BerlinCarolyn Krause, medizinische Fachangestellte beim Robert-Koch-Institut (RKI), setzt die Nadel an den Arm von Stephan von Dassel. Ein Stich, ein gequältes Lächeln des Bezirksbürgermeisters Berlin-Mitte - und schon füllt sich die Kanüle mit Blut. Die Live-Blutabnahme in einem Testbus des RKI vor der Arminius-Markthalle in Moabit am Montagmittag soll Motivation für die 2000 Einwohner aus dem Bezirk Berlin-Mitte sein, die in den vergangenen Tagen eine Einladung zu der „Corona-Monitoring-lokal“-Studie des RKI erhalten haben. Ab Dienstag, 17. November, sollen sie auf Coronavirus-Antikörper untersucht werden. 

Knapp drei Wochen lang, bis zum 5. Dezember, will das RKI auf diesem Wege herausfinden, ob die Testpersonen bereits Antikörper gegen das neuartige Coronavirus gebildet haben. Es ist die erste große Antikörperstudie des RKI in einer Großstadt in Deutschland, so Osamah Hamouda, Leiter der Abteilung für Infektionsepidemiologie vom RKI.

Berlin-Mitte als Corona-Hotspot

Am Montag wurden die Details zu der Studie im Rathaus Tiergarten bekannt gegeben. Der Bezirk Mitte wurde laut Hamouda nicht zufällig ausgewählt. Kriterium für eine Teilnahme war für die Wissenschaftler, dass es sich bei der untersuchten Region um einen Corona-Hotspot handelt. Wie viele Menschen sind aktuell infiziert? Wie sind die klinischen Verläufe? Unter welchen Spätfolgen leiden die Betroffenen? All diese Fragen sollen hier geklärt werden. In Mitte gab es alleine in den vergangenen sieben Tagen 1300 neue Fälle. 

Die Untersuchung ist die vierte Erhebung im Rahmen der „Corona-Monitoring-lokal“-Studie, erklärt Hamouda. Neben Berlin-Mitte wurden bereits in drei weiteren besonders betroffenen Regionen Deutschlands jeweils 2000 Einwohner untersucht: Kupferzell (Baden-Württemberg), Bad Feilnbach (Bayern) sowie Straubing (Bayern). 

Insgesamt sollen 8000 Erwachsene an der Studie teilnehmen - vorab zufällig ausgewählte Menschen, die direkt vom RKI angeschrieben wurden. Die Teilnahme sei freiwillig, betont Claudia Santos-Hövener, Studienleiterin des „Corona-Monitoring lokal“ des RKI, sie sagt aber auch: „Bisher haben sich 944 Personen angemeldet. Wir bitten jeden Einwohner des Bezirks, der unsere Einladung erhalten hat, diese auch wahrzunehmen.“

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Neben der Frage nach der Entwicklung von Antikörpern wollen die Wissenschaftler zusätzlich herausfinden, wie viele Menschen ohne Krankheitssymptome infiziert waren, welche Menschen häufiger von einer Covid-19-Erkrankung betroffen sind und wie oft die Erkrankung im Krankenhaus und auf der Intensivstation behandelt werden muss. „Eine spannende Frage ist außerdem, wie hoch die Dunkelziffer ist“, sagte Santos-Hövener. „Wie viele Fälle wurden nicht identifiziert.“

Die Zufallsstichprobe in Mitte soll möglichst repräsentativ sein. Das RKI-Team wird die Teilnehmer in den kommenden Wochen mithilfe eines Fragebogens nach ihrer Gesundheit befragen. In den zwei Studienstandorten in Moabit und Wedding wird zusätzlich Blut entnommen, um Antikörper nachweisen zu können. Außerdem erfolgt ein Rachen-Abstrich, um eine akute Infektion ausmachen zu können. Beides wird in extra dafür aufgestellten Testbussen des RKI vorgenommen. 

Wird eine Person positiv auf Corona getestet, werde sie sofort informiert, sagt Santos-Hövener. Außerdem werde das Gesundheitsamt benachrichtigt. „Die ersten Ergebnisse unser Studie in Berlin-Mitte werden wir Ende Januar, Anfang Februar verkünden können“, so die Studienleiterin. 

Erste Ergebnisse aus kleineren Städten

„Berlin-Mitte hat ein sehr dynamisches Infektionsgeschehen. Hier ist es diffuser als in den anderen Regionen, in denen wir bereits Menschen getestet haben.“ Berlin sei zudem viel diverser, berichtet die Studienleiterin: „Sozioökonomische Faktoren sind für uns auch sehr spannend.“ Aus zwei Orten der Corona-Monitoring-lokal-Studie sind nach Datenerhebungen im Sommer bereits Ergebnisse auf der RKI-Webseite veröffentlicht: In Bad Feilnbach wurden laut RKI 2,6-mal mehr Infektionen nachgewiesen, als zuvor dort bekannt war. In Kupferzell in Baden-Württemberg waren es sogar 3,9 mal mehr.

Zu den Ergebnissen in Bad Feilnbach sagte Santos-Hövener, dass keine akuten Infektionen festgestellt wurden. Bei sechs Prozent der erwachsenen Einwohner Bad Feilnbachs konnten positive Antikörper-Nachweise gegen SARS-CoV-2 nachgewiesen werden. Sie hatten demnach die Infektion bereits durchgemacht. Doch nicht jeder, der eine Infektion überstanden hat, bildet auch automatisch Antikörper, erklärt Hamouda. 

Gleich viele Antikörper bei Männern und Frauen

Bei Frauen und Männern wurden in Bad Feilnbach gleich häufig Antikörper nachgewiesen, so Santos-Hövener. 14,5 Prozent der Personen mit einem positiven Antikörper-Nachweis hatten keine typischen Krankheitssymptome. 85,5 Prozent der Menschen hatten laut der Studie mindestens eines der Symptome. Dazu gehören etwa Fieber über 38 Grad, Atemnot und Kurzatmigkeit, Husten, Schmerzen beim Atmen, Lungenentzündung, Halsschmerzen und eine Geruchs- und Geschmacksstörung. Eine weitere Erkenntnis: Bei 39,9 Prozent der positiv getesteten Erwachsenen in Bad Feilnbach konnten keine Antikörper nachgewiesen werden. 

„Was wir jetzt schon sagen können: Nur ein geringer Teil der Bevölkerung hat bereits die Infektion durchgemacht. Wir sind da momentan noch in einem einstelligen Bereich“, sagt Hamouda. „90 Prozent der Bevölkerung hatte das Virus noch nicht.“ Somit hätten diese auch noch keine Antikörper bilden können. Er appelliert daher einmal mehr an die Berliner: „Tragen Sie eine Maske, achten Sie auf den Mindestabstand und bleiben Sie bei Symptomen zuhause.“