Auf der Schönhauser Allee haben Radfahrer eigene Fahrspuren. Nicht mehr nur eine U-Bahn-Linie, sondern drei Linien führen nach Pankow. Und wo sich Gleise nicht lohnen, surren Oberleitungsbusse die Straßen entlang. Eine Utopie?

Nein, meint Jens-Holger Kirchner. So könnte, so sollte Pankow in 20 Jahren aussehen, sagt der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung. Andere Politiker in Berlin scheuen sich, Ideen für die Zukunft des Verkehrs zu entwickeln – Kirchner nicht. Der 56-Jährige, der unverdrossen berlinert, schaut gern nach vorn. Auch wenn seine Visionen für den Bezirk nicht jedem gefallen.

Kirchner hat nichts gegen radikale Wechsel, er hat schon mehrere überstanden. 1979 zog er aus dem schon ziemlich ländlichen Woltersdorf ins große Berlin, Hauptstadt der DDR. Er besetzte eine Wohnung in Prenzlauer Berg, arbeitete als Tischler, baute den Abenteuerspielplatz in der Kollwitzstraße mit auf. Als in der Wendezeit überall Runde Tische entstanden, ging Kirchner in die Politik. Er wurde Grünen-Mitglied, Bezirksverordneter, Stadtrat. Und Großvater von vier Enkeln.

Der Bezirkspolitiker ist pragmatisch. Es gehe um Trends, um das, was sich bereits auf den Straßen abspielt, sagt er. Einem Trend folgt auch er. Auch an diesem Morgen ist Kirchner mit dem Fahrrad ins Büro in die Darßer Straße gekommen. „Der Fahrradverkehr wird weiter zunehmen. Elektrofahrräder – das ist die eigentliche Boombranche, nicht Elektroautos“, sagt Kirchner.

Das müsse Folgen haben. „Weil das Tempo zunimmt, müssen Radverkehrsanlagen künftig breiter sein als heute.“ Was zulasten des Autoverkehrs gehen werde: „Ich gehe davon aus, dass die Schönhauser Allee künftig pro Richtung einen Fahrstreifen nur für Radfahrer haben wird – wie in den Niederlanden oder in London baulich getrennt von der Fahrbahn für die Autos. Auf anderen großen Straßen im Bezirk, etwa der Wisbyer Straße oder der Prenzlauer Allee, wird es genauso sein.“

Eine Kirche, keine Disko

„Es geht darum, den Platz auf den Straßen neu zu verteilen. Ich weiß, das ist Verkehrspolitik der alten Schule. Doch die Schwerpunktsetzung ist jetzt anders. Es geht nicht um das Auto, sondern um den Rad- und Fußverkehr“, so der Stadtrat.

Das Konzept Shared Space, bei dem Autos ihren Vorrang verlieren und andere Verkehrsarten durch Straßenumgestaltungen zu ihrem Recht kommen, findet er gut. „Die Philosophie kann ich verstehen: Wenn du willst, dass sich die Menschen wie in einer Kirche benehmen, darfst du keine Disko bauen.“

Eine abgeschwächte Version, Begegnungszone genannt, gibt es in Berlin bereits an der Schöneberger Maaßenstraße. In Pankow sollte die Florastraße am Bahnhof Pankow zu einem solchen Schonraum werden, so Jens-Holger Kirchner: „Dort sind heute schon viele Fußgänger auf der Fahrbahn unterwegs, kaum jemand hält sich dort an die Ampeln. Das könnten wir auch legalisieren.“

Kieze sollen barrierefrei werden

Viel Detailarbeit wartet auf die Planer. Etwa bei der Absenkung der Bordsteine: „Meine Vision ist: Alle Kieze sind barrierefrei umgebaut.“ Dabei gehe es nicht nur um Senioren und Menschen, die im Rollstuhl sitzen. „Wenn Bordsteine abgesenkt und Gehwege saniert werden, profitieren auch Eltern mit Kinderwagen. Oder Leute mit Rollkoffern.“

Wie wird der Verteilungskampf für die Autos ausgehen? „2036 wird es auch in Pankow weniger Parkplätze geben als heute“, sagt Kirchner. „Vielleicht wird es sogar so sein, dass dann das Abstellen von Autos Privatsache ist und dass es kaum noch öffentlichen Raum dafür gibt.“ Die wachsende Stadt Berlin werde es sich nicht länger leisten können, hektarweise kostenfrei Platz für Autos zur Verfügung zu stellen.

Die Verlängerung des Stadtrings mit der A 100, die der Senat anstrebt, dürfe es nicht geben. „Es wird kein Weg daran vorbeiführen, die alte Planung zu justieren“, fordert Kirchner. Die schon ziemlich betagten Konzepte sehen vor, die Storkower, Michelangelo-, Ostsee-, Wisbyer und Bornholmer Straße in den Ring zu integrieren, der sich um die Innenstadt schließen soll. Doch der Stadtrat hält davon nichts. „An der Michelangelostraße sollen 1 700 Wohnungen entstehen. Das bedeutet, dass wir die Fahrbahn auf normale Dimensionen zurückbauen müssen. Sie darf nur noch so breit wie eine ganz normale Stadtstraße sein.“

Politik gegen das Auto: Ist das nicht Politik gegen die Mehrheit der Bürger? Nein, meint Kirchner. Mit 205 Autos pro tausend Einwohner war der Motorisierungsgrad in Prenzlauer Berg schon vor einigen Jahren sehr niedrig, in einigen Vierteln seien es nur 185. „Das zeigt mir, dass viele Einwohner schlauer sind als manche Politiker, die aufs Auto setzen“, sagt der Stadtrat. Das heiße aber nicht, dass niemand mehr Auto fährt. „Car Sharing wird weiter zunehmen und auch in Pankow ein Massenphänomen werden.“

Ein Parkhaus am S-Bahnhof

Klar sei auch: Der Autoverkehr zwischen Berlin und Brandenburg steige weiter an. „Darauf müssen wir reagieren. Der ADAC schlägt mehr Park-and-Ride-Kapazitäten vor, und für einige Bereiche halte ich das auch für sinnvoll“, so Kirchner. Am S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf wäre Platz für ein Parkhaus, am S-Bahnhof Buch könnten zusätzliche Parkmöglichkeiten entstehen. „Im Umland kann der Nahverkehr nicht flächendeckend sein. Es wird weiter Auto gefahren, und es kommt darauf an, den Verkehr abzufangen, bevor er die Innenstadt belastet.“

An den erhofften Siegeszug des privaten Elektroautos glaubt der Politiker dagegen nicht mehr. Deren Zahl werde nicht wesentlich steigen, sagt er. „Früher war ich ein begeisterter Visionär, was die Elektromobilität anbelangte, heute bin ich ein großer Skeptiker.“ Für viele seien Batterieautos einfach zu teuer.

Lieber setzt er auf bewährte Formen der Elektromobilität. „Pankow bekommt 40 000 bis 50 000 Einwohner dazu“, sagt er. Das erfordere Investitionen in einer Dimension, die es lange nicht mehr gegeben hat.

Zum Beispiel in die U-Bahn: „Künftig muss die U9 über die Osloer Straße hinaus bis Pankow führen, die U2 ins neue Wohngebiet Elisabeth-Aue verlängert werden. Auch die seit Jahrzehnten geplante U-Bahn unter der Greifswalder Straße muss endlich gebaut werden, am besten bis Karow.“ Das Straßenbahnnetz müsse ebenfalls erweitert werden. Kirchner listet seine Ideen auf: „M1 und 50 zur Elisabeth-Aue, M2 nach Blankenburg, M4 über Malchow nach Blankenburg, die 54 vom Pasedagplatz über S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf und Bahnhof Pankow bis zur Schillerstraße.“

Damit nicht genug: Langfristig müsse es in Berlin wieder Oberleitungsbusse geben – Elektrobusse, die ihren Strom aus Fahrleitungen über der Straße beziehen. Auch in Pankow: „Die BVG hat mich gefragt, was ich davon halte. Ich habe gesagt: eine Menge. O-Busse sind eine besonders wirtschaftliche Form der Elektromobilität. Wir müssen Berlins Verkehrsnetz neu denken.“

Klingt utopisch. Kann schon sein, entgegnet Jens-Holger Kirchner. Er fordert mehr Mut. „Berlin kann international vor Kraft nicht laufen, traut sich aber selbst so gut wie nichts zu“, sagt er. „Wir brauchen ein neues Selbstbewusstsein. Wer Stadt will, muss Stadt bauen.“