Als die von Karl Friedrich Schinkel entworfene Friedrichswerdersche Kirche 1831 nach fast genau zehn Jahren Planungs- und Bauzeit eingeweiht wurde, stand Berlin für kurze Zeit an der Spitze der mitteleuropäischen Architekturdebatte: Mitten in der bis dahin vom Spätbarock  beeinflussten und klassizistisch geprägten Innenstadt setzte sich hier erstmals durch, was spätere Generationen als „Historismus“ beschrieben.

Schinkel hatte nämlich 1824 für den Ersatz der alten Kirche, die als baufällig galt, gleich vier ästhetisch fundamental gegensätzliche Entwürfe vorgelegt: Als antiker Tempel mit Säulen, mit breit ausladender Kuppel, als Folge gleichhoch gewölbter Renaissance-Räume, mit gotisch anmutenden Türmen. Kronprinz Friedrich Wilhelm, ein durchaus begabter Architekturdilettant, setzte dann durch, dass eine neugotische „Chapel“ entstand. Die riesigen Fenster orientierten sich am Licht-Kult der Sainte Chapelle in Paris, an englischen College-Kapellen oder Kapitelhäusern des Deutschen Ordens in Ostpreußen. Die Lust an der zierlichen Konstruktion und die strenge Grundrisssystematik erinnern an französische Architekturhandbücher der Zeit.

Der Bau war eine Sensation und zeigte, wie tief diese Zeit nach den Umbrüchen seit der Französischen Revolution von der Frage geprägt war, die der badische Architekt Heinrich Hübsch 1828 in einem zum Motto gewordenen Buchtitel umriss: „In welchem Style sollen wir bauen.“ Bis dahin war das keine Frage gewesen, man baute im Stil der Zeit. Nun aber wurde genau der Stil zur Entscheidungsfrage; man konnte wie der Kronprinz aus dem riesigen Fundus der Architekturgeschichte scheinbar nach Belieben auswählen. Das war durchaus ein Befreiungsakt. Auch die Bürger errangen mit dem Historismus die Möglichkeit, über Hierarchien hinweg ihre Interessen architektonisch auszudrücken: Mietskasernen erhielten Palastfassaden, Villen konnten Burgen oder Landhäuser sein, Kirchen oder Synagogen romanisch, maurisch oder barock erscheinen. Wenn heute Häuser und Einrichtungen im „Bauhaus-“ oder „schwedischen“ Stil angeboten werden, geht das auch auf diese soziale Emanzipation der Architektur um 1830 zurück.

Die Friedrichswerdersche Kirche war nach dem Krieg ausgebrannt und teilweise eingestürzt, wurde erst zur 750-Jahrfeier Berlins 1987 wiederhergestellt. Auch sie ist also Resultat tiefschürfender Bauforschung und Restauratorenkunst, keineswegs ein „Original“. Eröffnet wurde in ihr das „Schinkelmuseum“ mit Skulpturen des Klassizismus und einigen Resten jener Bauakademie Schinkels, die auf Befehl der SED 1961 abgerissen worden war. In den 1990ern folgte eine zweite Restaurierung mit nun erhältlichen, besseren Baumaterialien. Fast gleichzeitig begann einer der größten Berliner Bauskandale der jüngeren Zeit mit langfristiger Wirkung: 2012 musste der kostbare Kirchenbau geräumt werden, weil tiefe Risse in Wänden und Gewölben den Bau und die darin aufgestellten Skulpturen in Gefahr gebracht hatten.

Desaströse Architektur der Neubauten

Die Ursache: ein Tiefgaragenbau für die benachbarten Häuser mit Luxuswohnungen. Sie entstanden alleine aus zwei Gründen: Der Geldgier des Staats wegen wurden die Grundstücke zu einem etwa von Genossenschaften oder gar für Sozialwohnungen unerreichbaren Maximalpreis verkauft. Um die hohen Preise rentabel werden zu lassen, wurde eine immens hohe Bebauungsziffer genehmigt. Das entsprach aber auch dem sozialpolitischen Konzept des Senats und Senatsbaudirektor Hans Stimmanns, mit der Neubebauung des Friedrichswerder ein hoch idealisiertes „Bürgertum“ wieder in die Stadt zu locken.

Die Senatsbauverwaltung genehmigte deswegen Häuser, die deutlich höher als die Vorkriegsbebauung und schon gar jene waren, die in den 1830er-Jahren existierten, als Schinkel die Kirche entwarf. Kaum weniger desaströs aber wirkt die Architektur dieser Neubauten: Statt sich zurückzunehmen, konkurriert seitlich ein knallweißer Rasterbau samt eitlem Turm mit der noblen Kirche. An ihrer zierlichen Chorseite steht nun ein Haus, das mit scheinbar offenen Ecken prätentiös demonstriert: Wir können‘s noch leichter. Auf der zur Bauakademie gewandten Seite schimmern Steinfassaden wie Mortadella, gliedern meist banale Raster Wände und Fenster, wird bis zur straff geraden Traufkante der letzte genehmigungsfähige Quadratkubikzentimeter genutzt. Auch hier ist nichts zu sehen von der gesellschaftlichen Selbstverantwortung des Bürgertums, auf die Schinkel noch vertrauen konnte.

Ausgerechnet bei einem der wertvollsten Baudenkmäler Berlins versagte die Kontrolle privater Bauherren vollständig. Weder die vielen Beiräte, die Bürgervereine, die Denkmalpflege, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Nutzer der Kirche, die Evangelische Kirche als deren Eigentümerin, die Fachpresse noch die Berliner Medien protestierten laut genug, um das Desaster aufzuhalten. Jetzt müssen wir damit leben. Am besten betritt man den Platz von Westen kommend, dann fällt die Neubebauung am wenigsten auf – und man kann sich der geretteten Kirche und ihrem wieder strahlenden Innenraum widmen.