Das Palasthotel 1989: Es wurde 1979 an der Spree eröffnet und von der Interhotel-Kette betrieben. Nach der Wiedervereinigung wurde das Hotel bis 1992 von der Interhotel AG weitergeführt. Dann übernahm die Radisson SAS-Kette. 2001 erfolgte der Abriss.
Foto: imago images

BerlinZu treuen Händen übergibt der Treugeber an den Treunehmer. Er tut das im Glauben, seine Interessen würden gewahrt. So war das auch gedacht, als am runden Tisch am 12. Januar 1990 die Oppositionsgruppe „Demokratie Jetzt“ einen Vorschlag zum Umgang mit dem DDR-Volkseigentum machte: Ausgabe von Anteilsscheinen an die Bürger, also eine Privatisierung in maximaler Breite. Die Idee fand sich im Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion – als Möglichkeit. Das von der letzten Volkskammer, der ersten frei gewählten, beschlossene Treuhandgesetz sah eine andere Richtung vor: Überführung der Volkseigenen Betriebe in Privateigentum durch die Treuhandanstalt.

Die politisch gängige Treuhandbeschreibung behauptet, alles sei alternativlos und im Interesse der Nation unumgänglich gewesen. Tatsächlich aber stand eine demokratische Alternative zur Brutalabwicklung und Komplettenteignung von oben herab im Raum. Sie klingt nach Mühe und Korruptionsanfälligkeit. Polen und die Tschechoslowakei zum Beispiel haben es gewagt.

Mallorca statt Müritz

Die Staatsmacht konnte dann schnell über den Gedanken hinweggehen: Die Wahlen vom Dezember 1990 gaben der Allianz für Deutschland, der nächsten Regierung Kohl, das Mandat, die Einheit nach Gusto im Schweinsgalopp auch in der Wirtschaft umzusetzen. Die Folgen – Deindustrialisierung, Massenarbeitslosigkeit – bekamen die Ostdeutschen bald zu spüren. Sie verschärften sie selbst durch unendlich viele Einzelentscheidungen.

Sie wollten nicht mehr an die Müritz, sondern nach Mallorca, kauften VW statt Trabant. Der Widerstand gegen das Plattmachen ihrer Betriebe blieb punktuell. Man suchte den individuellen Ausweg: Abwandern, Umlernen, Neustarten, ABM, Arbeitslosigkeit, Resignation. Wer im Osten unterwegs ist, spürt: Das Trauma geht nicht weg. Eine Erklärung dafür: Über das Wirken der Treuhand sprechen die ehemals Verantwortlichen und ihre Nachfolger ungern. Eine differenzierte Aufarbeitung steckt allenfalls in den Anfängen.

„Die Wirtschaftskapitäne sind noch nicht zu Wort gekommen“

Doch einstige DDR-Akteure mühen sich, dass ihre Kenntnisse nicht untergehen. Drei saßen am vergangenen Donnerstag auf dem Sofa des Erzählsalons Rohnstock, der sich um die Dokumentation von Zeitzeugenwissen bemüht. „Die Wirtschaftskapitäne sind noch nicht zu Wort gekommen“, stellte Initiatorin Katrin Rohnstock einleitend fest. Nun sprachen zum Thema „Meine Erfahrungen mit der Treuhand“: Dr. Manfred Domagk, bis 1990 Staatssekretär im Amt für Preise, von der Regierung de Mazière mit der Rettung der Interhotel-Kette beauftragt, Dr. Christa Bertag, bis 1990 Generaldirektorin des VEB Kosmetik-Kombinat Berlin, und Uwe Trostel, Mitglied im Modrow-Kabinett und bis 1992 zwei Jahre lang Mitarbeiter der Treuhand.

Lesen Sie hier: Naturschutz - das gute Erbe der DDR >>

Manfred Domagk stimmte ein mit dem Spruch eines Bundesfinanzbeamten, gehört 1990: „Zuerst bekamen wir die DDR an die Angel, jetzt wickeln wir das ganze Zeug schnell ab.“ Das „ganze Zeug“ bestand nach Zahlen der Plankommission aus 8000 Betrieben, 20 Milliarden Quadratmetern Agrarfläche, 25 Milliarden Quadratmetern Immobilien, Forsten und Seen, 40.000 Geschäften und Gaststätten, 314 Betriebsambulatorien, 5500 Gemeindeschwestern, dazu Hotels, Ferienheime, Auslandsvermögen, Patente, Kulturgüter. „Die DDR hinterließ keine Erblast von 400 Milliarden D-Mark“, sagt Domagk, „sondern ein Volksvermögen von 1,75 Billionen.“

Chronik eines Ideenwandels

Coupon-Privatisierer: Am 12. Januar 1990, vor genau 30 Jahren, machte die Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ am runden Tisch den Vorschlag, das Volksvermögen in Anteilsscheinen an die Bevölkerung zu verteilen.
Wahrer und Verwalter: Am 1. März 1990 beschloss die Modrow-Regierung die Gründung der „ersten“ Treuhandanstalt. Sie sollte das Volkseigentum wahren und im Interesse der Allgemeinheit verwalten.
Privatisierer: Mit Inkrafttreten des Treuhandgesetzes am 1. Juli 1990 hieß die Aufgabe Überführung der Betriebe in Privateigentum. Am selben Tag trat der Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion in Kraft.

Es gelangte zu 85 Prozent in den Besitz Westdeutscher, zu zehn Prozent ins Ausland – fünf Prozent blieben in ostdeutschem Besitz. Dafür liegen heute 70 Prozent der strukturschwachen Gebiete auf dem Gebiet der früheren DDR. Mit Blick auf die politischen Zustände sagt Domagk: „Wer den ländlichen Raum verliert, verliert ihn auch politisch.“

Die Objekte, die er für den Osten retten sollte, lagen attraktiv in Groß- und Kleinstädten: Interhotels – exklusive Devisenbringer, Mittelklassehäuser bis hin zum größten Ferienhotel Europas, dem „Panorama“ in Oberhof. Einzig das Palasthotel war DDR-Bürgern nicht zugänglich. Domagks Stab machte 1990 eine Bestandsaufnahme, entwickelte ein Konzept, suchte Aktionäre, überführte die Häuser in die Interhotel AG – mit West LB, Steigenberger, schwedischen und britischen Anteilseignern.

Die Zerschlagung der Interhotel-Kette 

Das Palasthotel 1991.
Foto: Imago Images

Dann erfuhr man über das Fernsehen: Die Interhotel-Kette wird zerschlagen. Über Nacht versuchten Domagk und seine Leute, mit den Hotels Verträge zu schließen. Die West-Presse titelte: „Ex-Funktionäre an der Macht.“ Vier Wochen später war Schluss – trotz massiver Proteste der Belegschaft. Im November übereignete die Treuhand 29 Häuser für 2,17 Milliarden Euro an die Berliner Trigon GmbH. Eines der größten Immobiliengeschäfte, die jemals in Deutschland getätigt wurden. Trigon vermietete, verpachtete und verdiente mehr als gedacht.

Der Dramatiker Rolf Hochhuth beschreibt in seinem Stück „Wessis in Weimar“ dieses Geschäft als besonders krasses Privatisierungsbeispiel: „Nun kaufen die Wessis den Ossis noch das einzige ab, was ihnen selber auf die Beine helfen könnte, nämlich Boden und Bauten.“ 

Das Sterben von Berlin Kosmetik

Ein langes Sterben ihres Babys Berlin Kosmetik beschreibt Christa Bertag.  Sie trug die Verantwortung für 8500 Mitarbeiter. Am 15. Mai 1990 erhielt sie den Auftrag, das Kombinat in eine GmbH umzuwandeln. Nach vier Wochen war das geschehen. Zu DDR-Zeiten war in das Kombinat investiert worden, nun verlor man 80 Prozent des Inlandsmarktes. Die Westimporte stiegen in kurzer Zeit von 8,1 Milliarden DM auf 203 Milliarden. Nach Ringen mit der Treuhand um Finanzierung eröffnete ein neuer Betriebsteil, der seinerzeit modernste Kosmetikbetrieb Europas. Doch die Handelsketten listeten die Berliner Produkte nicht mehr. An der Qualität konnte es nicht liegen. In Intershops hatte man unter Schweizer Namen und schönerer Verpackung gut verkauft.

Ein über Nacht aufgebauter Außendienst schwärmte mit Bus und Straßenbahn aus, besuchte Kunden und Handel. Die Exporte brachen ein, die alten Kunden in Osteuropa konnten die Devisenpreise nicht zahlen. Die Belegschaft schrumpfte im Berliner Stammhaus auf 200 Mitarbeiter, die Treuhand gewährte keine Überbrückungskredite mehr. Hoffnung brachte ein amerikanischer Käufer, doch der verschwand 1996 zu Thanksgiving Richtung USA – für immer. Das Geld war alle, die Liquidation folgte. Bertag rief noch privat westdeutsche Firmen an mit der Bitte zu kaufen. Nichts zu machen. Arbeitsplätze weg, Werte vernichtet. Uwe Trostel  wandelte in seiner Treuhandzeit 220 Betriebe in Kapitalgesellschaften um.

Goldgräberstimmung nach der Wende

Er beschreibt eine Goldgräberstimmung, Investoren hätten ihnen die Bude eingerannt. Und er erinnert an einen bedeutenden Umstand: Vor der Grenzöffnung hatte die westdeutsche Wirtschaft ihre Kapazitäten teilweise nur zu 60 Prozent ausgelastet. Die Anlagen hochzufahren, machte die Produktion kostengünstiger.

Den Ostmarkt deckte man mühelos ab. Warum also sollte die Treuhand Ostbetriebe sanieren? Um Konkurrenten für den Westen zu züchten? „Seit wann gibt es im Kapitalismus so was?“, sagt Trostel. Entsprechend habe sich die Kohl-Regierung verhalten. Alle drei Gäste sagten einhellig: Ziel war die Vernichtung des Sozialismus in der DDR. Eine Binse. Aber sie erklärt das Handeln der Treuhand, sie agierte im Politikauftrag und konsequent marktkonform.

Einen originellen Vergleich für Massenarbeitslosigkeit und Deindustrialisierung, den Nebenwirkungen von Währungsunion und Treuhandaktion, fand kürzlich der ostdeutsche Theologe Richard Schröder in der FAZ: Das sei wie Haarausfall bei der Chemotherapie. Schlimm, aber nicht zu vermeiden.