Julian Kopmann kämpft für Radspuren und eine Verlängerung der 30er-Zone in der Invalidenstraße.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinEin weißer Plüschbär kuschelt sich scheinbar an eine kleine Schubkarre mit Blumen. Auf einem großen Plakat steht in großen Buchstaben „Love“. Autos rauschen vorbei, Straßenbahnen kommen in kurzen Abständen. An dieser Stelle in der Invalidenstraße in Mitte ist im September vergangenen Jahres ein Porsche-Geländewagen in eine Gruppe gerast, die an einer Ampel wartete. Vier Menschen starben, darunter ein dreijähriger Junge und seine Oma.

Julian Kopmann ist mit dem Fahrrad in den Park gleich neben der Unfallstelle gekommen. Er eilt, wenn man so will, von Interview zu Interview. Kopmann wohnt mit seiner Familie nicht weit weg von hier. Zwei seiner Kinder gehen noch in die Kita, die nur wenige Meter von der Invalidenstraße entfernt liegt. Kopmanns Frau muss mit ihnen jeden Tag an der Unfallstelle vorbeifahren. Sie benutzt dabei das Lastenfahrrad.

Der Vater von drei Kindern ist 37 Jahre alt, er hat kurze Haare und einen Vollbart. Sein jüngstes Kind ist zwei Jahre alt, sein Sohn ist drei und damit im selben Alter, wie der Junge, der bei dem Unfall am 6. September vergangenen Jahres ums Leben kam.

Julian Kopmann nennt sich grün und liberal, und eigentlich hatte er nicht vor, sich zu engagieren. Doch der Unfall hat alles verändert, sagt er. Kopmann hat kurze Zeit später eine Petition gestartet – für mehr Sicherheit in der Invalidenstraße. Mehr als 16.000 Menschen haben bisher unterschrieben. Ein riesiger Erfolg, findet Kopmann.

Der Familienvater kann sich noch genau an jenen Abend erinnern, als der SUV in die Menschengruppe krachte. Seine Kinder waren im Bett, als ihm seine Frau von dem schrecklichen Unfall berichtete. Im Internet hatte sie von dem Crash erfahren, dem seit Jahren schlimmsten Unfall in Berlin. Kopmann erzählt, dass er geschockt gewesen sei.

Sie hätten zunächst Freunde und Bekannte angerufen, ob alles in Ordnung sei. in dieser Nacht habe er nicht schlafen können, obwohl er die Unfallopfer nicht gekannt habe. Ihm sei klar geworden, dass etwas geschehen müsse in der Invalidenstraße, die er „hochgefährlich“ nennt. Der Unfall sei wie ein Weckruf gewesen, erzählt der studierte Wirtschaftsingenieur. Julian Kopmann fand, es sei Zeit, etwas zu unternehmen.

BLZ/Sabine Hecher

Keine Raketenwissenschaft

Er schrieb seinem Bezirksbürgermeister, er rief die Verkehrsbehörde seines Bezirks an. Er habe ein Angebot bekommen, zur Bürgersprechstunde zu kommen. „In zwei Monaten“, sagt Kopmann und muss noch heute darüber lachen. Es hört sich bitter an. Er machte das, was er noch nie getan hatte: Er fing an, sich politisch zu engagierte. Er startete die Petition für „Sichere Wege für Schul- und Kita-Kinder in der Invalidenstraße“. Die Resonanz sei enorm gewesen, sagt er. Ebenso das Medieninteresse. Kopmann fühlte sich bestätigt.

Zumal die Petition schon bald erste Erfolge zeigte. Ein paar Tempo-30-Schilder wurden aufgestellt. Der Senat verkündete öffentlich, die Invalidenstraße zum Modellprojekt zu machen und bis Ende 2019 geschützte Radwege zu bauen. 

Kopmann betont, dass die Petition weder mit der Schuldfrage noch mit dem Leid der Angehörigen der Opfer in direktem Zusammenhang gesehen werden solle. Er erklärt auch, dass die Petition sich „ausdrücklich nicht gegen Autofahren im Allgemeinen, Fahrer großer Autos im Speziellen“ richte. Kopmann fährt selbst Auto. Als das dritte Kind da war, reichte das Lastenfahrrad nicht mehr.

Eigentlich ist Julian Kopmann ein ausgeglichener Mensch. Doch wenn er über die Invalidenstraße redet, merkt man seine Ungeduld. „Es geht nicht um mich oder meine Familie“, versichert er. Weit mehr als tausend Kinder passierten jeden Tag die Invalidenstraße. Kopmann will, dass der Auto- und der Fußgängerverkehr entkoppelt werden. Dass die Ackerstraße verkehrsberuhigt wird – „vielleicht mit Blumenkübeln“. Er fordert, dass die  Tempo-30-Zone zwischen Nordbahnhof und Brunnenstraße ausgeweitet wird.

Julian Kopmann erzählt, dass eine Projektgruppe gebildet worden sei. Doch zweimal schon sei das Treffen abgesagt worden. „Ich verstehe nicht, warum es nicht vorangeht. Schließlich ist das keine Raketenwissenschaft. Es sind doch ganz verständliche Dinge, die wir wollen“, sagt Kopmann verwundert.

Aus Sicht der Verkehrsverwaltung ist es eine Fehleinschätzung, dass es in der Invalidenstraße nicht vorwärtsgeht. So habe sich die Arbeitsgruppe bereits viermal getroffen – sie werde Ende Juni erneut zusammenkommen, teilt Sprecher Jan Thomsen mit.

Auch laufen nach seinen Angaben die Planungen für einen beidseitigen geschützten Radweg auf der Invalidenstraße. So liege seit Ende Mai nach Auskunft des Bezirks ein erster Entwurf vor. Allerdings sei es richtig, dass das Projekt einer modellhaften Entwicklung des Invalidenkiezes im März dieses Jahres abgesagt worden sei. 

Bei dem Unfall vor mehr als neun Monaten kam ein 42 Jahre alter Mann mit seinem SUV in der Invalidenstraße mit rasanter Geschwindigkeit von der Fahrbahn ab, er fuhr Poller und eine Ampel um und raste in die Menschengruppe.

Ein Krampfanfall soll die Ursache dafür gewesen sein, dass der Mann die Kontrolle über sein Auto verlor. Die umfangreichen Ermittlungen in dem Fall dauerten noch an, teilt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit. Insbesondere gehe es dabei um die Auswertung der ärztlichen Unterlagen. „Eine Prognose über den Abschluss der Ermittlungen ist derzeit nicht möglich“, heißt es.