Berlin - Ich bin auf Rügen aufgewachsen. Als die Mauer fiel, war ich 18 Jahre alt. Die ersten freien Wahlen waren für mich ein wichtiges, prägendes Ereignis und auch bis heute haben die Wahlen für mich nie an Bedeutung verloren. Doch in diesem Jahr bin ich verzweifelt. Weil ich nie gedacht hätte, mit meinem kleinen Unternehmen in eine solche Schieflage zu geraten, und weil ich mich von Politik und Behörden im Stich gelassen fühle.

In meiner Familie gab es auch zu DDR-Zeiten immer selbstständige Unternehmer. Mein Großvater war Fotograf. Nach der Flucht aus Ostpreußen im Zweiten Weltkrieg hat er auf der Insel Rügen seine Tätigkeit fortgesetzt und mit einem neuen Fotoatelier von vorn angefangen. Mein Vater führte dieses Geschäft weiter und erweiterte es nach dem Mauerfall mit einem Ansichtskartenverlag. Heute führt es meine Schwester. Ich habe mich für ein anderes Handwerk entschieden und wurde Friseurin. Dass ich später auch ein Unternehmen führen und Verantwortung übernehmen werde, stand damals für mich völlig außer Frage.

Dabei gab es nicht viele Selbstständige in der DDR, sie fristeten eher ein Außenseiterdasein und wurden kritisch von Staat und Gesellschaft beäugt. Die kommunistische Staatsdoktrin sah nun mal kein „Eigentum an Produktionsmitteln“ vor. Entsprechend schwer wurde es den Selbstständigen gemacht. Diesen Weg und dieses Leben als Selbstständiger musste man wirklich wollen. Und ich wollte ihn und will ihn immer noch von ganzem Herzen.

Grafik: Stephanie Scholz
Berlin in der Corona-Krise

Das Schwerpunkt-Thema der Berliner Zeitung zeigt die negativen und positiven Aspekte der Pandemie auf: Mit welchen Problemen haben Berliner Unternehmen zu kämpfen, welche Strategien entwickeln sie, um die Zeit der Corona-Krise und danach zu überstehen, Arbeitsplätze zu erhalten und mit welchen Ideen punkten sie, um Gewinne zu erzielen und Jobs zu schaffen. 

Nach der Ausbildung hatte ich von 1989 bis 1996 eine Anstellung auf Rügen. Dort gab man mir die Möglichkeit, im Winterhalbjahr in Berlin zu arbeiten, um mich in meinem Handwerk zu entwickeln. Meine Stationen führten mich zunächst in den „alten Westen“ nach Charlottenburg und Wilmersdorf, dann nach Prenzlauer Berg. Im Jahr 1995 habe ich in Rostock die Meisterprüfung abgeschlossen, um meinem Traum, mich selbstständig zu machen, näher zu kommen. 1996 zog ich fest nach Berlin und arbeitete noch einmal im Westen von Berlin, in Lichterfelde. Vor genau 20 Jahren startete ich als Geschäftsführerin beim Friseurtraditionsunternehmen Locke & Glatze. Und im Jahr 2004 wurde mein Traum wahr, ich konnte es übernehmen. Seitdem habe ich das Unternehmen ständig weiterentwickelt und mit meinen Teams sehr erfolgreich gearbeitet. Meine Teams, das sind sechs großartige Friseure, vier Friseurmeister und eine Rezeptionistin. Mit vielen meiner Mitarbeiter arbeite ich jetzt schon seit mehr als zehn Jahren zusammen.

Durchschnittsgehalt liegt bei 1758 Euro brutto

Dann kam der März 2020. Ich musste meine Geschäfte wegen der Corona-Pandemie schließen. Existenzangst und Unsicherheit waren unermesslich. Meine Mitarbeiter erhalten Kurzarbeitergeld, das zu finanziellen Schwierigkeiten führt, da unsere Branche zu den unteren Einkommensklassen gehört. Nur 60 Prozent des Gehalts und der völlige Wegfall des Trinkgeldanteiles ergeben ein Einkommen, das sich dem absoluten Existenzminimum nähert. Das durchschnittliche Gehalt eines Friseurs mit Berufserfahrung wird in Berlin zum Vergleich mit 1758 Euro geführt, da bleiben also noch knapp über 1000 Euro pro Monat übrig …

Gut, es wurden vom Land Berlin Soforthilfen bereitgestellt. Doch was bedeuten für ein Unternehmen mit zehn Mitarbeitern und zwei Standorten 15.000 Euro? Es ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die laufenden Kosten übersteigen diese Summe bei Weitem. Mit Erschrecken musste ich feststellen, wie schnell dieses Geld aufgebraucht war.

Sofortkredit muss in einem Jahr zurückgezahlt werden

Der Staat stellte Sofortkredite von der IBB bereit. Ein Sofortkredit war im ersten Lockdown für mich eine große Hilfe. Das Problem: Diesen Kredit muss ich bereits in etwa einem Jahr zurückzahlen. Doch wovon? Schon jetzt ist klar, dass ich diesen Kredit in einen langfristigen Kredit umschulden muss. Wenn dieser abgezahlt ist, werde ich aller Voraussicht 62 Jahre alt sein und kann zukünftig kaum noch Rücklagen für notwendige Investitionen bilden. An Altersvorsorge ist da gar nicht mehr zu denken.

Im Dezember 2020 gab es für mein Unternehmen gar keine Unterstützung und ich musste meine Altersvorsorge in die Firma stecken. Inzwischen sind diese Rücklagen auch längst wieder aufgebraucht. Wir haben natürlich die verbleibenden Tage nach der Bekanntgabe des zweiten Lockdowns intensiv genutzt, um möglichst vielen unserer treuen Stammkunden noch vor Weihnachten einen Friseurtermin zu ermöglichen. Aber auf diese Weise haben wir prozentual etwas zu viel Umsatz generiert, um Unterstützung vom Staat zu bekommen. Dabei fehlen jedoch noch die Umsätze von zehn Arbeitstagen im Dezember, unseres umsatzstärksten Monats. Ergebnis: keine staatliche Unterstützung und dennoch unabgefedert große Umsatzeinbußen – ein Paradoxon, was vom Staat völlig unberücksichtigt blieb.

Im Januar 2021 soll es wieder Zuschüsse zu den Fixkosten geben und erneut das Kurzarbeitergeld. Das Kurzarbeitergeld muss aber auch erst mal an die Mitarbeiter ausgezahlt werden, bevor der Unternehmer es zurückerstattet bekommt. Das bringt viele Unternehmen in Liquiditätsprobleme, viele müssen dann ihren Kontokorrentkredit in Anspruch nehmen. Daran verdienen die Banken 12 bis 14,5 Prozent durch Zinsen. Ein kleines Unternehmen wie meins kann dadurch schnell in eine Schieflage geraten. Im ersten Lockdown zum Beispiel wurde das vorgestreckte Kurzarbeitergeld für die Monate März und April mir erst im Juni zurückerstattet – durch einen Fehler bei der Agentur für Arbeit.

Und jetzt ist der zweite Lockdown auch noch bis Mitte Februar verlängert worden.

Das macht auch die Aufgabe, so viele Mitarbeiter (im März vergangenen Jahres waren es sogar noch 15) durch die Krise zu bringen und für deren Einzelschicksale verantwortlich zu sein, noch schwerer. Und es schmerzt ungemein, wenn es einmal nicht gelingt, diese Herausforderung zu meistern.

Unternehmen Locke & Glatze 

1992 gründet Friseurmeister Jörg Buche das erste Geschäft in der Boxhagener Straße, drei Jahre später eröffnet das zweite Geschäft in der Kastanienallee, 2001 der Standort Greifswalder Straße, 2002 wird der Standort Boxhagener geschlossen. 2004 übernimmt Ditte Danelius das Unternehmen, eröffnet 2018 den Standort Glasbläserallee, zieht mit dem Geschäft Kastanienallee dorthin. Elf Mitarbeiter, davon vier Meister, sechs Friseure, eine Rezeptionistin.

So gehörte zum Team auch ein Auszubildender, ein Geflüchteter aus Syrien. Ich konnte ihm eine solide Grundlage für den Friseurberuf geben, hatte aber nach dem ersten Lockdown nicht mehr ausreichend Zeit für ihn, weil ich um das Überleben der Firma kämpfen musste. Er muss seine Ausbildung nun leider woanders beenden. Ein bitterer Schritt, der mir in der Seele wehtut.

Eine Mitarbeiterin konnte das Extrem zwischen sechswöchiger völliger Untätigkeit in Isolation und dem Stress nach Wiedereröffnung, als die vielen Kunden, die bereits auf einen Termin gewartet hatten und gefühlt nahezu alle gleichzeitig kamen, nicht verkraften. Sie erkrankte und hat sich entschieden, den Friseurberuf ganz zu verlassen.

Wo bleibt der Einsatz nicht rückzahlungspflichter Mittel?

Neben diesen Sorgen bleibt für mich auch die Frage, welche Partei ich nun im September wählen werde. Als Gesundheitsminister Jens Spahn, CDU, im Sommer 2020 sagte, dass nach jetzigem Wissensstand die Friseure gar nicht hätten schließen müssen, hatte ich bereits unverschuldet einen Kredit aufnehmen müssen. Im Januar dieses Jahres höre ich dann den Finanzminister Olaf Scholz, SPD, sagen: „Ich erinnere mich noch sehr gut an die letzte große Finanzkrise 2008/2009. Schon jetzt wissen wir: Deutschland wird am Ende dieser Krise eine geringere Staatsverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung haben als nach der damaligen Finanzkrise.“ Dabei weiß ich noch gut, mit welchen unvorstellbaren Zuschüssen damals die Banken gerettet wurden. Ich frage mich, wo der Einsatz solcher nicht rückzahlungspflichtiger Mittel für Unternehmen wie meines bleiben. Friseure und viele andere kleine Gewerke haben eben keine Lobby im Bundestag.

Soll Deutschland wirklich nach der Pandemie eine Pleitewelle von unvorstellbarem Ausmaß erleben und eine neue Größenordnung an Altersarmut bei Selbstständigen und Inhabern kleinerer Unternehmen produzieren?

Und die anderen Parteien? Sie spielen aus meiner Sicht eine zweifelhafte Rolle in der Pandemie, weil sie die Krise für ihre Profilierung instrumentalisiert haben und so genauso wenig hilfreich für die Unterstützung kleiner Unternehmen sind.

Die bisherigen Maßnahmen der Regierung erscheinen mir diesbezüglich unausgewogen, nicht ganz gerecht und voller handwerklicher Fehler in Planung und Durchführung. Welche politische Kraft kann mich nun im September überzeugen und die Probleme kleinerer Unternehmen wirklich passgenau, zielgerichtet und dezidiert lösen?