„Iü, iü, iü“, trillert es aus dem Baum. „Iü, iü, iü“, antwortet der grüne Mann mit der Heckenschere. Kurze Stille. „Iü, iü“, macht der Vogel, weiterhin unsichtbar, aber muss man gesehen werden, wenn man eine derart liebreizende Stimme hat?

Nein, im Gegenteil. Nichts soll von ihr ablenken, kein Federkleid, keine Augen wie kleine schwarze Knöpfe. „Iü, iü“, erwidert der Heckenschneider, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Diesmal kommt die Erwiderung prompt. „Iü, iü, iü“. Dreimal. Nach dem menschlichen Part warte ich gespannt, ob der Vogel zum Doppelruf zurückkehrt oder eine Schippe drauflegt. Gibt es ein System, Strophen, einen Refrain? „Iü, iü, iü“. Gibt es nicht.

Diese Stimme höre ich unter vielen anderen jeden Tag. Eine wohltuende Wiederholung. Auch die Gespräche der Leute drehen sich derzeit fast um nur ein Thema. Weniger wohltuend, denn es handelt sich um den Zustand der Welt.

Einer Welt, die in zwei Jahren mit mehr Umbrüchen aufwartet als zuvor in einem Jahrzehnt. Zumindest scheint es so zu sein. Tatsächlich hält die Geschichte nie die Füße still. Sie tanzt und tobt eben woanders und wir können selbst entscheiden, ob wir ihr dabei zusehen oder nicht.

Doch bei manchen Themen ist nur zusehen nicht möglich, das zeigt die Monothematik auf den Straßen, in den Geschäften und Cafés. Der Globus, und mit ihm Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, ist aus dem Radio und dem Internet und den Feuilletons und den Universitäten nach und nach in jeden Winkel des Alltags gekullert. So viel Welt war selten in meiner Wahrnehmung.

Auf der Bank vor der Schule sitzen vier Senioren, eine weitere ältere Dame tritt hinzu. „Es ist alles nicht zu fassen“, sagt sie und löst ein vierfaches Nicken und Seufzen aus. Und dann geht es heiß, aber leise her. Kein Streit, man ist sich einig in Sachen Ukraine. Aber die Angst glüht. Zugleich hält man aneinander fest, verbal, versichert sich gegenseitig, dass auch dieser Krieg überstanden werden wird, vor allem dort, denn uns geht es ja gut im Vergleich, trotz der Preise. Dann schweigen alle. Auch hier singen die Vögel.

Eine Blaumeise hat sich vor kurzem wieder ins Wohnzimmer verirrt. Anders als vor zwei Jahren erschrecke ich nicht. Es war wieder eine ganz kleine, noch ohne die Erfahrung, dass man mit Menschen im Duett singen kann. Sie war völlig verängstigt. In diesem Moment gab es dafür objektiv keinen Grund. Global gesehen sehr wohl. Sie fand nach kurzer Zeit den Weg nach draußen.