Der heilige Mauritius im Magdeburger Dom, gefertigt um 1240. Die älteste figürliche Darstellung eines afrikanischen Mannes nördlich der Alpen.
Foto: Wikimedia Commons/Chris 73

Berlin/MagdeburgWer behauptet, ein Mohr sei eine niedere Gestalt, dumm und plump, der stelle sich Auge in Auge vor den heiligen Mauritius im Magdeburger Dom. Dort steht kein Verachteter, sondern ein Verehrter. Der Meister, der vor fast 800 Jahren die lebensgroße Figur hergestellt hat, zeigt diesen Afrikaner als Individuum. Er muss solchen Menschen begegnet sein, so lebensnah sind die Gesichtszüge geformt.

Um das Jahr 1240 meißelte ein Bildhauer der Zweiten Magdeburger Dombauhütte die Stifterfigur aus Bernburger Sandstein. Ihre Füße sind verloren, die Skulptur ist ab Rocksaum 1,15 Meter hoch und etwa 220 Kilogramm schwer. Es handelt sich um die erste Darstellung eines schwarzen Mannes nördlich der Alpen, erschaffen für den ersten gotischen Dom auf deutschem Boden. Wahrscheinlich gehörte der Künstler derselben Schule an wie jener, der die wunderbare Uta und deren depperten Gatten für den Naumburger Dom schuf. Auch diese Höhepunkte mittelalterlicher Kunst, die für einige Jahrzehnte zu individueller Darstellung des Menschen von großer Ausdrucksstärke fand.

Nach dem Stand der Forschung gab Albrecht II. von Käfernburg, bis 1232 Erzbischof in Magdeburg, die Figur in Auftrag. Albrecht war ein weitgereister Mann, der in Bologna und Paris studiert und im Gefolge Friedrichs II., König von Sizilien und Jerusalem, von Italien aus die Alpen überquerte. Jener Zug führte nach Aachen, wo der Staufer 1215 zum römisch-deutschen König gekrönt wurde, und mit ihm kamen schwarze Menschen in den Norden. Dieser vielfältig interessierte Mann, von 1220 an auch Kaiser, verwandelte im 13. Jahrhundert Europa zwischen Sizilien und der Nordsee, zwischen den Landen des Deutschen Ordens im Osten und der Grenze zum Frankenreich im Westen zu einem Kontinent, der multiethnische Herkunft als Selbstverständlichkeit akzeptierte.

Spektakulär in Farbe wie das Original: Nachbildung des heiligen Mauritius aus dem 3D-Drucker und auf Grundlage von Farbpigmentanalysen.
Foto: Charlen Christoph, Magdeburger Museen

Um 1230 wurde die Arbeit am heiligen Mauritius in Auftrag gegeben, und man sparte an nichts. Überwältigend – „wie Hollywood“ – müsse die Wirkung der Figur auf Menschen des Mittelalters gewesen sein, sagt Dr. Carl-Peter Hasse, Historiker am Kulturhistorischen Museum Magdeburg. Seit Herbst 2019 kann man im Ottonianum den Effekt nachvollziehen: Dort steht eine nach allen Regeln der Kunst nachgestaltete, 1,52 hohe Figur, so wie sie höchstwahrscheinlich zum Zeitpunkt ihres Entstehens aussah: Sie bekam ihre Füße zurück und damit ihre Wirkung als freistehende Figur, in der rechten Hand hält sie die Mauritius-Fahne, in der linken ein Schild mit Wappen. Vor allem aber wurde die entsprechend der am Original gefundenen Pigmente die Farbigkeit der Skulptur wieder hergestellt: das dunkle Gesicht, der malachitgeschmückte Gürtel auf leuchtend weißem Gewand und, alles überstrahlend, die goldglänzende Rüstung mit fein ausgearbeitetem Kettenhemd. Der Künstler wählte keine römische Legionärskleidung, sondern die Ausstattung mittelalterlicher Ritter in feinster Form. So etwas Edles kannte man bestenfalls von Kaisern. Würdevoller geht es nicht. Auch das Blau der Augen ist durch Pigmentfunde belegt. Historiker Hasse meint, dass der Künstler diesem bedeutenden Heiligen als Kristallisationspunkt des Vielvölkerreiches mit Bedacht blaue Augen verliehen hat. Auch kennt man aus Afrika Blauäugige, zum Beispiel unter den Tuareg.

Der Märtyrer ist in Europa bekannt mit den Namensvarianten Mauritius, Maurice, Moritz – allesamt wie auch das Wort Mohr von lateinisch Maurus, der Maure, abgeleitet. Weltweit sind ihm 850 Kirchen geweiht, allein in Deutschland 138, auch in Berlin gibt es eine. Besonders üppig blühte der Mauritius-Kult in Magdeburg. Kaiser Otto I. führte seinen Sieg 955 auf dem Lechfeld gegen die ungarischen Eindringlinge auf die Hilfe seines Lieblingsheiligen zurück. 937 hatte er in Magdeburg das Mauritius-Kloster gegründet. 1209 unterstützte Kaiser Otto IV. daselbst den Bau der ersten gotischen Kathedrale in Deutschland. Mauritius wurde neben der heiligen Katharina zu Stifterfigur. Den Stiftern gehörte nach der Regel alles: der Dom, das Erzbistum (seit 968), das Land. Das Siegel des Domkapitels zeigt den heiligen Mohren. 1220 kam mit der Hirnschale des Märtyrers eine zentrale Reliquie nach Magdeburg und wurde in einem wertvollen Kopfreliquiar gefasst. Wie so vieles verschwand das gute Stück mit dem Ende des Reliquienkults zur Reformationszeit. Carl-Peter Hasse vermutet: Ein eifernder Protestant ließ das Reliquiar einschmelzen.

Schrein in Saint-Maurice Quelle: Wikimedia
Die Heiligenlegende

Herkunft: Geboren wurde Mauritius in Theben in Ägypten, nahe Luxor. Laut Heiligen-Lexikon verhielt es sich so: Mauritius war römischer Offizier und Anführer der 22. Thebäischen Legion, deren Angehörige in der Region um Theben ausgehoben worden waren. Die Legionäre waren, wie ihr Kommandeur, allesamt Christen.

Martyrium: Als Christen verweigerten sich die Legionäre, als sie heidnischen Göttern opfern und sich an der Verfolgung von Christen beteiligen sollten. Als die 6600 Männer bei der Überquerung der Alpen in der Nähe des römischen Agaunum meuterten, ließen die Römer erst jeden Zehnten hinrichten, dann alle. Auch ihren Anführer.

Verehrung: Die Anbetung als Märtyrer begann, als Bischof Eucherius von Lyon um 455 mündliche Überlieferungen zu einer Passionsgeschichte verschriftlichte. Um 380 hatte man die Gebeine des um 290 in Agaunum, heute Saint-Maurice in der Schweiz, Getöteten entdeckt, archäologische Funde sprechen für die Existenz einer Hinrichtungsstätte.

Als Schutzheiligen des Heeres, der Messer- und Waffenschmiede riefen die Menschen Mauritius vor Kriegszügen an, so sicherlich auch, als es über die Elbe ging: Östlich von Magdeburg erstreckte sich bis ins 11. Jahrhundert das letzte nicht christianisierte Territorium Europas. Ritter und Bischöfe nahmen den slawischen Heiden ihr Land: 1157 hatte Albrecht der Bär, der 60 Kilometer südöstlich von Magdeburg in Ballenstedt geborene Askanier, die Brandenburg erobert und die gleichnamige Mark gegründet, seine Söhne Johann I. und Otto III. gelten als die Gründer von Berlin und Kölln.

Just zu der Zeit, als um 1240 in der Magdeburger Werkstatt der Mohr entstand, bestätigte die älteste überlieferte Urkunde den Aufstieg Cöllns zur Stadt – das Dokument von 1237 gilt bis heute als Gründungsdokument Berlins. In ihrer Expansionslust bekamen es Johann und Otto mit dem 1235 eingesetzten Magdeburger Erzbischof Wilbrand von Käfernburg zu tun, der ebenso wie die beiden Markgrafen im neuen Land, nach Gebieten trachtete. In der Literatur geistert die Kunde herum, es habe im frühen Cölln eine Niederlassung des Magdeburger Erzbistums gegeben. Fakt ist, dass der Primas von der Elbe im Pakt mit den Wettiner-Fürsten Heere schickte, um die Vorherrschaft in Köpenick, auf dem Teltow und dem Barnim zu erlangen. Seit dem Sieg der Askanier im sogenannten Magdeburger Krieg 1245 gehört die ganze Region dauerhaft zu Brandenburg.

Dafür gewann der Magdeburger Wilbrand das Land Lebus (heute zwischen Frankfurt an der Oder und Küstrin). Der Kalksteinbruch Rüdersdorf blieb noch jahrhundertelang über die Magdeburger Gründung Kloster Zinna unter dem Einfluss der westelbischen Erzbischöfe.

Allen kriegerischen Konflikten zum Trotz bedienten sich die Brandenburger Markgrafen der bedeutendsten Kulturleistung der schon gereiften Stadt: des Magdeburger Rechts. Sie ließen diese Rechtsnormen in Stendal und Brandenburg/Havel gelten; 1232 wurde es Spandau verliehen. Das Magdeburger Recht stellte zwischen Landesherrn, Rat und Schöffen geregelte Macht- und Kompetenzverhältnisse her. Es brachte Rechtssicherheit als entscheidende Voraussetzung für das Gedeihen eines städtischen Gemeinwesens.

Die Verehrung des heiligen Mohren übertrug sich nicht auf die Neugründung an der Spree, so viel Magdeburg wollte man wohl doch nicht. Aber die Mauritius-Figur am Jüterboger Rathaus ist dem Magdeburger Mohren wie aus dem Gesicht geschnitten.

Mit der Berliner Mohrenstraße hat der heilige Mauritius wenig zu tun, es sei denn man blickt noch tiefer in die Geschichte, in die biblisch-vorrassistische Zeit, als die Bewohner Afrikas wie die anderen Kinder Gottes als Nachfahren Noahs und seiner drei Söhne galten. Ham, der jüngste, hatte seinem Vater beim Bau der Arche geholfen und damit das Überleben der Menschheit gesichert. Als Ham nach der Sintflut mit seiner Frau Nachfahren gezeugt hatte, wurden diese zu den Vätern der Völker Afrikas. Schöne Geschichte. Oder beleidigende Fremdzuschreibung?