Berlin - André Hoek kommt nicht gern zum Berliner Hauptbahnhof. Als ehemaliger Obdachloser war der Vorplatz zur Spree hinaus jahrelang seine „Schnorrplatte“, wie es im Jargon heißt. An einem kalten Januartag kehrt der 51-Jährige nun als gepflegter Geschäftsmann mit Anorak und Lederschuhen zurück dorthin, wo er früher bettelte.

Hoek kennt noch die schlimmen Geschichten, die sich auf der Straße abspielen. „Hier an der Zufahrt hat ein Taxi einen Obdachlosen angefahren“, erinnert er sich. Der Unglückliche sei vor den Wagen getorkelt, als der Fahrer sein Navi einstellte. „Ist nie wieder aufgewacht“, sagt Hoek nüchtern.

Um solche Schicksale zu verhindern, setzt sich der frühere Wohnungslose seit längerem für seine ehemaligen Leidensgenossen ein. Er engagiert sich als Streetworker, hält Vorträge an Hochschulen, bearbeitet das Thema Obdachlosigkeit bei Politik, Wissenschaft und Medien. Auch Berliner Zeitung und Kurier berichteten über seine Aktionen. So sammelte Hoek online 8500 Euro an Spenden, verteilte sie in Zehn-Euro-Scheinen an Bedürftige.

Foto: Volkmar Otto
Im April 2020, während der ersten Welle der Corona-Pandemie, sammelte André Hoek (li.) Spenden und verteilte sie an Obdachlose.

Nun hat Hoek seine eigene Initiative gegründet, das „Projekt-X“. Damit will er Menschen von der Straße holen, nach seinem eigenen Vorbild. Denn, so sagt er: „Ich bin einer von wenigen, die den Rückweg aus der Obdachlosigkeit geschafft haben. Nicht wegen, sondern trotz der bestehenden Hilfesysteme.“

Um dieses harte Urteil zu verstehen, muss man sich anschauen, wo Hoek herkommt. „Der Hauptbahnhof hinter mir war mein Wohnzimmer und unter der Brücke da vorne war mein Schlafzimmer“, zeigt er. „Dort stand mein Zelt, da habe ich geschlafen, teils bei minus 15 Grad.“

Von Februar 2016 bis Mai 2017 lebte der frühere Webdesigner auf der Straße und wurde Alkoholiker. Trank laut eigener Aussage drei Flaschen Wodka am Tag und musste dreimal im Krankenhaus wiederbelebt werden. „Sterben ist gar nicht so schlimm, muss man keine Angst vor haben“, sagt er und lächelt ermunternd.

Nach dem Koma landete Hoek im Rollstuhl

Hoek landete damals erst im Koma, dann im Rollstuhl. Trainierte selbst wieder laufen, gleich hier vorne am Treppengeländer, als die Ärzte meinten, sie könnten ihm nicht helfen. „Um Kosten für die Reha zu sparen“, wie er glaubt. Das akzeptierte er nicht. „Ich lasse mir von einem Weißkittel nicht sagen, ob ich laufen kann.“

Diesen Willen, sich selbst zu helfen, will Hoek nun auf Obdachlose und freiwillige Unterstützer übertragen. Klar, es gebe bereits Hilfsangebote, aber die nennt Hoek teils „unterirdisch“. 4000 Obdachlose leben nach seinen Schätzungen in Berlin, offiziell gezählt wurden 2000. Knapp 1000 Plätze gebe es in den Notschlafstellen, die aber nicht voll genutzt würden; auch wenn mittlerweile für genug Abstand gesorgt sei.

Hoek setzt sich an die Spree, wo früher sein Zelt stand und auch heute Menschen campieren. Er erklärt, die Nähe zum Fluss wärme die Schlafenden im Winter eher, als sie auszukühlen. Und anders, als viele annehmen würden, frören Obdachlose tagsüber beim Betteln an zugigen Plätzen mehr als nachts mit zwei Schlafsäcken.

In der Corona-Zeit ist die Situation auf der Straße besonders hart. Im Lockdown sind weniger Menschen unterwegs, die Zeitungen kaufen oder Geld geben, es liegen kaum Pfandflaschen zum Sammeln herum.

Nachts bekommt Hoek viele Anrufe von Obdachlosen, die seine Visitenkarte haben und in Not sind. „Sie hungern und haben keinerlei Reserven“, sagt er. Gerade in der Anfangsphase der Pandemie hielten viele Menschen Wohnungslose für ansteckend. Also organisierte Hoek die Spendenaktion bei betterplace.org.

Es gibt natürlich viele Hilfsangebote des Senats. So öffnet zum Beispiel das Hofbräu am Alexanderplatz nun als Tagestreff für Obdachlose. Doch stets nur Suppen, Decken oder Plätze zum Aufwärmen als Almosen anzubieten, ändere das Grundproblem nicht, klagt Hoek und spricht von einer Armutsindustrie, die ganz gut mit dem Status quo lebe. Und bis geplante Änderungen der Politik griffen, etwa eine Datenbank für Schlafplätze, „vergehen zehn, 15 Jahre und viele Obdachlose erfrieren in der Zwischenzeit“.

Also hat Hoek sich neben seinem Job als Versicherungsverkäufer kurz vor Weihnachten an den Computer gesetzt. Auf der Webseite www.obdachlos-deutschland.de gibt er nun motivierten Menschen eine Anleitung, wie sie mit vereinten Kräften Obdachlosen wieder auf die Beine helfen können. „Die Menschen müssen runter von der Straße und wieder in geregelte Verhältnisse“, fordert Hoek. Selbst Wohnung und Arbeit könne man so finden.

Unter dem Namen „Projekt-X“ gibt Hoek im Internet konkrete Tipps und beantwortet Fragen. Zum Beispiel, wie man einen Obdachlosen auf der Straße anspricht. Nämlich wie jeden Menschen: höflich, freundlich, respektvoll. Zur Vorbereitung könne man auch ein paarmal Geld und nette Worte spenden, Vertrauen aufbauen.

Oder wie man eine Bestandsaufnahme macht, was der Obdachlose benötigt. Denn die Probleme seien wie bei jedem Menschen verschieden. Oft leiden die Betroffenen an physischen oder psychischen Problemen, Alkohol- oder Drogensucht, stehen mit dem Gesetz in Konflikt, haben Schulden oder Sprachbarrieren, brauchen Papiere fürs Amt. Nicht jeder will sich bei allem sofort helfen lassen. Es sei wichtig, die Wünsche der Person zu hören, das Tempo anzupassen.

„Diese Methode habe ich bei anderen Obdachlosen angewendet und viele von der Straße bekommen“, versichert Hoek. „Meine Idee ist: Leute sollen sich zu kleinen Gruppen aus drei bis fünf Leuten zusammenschließen, um zu helfen.“ Für Einzelpersonen sei die Aufgabe zu groß, doch in der Gruppe sei es schaffbar.

Dafür will Hoek nicht nur per Webseite Expertise anbieten –über eine Telefonnummer, ein Forum, einen Chat. Langfristig hofft er, auch eine Koordinierungsstelle aufzubauen, bei der man anrufen und vorbeischauen könne. Hoek will im Idealfall Sozialarbeiter einstellen. Er stehe schon in Gesprächen mit einem möglichen Investor.

Viele Obdachlosen haben keine Papiere für Sozialhilfe

Für die privaten Helfer sei der finanzielle Aufwand überschaubar. „Vielleicht 20, 30 Euro anfangs für jeden, um Passbilder zu machen und einen neuen Personalausweis zu beschaffen.“ Viele Obdachlose hätten keine Papiere und kämen allein deshalb schon nicht ins Sozialsystem zurück. Bereits existierende Hilfen wie Hartz IV, Suchtkliniken oder Obdachlosen-Unterkünfte will das „Projekt-X“ dabei nutzen und einbeziehen.

Wie hart der Weg zurück ins Leben sein kann, weiß Hoek aus eigener Erfahrung. Vor zwei Jahren landete er kurzzeitig wieder auf der Straße, nachdem er seinen Job als Streetworker im Kältebahnhof Lichtenberg verloren hatte. Hoek fing wieder an zu trinken, wies sich nach einigen Tagen selber in eine Entgiftungsklinik ein. Ein Freund habe nicht so viel Glück gehabt, ihm sei der Heroinentzug zu lange verwehrt worden. Hoek hörte nie wieder von ihm.

Der 51-Jährige kennt viele solcher Geschichten, daher ist sein Misstrauen gegenüber den etablierten Institutionen oft hoch. Er hat seinen eigenen Kopf, redet schnell und dreht dabei Zigaretten. Das Rauchen will er bald auch aufgeben.

Der Idealist räumt selbst ein, dass manche Fälle, etwa bei Sucht, zu schwer seien für Laien, um allein zu helfen. „Die Leute werden keine Sozialarbeiter“, sagt er, „aber Experten für Obdachlosigkeit.“ Und auch wenn Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln derzeit Hilfe erschweren, sei sie weiter möglich und sehr nötig.

Wem das „Projekt-X“ auf Anhieb zu viel scheint, der hat auch andere Möglichkeiten, Menschen auf der Straße zu unterstützen. „Die effektivste Soforthilfe ist, Geld zu geben“, sagt Hoek. Wer bettele, der brauche das Geld auch. Und: „Betteln macht keinen Spaß.“ Also gibt André Hoek auf dem Weg zurück in den Hauptbahnhof auf der „Schnorrplatte“ nicht nur etwas Kleingeld, sondern den Bekannten von früher auch ein nettes Wort dazu.