Architektonische Sensation und medizinische Revolution: Das Benjamin-Franklin-Klinikum war das erste „amerikanische“ Großkrankenhaus West-Europas.
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BerlinÜber Jahrhunderte gab es international eigentlich nur ein Modell der Krankenhausarchitektur: Die Halle, in der die Menschen, egal, ob sie seelisch oder physisch erkrankt waren, an Verletzung oder an Viren litten, nebeneinander lagen.

Auch der erste, als Pestkrankenhaus gedachte Bau der Berliner Charité folgte im frühen 18. Jahrhundert diesem Modell: ein geschlossener Bau mit Hallen im Obergeschoss, in dem verletzte und infizierte Kranke sowie Behinderte gemeinsam untergebracht wurden. Kaum verwunderlich, dass die Sterbequoten extrem hoch lagen. Auch deswegen wurden die Charité und andere solche Gebäude meist vor den damaligen Stadttoren errichtet. Man wollte die Stadtbevölkerung nicht gefährden.

In den 1980er-Jahren zeigte der französische Soziologe Michel Faucault, dass man sich gerade in Seuchenzeiten – er wurde von der Aids-Krise tief traumatisiert und fiel ihr schließlich selbst zum Opfer – immer fragen sollte, wer bestimmt, was überhaupt eine Krankheit ist, wer mit der Bezeichnung „krank“ aus der Mehrheitsgesellschaft ausgrenzt wird, wer von den Behandlungsmöglichkeiten profitieren darf.

Die aktuellen Debatten zeigen: Es handelt sich um eine Frage, deren Antwort zentral ist für das Überleben etwa für Minderheiten aller Art, für Behinderte, Kinder oder Alte, die für die Produktivität oft als entbehrlich angesehen werden.  Es war auch nicht Mildtätigkeit, sondern die Gefahr für Wirtschafts- und Militärschlagkraft, die im 18. Jahrhundert zur Suche nach grundsätzlich neuen Krankenversorgungsmodellen führte.

1709 schlug der Londoner Chefarchitekt Christopher Wren vor, das neue Marinekrankenhaus in Greenwich mit vielen, quer zu einem großen Exerzier-Innenhof stehenden Riegelbauten und Gärten dazwischen zu errichten. Licht, Luft und Sonne sollten den schädlichen Dämpfen, den „Miasmen“, Einhalt gebieten, die vor der Entdeckung von Bakterien und Viren verantwortlich gemacht wurden für Krankheiten aller Art.

Das neue Architektursystem setzte sich, wenn auch langsam, als lange wichtigste Alternative zu den Hallen-Hospitälern durch. In einer Pause während der napoleonischen Eroberungszüge deklarierte 1809 der Architekturtheoretiker Jean-Nicholas-Louis Durand das Pavillonsystem als einzig mögliches für neue Hospitäler. 1832, nach einer fürchterlichen Cholera-Epidemie in Paris, begann nach Plänen von Martin-Pierre Gauthier der Bau des Hospital Lariboisière, das 1854 eingeweiht wurde. Es wurde in Europa dank der durch die Eisenbahn schnell verbreiteten Zeitschriften und der vielen Besichtigungen während der Weltausstellung 1855 auf lange Zeit zum Modell moderner Krankenhausarchitektur schlechthin.

Das Krankenhaus Buch: Zentralbau, Pavillons, Grünanlagen und Wasserturm.
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Wieder ging es vor allem um Produktivität: Die Industriearbeiter mussten gesund sein, um gute Produkte liefern zu können. Paris, London, Hannover, Barcelona, Wien, Hamburg, auch Berlin – überall entstanden nun Krankenhäuser im Pavillon-System. Charakteristisch war der Umzug des Gertrauden-Spitals von seinem engen mittelalterlichen Standort am Spittelmarkt in ein neues Pavillon-Krankenhaus in Kreuzberg. Die Bauten bestehen, umgebaut zu Wohnungen, bis heute. Seit 1871 hatte Friedrich Koch sie im Stil des preußischen Funktions-Ziegel-Klassizismus geplant, systematisch gereiht, aber mit freundlichem Grün zwischen den Häusern.

Die seit 1893 nach Plänen Hermann Blankensteins angelegte II. Städtische Irrenanstalt in Lichtenberg lag dann schon vollständig in einem großen Park, Ludwig Hoffmanns seit 1898 geplantes Rudolf-Virchow-Klinikum in Wedding zeigte als fast innerstädtischer Bau seitlich der Pavillonflügel breite Gärten und hinter dem schlossartigen Hauptbau eine lange Parkpromenade.

1908 begann Ludwig Hoffman dann die Planung der bis heute sensationellen Krankenhausstadt in Buch, als dritte städtische Irrenanstalt, Tuberkulosesanatorium und Altenheim. Kaum noch ist hier die Systematik der Pavillonbauten zu spüren, die Bäume verstellen sie, die breiten Promenaden mindern den Eindruck von Strenge. In all diesen Anlagen gab es nun streng getrennte Abteilungen, leicht abwaschbare Ziegelfassaden und gelackte oder geflieste Verputze an der Stelle von Fachwerk, Putz und Holz. Keramik- oder Linoleumfußböden ersetzten Strohstreu auf Holz, Wasserleitungen einzelne Eimer, rauch- und aschefreie Heizungen wurden Standard, Matratzen ersetzten Strohsäcke.

Berliner Krankenhäuser heute

Einzugsbereich: In Berlin leisten 60 Krankenhäuser die medizinische Versorgung der Bevölkerung aus Berlin und dem Brandenburger Umland. Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten anderer medizinischer Berufsgruppen behandeln Patienten aus dem In- und Ausland.

Große Träger: Mit der Charité als größter Universitätsklinik, den Vivantes-Kliniken als großem Versorgungskrankenhaus in kommunaler Trägerschaft sowie vielen kirchlichen, gemeinnützigen und privaten Kliniken gibt es für alle medizinischen Behandlungen Angebote.

Krankheiten: Die Berliner Kliniken versorgen zusammen über eine Million stationäre Patienten. Am häufigsten werden Patienten wegen Herzschwäche (Herzinsuffizienz) stationär behandelt, direkt gefolgt von Problemen mit übermäßigem Alkoholkonsum.

Das gesamte Krankenhauswesen änderte sich, bis hin zur Kleidung von Kranken und Personal, für deren kochende Reinigung Großwäschereien entstanden. Vor allem aber wurden die Belegungsquoten radikal gesenkt: Nicht mehr drei, vier Personen auf einem Strohsack, dicht an dicht in einer langen Halle, sondern ein Bett pro Behandlungsfall. Die großen Hallen wichen gut belüfteten, besonnten, voneinander abgeschlossenen und nur durch eine Tür hin zum Korridor zu betretenden Zimmer.

Auch der für die Planer lange maßgebliche, 1896 erschienene Band des deutschen „Handbuchs der Architektur“ über Krankenhaus-Planung bezeichnete das Pavillon-System als bestes Modell. Doch hatte es einen erheblichen Nachteil: Die Wege waren lang, führten oft sogar durchs Freie, und die Bauten benötigten viel Platz. Das eine Problem war mit überdachten Korridoren zu lösen. Das andere nur durch Verdichtung.

Diesen Weg gingen die Planer der Charité. Sie wurde seit 1896 zu einer regelrechten Krankenhausstadt umgebaut mit vergleichsweise dicht gestellten und hoch entwickelten Einzelbauten. Doch wie in den Pavillon-Krankenhäusern setzte sich auch in der Charité die Spezialisierung durch: ein Haus, eine Fachdisziplin. Sie entsprach der medizinisch-kulturellen Vorstellung von der Isolierung einzelner Ursachen, die dann einzeln bekämpft werden.

Es gab auch um 1900 schon noch eine dritte Möglichkeit, dem architektonischen Ausdruck zu verleihen: das Großkrankenhaus, in dem bei strenger Abtrennung der Abteilungen alle Services und die Versorgung unter einem Dach konzentriert sind. Vor allem in den USA wurde dies Modell propagiert, nach dem Zweiten Weltkrieg kam es auch nach Europa.

 1958 wurde in West-Berlin der Bau des Steglitzer oder Benjamin-Franklin-Klinikum begonnen. Es war das erste „amerikanische“ Großkrankenhaus West-Europas. Entworfen wurde der Bau mit seiner charakteristischen Gitterfassade von Curtis & Davis aus New Orleans, die lokale Betreuung übernahm der Berliner Architekt Franz Mocken. Der Bau war eine Sensation, als er eröffnete – auch, weil er der neuen Idee von hochtechnischer, die Disziplinen intensiv vernetzender Behandlung eine künstlerische Form gab.

Allenfalls als Funktionsbau kann das 1977 bis 1982 nach Plänen des Kollektivs Karl-Ernst Swora sowie Dieter Bankerts errichtete Bettenhochhaus der Charité – ein städtebauliches Monstrum – mit dem Zukunftsoptimismus dieser Anlage verglichen werden. Sonst aber ist es ein Monument der Zeit des DDR-Bauwirtschaftsfunktionalismus. Die Vorstellung davon, was Krankheit ist, hat sich allerdings inzwischen sehr gewandelt.

Ganzheitlichkeit ist das neue Stichwort, Pflege, Vor- und Nachsorge sind die Hauptthemen. Das zeigt etwa das in den 2000ern nach Plänen von Wolfgang Thiede in Buch entstandene neue, zum Helios-Konzern gehörende Klinikum. Nicht zufällig ist es mit seinen heiteren Lichthöfen, lichtdurchfluteten Räumen, aber auch der früher für völlig unnötig gehaltenen großen Cafeteria von geradezu skandinavischer „Ikea“-Lässigkeit.

Und mit seinem schier endlos langen Hauptkorridor gab es den historischen Bauten aus der Zeit Ludwig Hoffmanns regelrecht ein neues Rückgrat: Nicht mehr die absolute Vereinzelung oder die Hyper-Technisierung, sondern das Nebeneinander von hochspezialisierter Zentralversorgung im Hauptbau und dem Service, der Betreuung, der Öffnung zur als gesund betrachteten Welt scheint der neue Weg der Krankenhausarchitektur zu sein.