhafte Ereignisse wie den Durchbruch der Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Karl-Liebknecht-Straße) vom Lustgarten zum Alex fehlt erwiesenermaßen. Dennoch entscheiden sie über solche Orte.

Die Spuren des Cöllnischen Fischmarkts sind vollständig getilgt. Das Haus der Wirtschaft – es beherbergt immerhin Nachfolger der frühen Kaufleute – wurde verschlossen und abweisend konzipiert. Es hält nicht einmal die historischen Baufluchten ein. Nur ein durch Fenster in Bodenhöhe sichtbarer Streifen an der Fassadenkante gibt den Blick frei auf eine archäologische Bodenschicht. Darüber ein alter Berliner Stadtplan. Erläuterungen gibt es nicht. Für wen auch. Wer kommt schon hier entlang.

Früher war immer was los

Immerhin, der Petriplatz ist noch da, wo er immer war und wo die uralten Fundamente der Petrikirche von 1230 samt des sie umgebenden Friedhofs die Archäologen begeisterten. Die Kirche wurde über die Jahrhunderte mehrfach neu gebaut ehe die Kriegsruine 1964 abgerissen wurde. Auf dem Gelände parkten jahrzehntelang Autos. Jetzt erwartet den Platz eine Zukunft mit einem interkulturellen Bethaus, dem House of One, und dem Archäologischen Zentrum.

Dieses sollte längst im Bau sein, was Berliner Schnarchwirtschaft und Bürokratie bis heute zu verzögern wussten. Immerhin: Dieses Zentrum wird irgendwann Menschen anziehen. Früher war in dem hochurbanen Raum „immer etwas los“, wie Prof. Felix Escher, Mittelalterspezialist und einer der besten Kenner der Berliner Geschichte, es beschreibt. Kaum vorstellbar, dass es auch nur annähernd wieder so sein wird. Derzeit spricht alles für eine fortgesetzte Ausweitung der Betonwüste.

Gerade entsteht an der Ecke Breite Straße/Gertraudenstraße am unteren Ende des Petriplatzes ein weiterer Riesenkubus in der inzwischen sprichwörtlichen Berliner Schießscharten- und Bunkerarchitektur. Insofern fällt er in seiner Umgebung nicht weiter negativ auf. Fast zynisch wirkt das architektonische Zitat des Cöllnischen Rathauses – ein aufgesetzter Dachblock. In dem Rathaus, das über Jahrhunderte an dieser Stelle stand, herrschte eine selbstbewusste Bürgerschaft.

Über 30 Prozent der Häuser zerstört

Das Märkische Museum fand hier zeitweise seinen Standort – bis das Gebäude 1899/1900 abgebrochen wurde und an seiner Stelle ein Erweiterungsbau des Kaufhauses Hertzog entstand. Die nördliche Häuserzeile des Fischmarktes fiel um 1935. Ein Verwaltungsgebäude trat an die Stelle. Zugleich erfuhr der Mühlendamm einen massiven Umbau. Die Nationalsozialisten planten ein „Gau-Forum“ und fingen schon mal an, Gebäude abzureißen. Im zweiten Weltkrieg wurden über 30 Prozent der Häuser zerstört. Den Rest erledigte die achtspurige Autoschneise Gertrauden- und Grunerstraße, die 1966 bis 1977 dem alten Handelsplatz den Garaus machte.

Am unteren Ende der Spreeinsel standen die meisten Häuser noch, und die Ostberliner Planer dachten zunächst an Rekonstruktion. Doch dafür hätte man Baumaterial und vor allem Handwerker gebraucht. Beides stand nicht zu Verfügung. Dann wurde erwogen, wenigstens die Randbebauung in historischer Form zu erhalten. Doch es kam 1967 die „große“ Lösung: Komplettabriss, Punkthochhäuser. Damit es nett und weniger nach Köln am Rhein klingen sollte, nannte man das Areal „Fischerinsel“. Eine Erfindung ohne Vergangenheitsbezug.

Eine Stelle, zwischen Straße und Spree, im Schatten der Türme, gibt gerade wieder Anlass, über das Schicksal des Ortes zu reden. An der Ecke Mühlendamm/Fischerinsel soll nach Senatsplänen ein weiteres Hochhaus entstehen. Die Bäume sind abgeholzt, die Archäologen freuen sich auf einen außerordentlichen Grabungsplatz, der einen Teil des Fischmarktes erfasst. Die Hochhausbewohner lehnen einen Schattenwerfer ab, sie wollen, was jeder Anwohner will: Alles soll bleiben, wie es ist – die Parkplätze, das Grün. Sonstige Menschen, zum Beispiel künftige Schlossbesucher, die vielleicht zur Spree bummeln, erfahren maximale Abweisung dort, wo es doch einladend sein sollte.

„Schon alles falsch gemacht“

Stadthistoriker Felix Escher reagiert resigniert: „An diesem Ort ist nichts mehr falsch zu machen, es ist schon alles falsch gemacht.“ Und weil in dieser Generation von Bauten eh nichts zu retten sei, könne man auch nachverdichten. Mittelalterliches sei nicht mehr erfahrbar, womöglich könnten Touristen den „rauen Charme“ des Ortes interessant finden. Man könnte auch sagen: Da die Besichtigung von Barbarei zu den Hauptmotiven für einen Berlinbesuch gehört, fände sich hier ein Exempel für Stadtvernichtung.

Weit bessere Aussichten bestehen für andere nahe gelegene Leidensorte. Bei der Neubebauung der westlichen Breiten Straße vielleicht? Man ist gespannt. Die Parochialkirche erhielt ihren Turm zurück; wenn das Glockenspiel vom Singuhrturm wieder erklingt, wird er Menschen ins Klosterviertel ziehen und sicherlich wie einst begeistern. Beim Richtfest schwebten Gedanken über den Wiederaufbau des Franziskanerklosters und späteren Grauen Klosters durch den Raum. Und der Molkenmarkt darf auf Rückbau der überdimensionierten Straße hoffen. Ein lebendiges Viertel soll dort entstehen, wo einst der Jüdenhof lag.

Noch so ein Stück Ur-Berlin.