Berlin - Was kommt eigentlich nach dem Füller? Eine Frage, die das deutsche Mittelstandsunternehmen Lamy umtreibt. Der Hersteller für Schreibgeräte diskutiert Innovationsideen aber nicht nur an seinem Sitz in Heidelberg. In einem Hinterhof am Teutoburger Platz im Prenzlauer Berg will Lamy darauf eine Antwort finden. Oder besser gesagt: sie mit anderen traditionellen Familienunternehmen gemeinsam im „Maschinenraum“ erarbeiten.

Befasst man sich näher mit dem Maschinenraum, wird deutlich, dass in dem Gebäude reichlich Berliner Geschichte steckt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrieb eine jüdische Familie einen zu dieser Zeit sehr bekannten Konfektionsbetrieb. Kurz vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten wechselte der Besitzer. Der neue Schneidermeister führte den Betrieb bis zur Gründung der DDR. Anschließend wurde in einem Teil des Gebäudes die Schuhfabrik Goldpunkt geschaffen, die für führende Mitglieder der DDR-Regierung bis zur Wende feinstes Schuhwerk herstellte.

Idee zum Maschinenraum stammt aus der Provinz

Seit Anfang 2020 soll im Maschinenraum die Geschichte fortgeschrieben werden - mit erfolgreicher Digitalisierung. Dabei richtet sich der Blick auf mittelständische Unternehmen aus Deutschland. Eines dieser Unternehmen ist der Heizungsbauer Viessmann aus dem hessischen Allendorf. Maximilian Viessmann, Co-CEO der Viessmann Gruppe, hat vor sechs Jahren die digitale Transformation des Familienunternehmens eingeleitet und später basierend auf den Erfahrungen den Maschinenraum in Berlin ins Leben gerufen.

„Er wollte eine lernende Organisation schaffen, um den Blick über die eigene Industrie hinauszuheben und  von anderen zu lernen“, sagt Tobias Rappers. Auch den Wirtschaftsstandort Deutschland wolle er mit dem Maschinenraum stärken. Rappers bezeichnet sich selbst als Ökosystemleiter, eine Art Geschäftsführer vor Ort.

Rappers, 34, aufgewachsen in Duisburg, stammt selbst aus dem Dunstkreis eines Familienunternehmens, das sich mit der Herstellung von Fenstern und Rollläden beschäftigt. Er hat BWL studiert und in der Unternehmensberatung bei Roland Berger gearbeitet. Wie will er mittelständische Unternehmen auf den richtigen digitalen Weg bringen?

„Wir verstehen uns als Orchestrator. Wir möchten Themen zwischen den einzelnen Unternehmen moderieren“, sagt er. 18 Mitarbeiter seien allein dafür da, die Konzerne miteinander zu verknüpfen. Bei konkreten Fragestellungen eines Unternehmens schauen sie, welche andere Firma gerade denselben Weg geht oder vor kurzem gegangen ist. Das gelingt nicht nur über die Mitarbeiter, sondern auch über den Maschinenraum-Navigator, eine App, über die sich die Unternehmen direkt vernetzen können.

Zusätzlich bringt Rappers‘ Team die einzelnen Fachbereiche der Organisationen – beispielsweise Strategie, Recruiting, Kommunikation – in einen kontinuierlichen Austausch untereinander. Rappers wirft hin und wieder auch selbst den Motor an und stellt unter den Unternehmen Fragen zum Gebäude der Zukunft als Inspiration in den Raum. „Wir sagen aber nicht, was richtig oder falsch ist. Wir kuratieren nur“, betont Rappers.

Die Möglichkeit zur Vernetzung und die Anreize zum Gedankenaustausch lassen sich die Unternehmen rund 20.000 Euro jährlich kosten. 240 Arbeitsplätze auf über 4500 Quadratmetern stehen zur Verfügung. Der Maschinenraum sei kein elitärer Club, jeder könne mitmachen, der zur Vision und den anderen Unternehmen passe, so Rappers. 28 Mittelständler tauchen bisher im Portfolio des Maschinenraums auf. Neben Lamy gehören Digital Spine, eine Ausgründung des Aufzugsbauers Vestner, die Paracelsus Kliniken oder die Logistikfirma Fiege dazu. „Für viele Mittelständler ist es sinnvoll, in Berlin eine Infrastruktur zu haben, wenn sie beispielsweise in Start-ups investieren oder neue Ideen entwickeln wollen“, sagt Rappers.

Stärkung des Handwerks funktioniert nur mit Digitalisierung

Als einziges Berliner Unternehmen ist aktuell die Dussmann Service Deutschland vertreten. Zu deren Kerngebieten zählen Gebäudereinigung- und Technik, Sicherheitsdienst oder Catering. In all diesen Bereichen möchte sich der Konzern digitaler aufstellen und wirtschaftlich, operativ und kulturell einen nachhaltigen Mehrwert schaffen, sagt Philipp Conrads, 41, Vorsitzender der Geschäftsführung. „Wir wollen durch digitale Services Kunden und Mitarbeitenden das Leben erleichtern, Prozesse verschlanken, um unsere wertvollen Angestellten in den Aufgabenfeldern zu fördern, in denen sie kreativ und mit Leidenschaft dabei sind.“

Konkret nennt Conrads ein Beispiel aus der Küche. Bei Köchinnen und Köchen gehe man davon aus, dass sie acht Stunden am Tag ausschließlich kochen. Es seien aber auch Bestellungen zu machen, die Hygieneregeln müssen eingehalten und dokumentiert, neue Mitarbeiter eingearbeitet werden. „Das alles ist wichtig, hält aber unsere Fachkräfte vom eigentlichen Handwerk ab“, sagt Conrads. „Wir wollen wieder stärker dahin zurück. Das funktioniert nur mit mehr Digitalisierung.“ So soll die Arbeitszeiterfassung künftig über eine Mitarbeiter-App abgewickelt werden.

Foto: Volkmar Otto
Philipp Conrads ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Dussmann Service Deutschland GmbH.

In dieser App schwebt Conrads auch eine Funktion mit dem Namen „Gute Idee“ vor, die das Unternehmen voranbringen soll. „Wenn wir von 16.000 Mitarbeitenden die Ideen sammeln können, haben wir viele potenziell gute Ideen und zusätzliche Chancen zur Weiterentwicklung“, sagt Conrads. „Jeder einzelne hat eine Stimme, die müssen wir hören.“

Und was bringt Dussmann Service mit Sitz in Berlin der Austausch mit den mittelständischen Unternehmen aus der Provinz? Conrads hält gerade diesen Dialog für besonders spannend. „Firmen, die nicht in Berlin sitzen, haben ganz andere Herausforderungen, aber auch ganz andere Lösungen. Wie ist beispielsweise der Fachkräftemangel an geografisch kleineren Standorten spürbar? Und was wird dagegen unternommen?“, fragt Conrads. Eine Frage, die ihm im Maschinenraum sicherlich 27 andere Unternehmen beantworten können.