Ausgerechnet Wünsdorf, die lange verbotene Stadt. Sie ist zu seinem Lieblingsprojekt geworden, zu seinem Lebensprojekt. In Wünsdorf will Ekhart Hahn die erste Öko-Stadt der Welt errichten.

Auf brandenburgischen Sand soll auf 90 Hektar Fläche eine Gartenstadt entstehen, der Gründer nennt sie „einen ökologischen Lernort, wie es ihn weltweit noch nirgendwo gibt. Ein neuer Lebensraum, ein Zukunftsmarkt.“ Und der Sand, sagt Hahn, der Siedlungsökologe, werde dabei kein Nachteil sein, ganz im Gegenteil.

Für DDR-Bürger war Wünsdorf gesperrt

Ausgerechnet Wünsdorf, 40 Kilometer südlich von Berlin. Seit 1910 Militärstadt mit Infanterieschule, Kasernen und Truppenübungsplätzen. Im Ersten Weltkrieg war hier das Hauptquartier der Reichswehr. 1935, zwei Jahre nach Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde das Oberkommando der Wehrmacht dorthin verlegt.

1945 übernahm der militärische Führungsstab der sowjetischen Streitkräfte der Roten Armee die Stadt, von Wünsdorf aus wurde die finale Schlacht um Berlin befehligt. Nach der Kapitulation rückte das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte ein, der Kalte Krieg begann. Für DDR-Bürger war Wünsdorf gesperrt.

1994 zogen die Russen ab und hinterließen eine heruntergekommene Stadt, teilweise vermint und weitgehend leer. Heute hat Wünsdorf knapp über 6000 Einwohner, nun sollen noch 10.000 dazukommen. Wenn es nach Ekhart Hahn geht.

Die Nähe zur Natur hat Ekhart Hahn geprägt

Ein Townhouse am Kreuzberger Viktoriaquartier in Berlin. Drei Stockwerke, große Räume, dann eine fast vier Meter hohe Bücherwand. Im unteren Bereich verstopfen Ordner die Regale, alle exakt beschriftet auf dem Rücken. Objekte eines Wissenschaftlers, der mehrere Bücher verfasst hat, dessen Veröffentlichungen international erscheinen. Seinen großen Schreibtisch hat er in einen Glas-Erker platzieren lassen, auf dem Tisch sind Papiere verstreut. Durch große Fenster kann Ekhart Hahn direkt in den Viktoriapark schauen, auf die alten Bäume und die steilen Wege.

Die Nähe zur Natur habe ihn geprägt damals in seiner niedersächsischen Heimatstadt, erzählt er, sei er schon als Fünfjähriger auf dem lokalen See, der Dümmer, gesegelt. Die Fortbewegung auf dem Wasser spielt im Leben des Forschers bis heute eine Rolle. Es war seine Art der Welteroberung.

Ekhart Hahn, seine Berufung ist der Boden

Der Architekt, Raumplaner und Siedlungsökologe, 76 Jahre alt, durchtrainiert, Vollbartträger seit Kurzem, ist begeisterter Segler. Auf hochseefähigen Segelschiffen hat er mit einer erfahrenen Crew die beiden Polregionen und andere schwierige Routen bereist. Er ist die härteste Regatta der Welt mitgesegelt, das Whitebread Race Around The World, und er war immer Chef an Bord.

Und doch: Seine Berufung ist der Boden. Boden, auf dem er das anwendet, was auf dem wasser gelernt hat. „Die Erfahrungen beim Segeln waren für mich die beste Lehre“, erklärt Hahn. „Ich setze sie zu hundert Prozent auf den ökologischen Bau um. Man braucht die richtigen Leute. Muss auf die Kraft der Natur setzen. Und die Technik beherrschen.“

Unsere Städte, sagt er, seien wie fossile Tanker, würden immer schwerfälliger. „Wir brauchen postfossile, wendige, gutorganisierte Segler. Wünsdorf soll zu dem Segelboot werden, das der Welt zeigen wird, wie sich die Städte umbauen lassen. Dass es in der Brandenburger Sandwüste steht, ist für unser Projekt von Vorteil. Mit neuen Nährkreisen werden wir daraus eine fruchtbare Gartenstadt machen.“

„Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft“

Ekhart Hahn ist ein nüchterner Mann, er hat alles durchgeplant und 2016 den Verein ICEC gegründet, was International Campus Eco City bedeutet. Hahn hat Kontakte zu großen Wirtschaftsunternehmen, zu Bundestagsabgeordneten, Brandenburger Landespolitikern und zu Softwareunternehmen. Für ein großes Projekt muss mit anderen zusammen groß gedacht werden. Und wenn sie es verstehen, werden sie zu Unterstützern. Wie der SPD-Politiker Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D., den Hahn vor Jahren kennenlernte.

Sie kamen ins Gespräch darüber, was jeder Einzelne dazu beitragen kann, den Klimawandel und die damit verbundenen Flucht- und Siedlungsbewegungen zu begleiten. Die größte Herausforderung auf dem Planeten, sagte Thierse. Hahn erzählte vom Plan einer Eco City. Im Grußwort für das Heft, das das ICEC-Projekt vorstellt schreibt Thierse: „Wir brauchen durchdachte Visionen, wie die zentralen Probleme unserer Zeit zu lösen sind. Ich wünschte sehr, dass dieses Projekt gelingen möge – als ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft.“

Honorarprofessor für Ökologische Stadt- und Raumplanung

Ekhart Hahn ist in Stettin geboren, die Eltern waren Ärzte, die Familie wurde vertrieben und landete in Niedersachsen. Von dort ging Hahn 1970 an die TU Berlin, war nach fünf Jahren Studium Dozent und bereiste 1975 im Auftrag des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit China. „Noch in der Mao-Zeit, das Land war rückständig, aber es wollte vorankommen.“ In den Siebziger- und Achtzigerjahren hat Hahn in China gelehrt. Sein Thema: die umweltbezogene Siedlungspolitik.

Beeindruckt von dem Report „Die Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome entschied er sich dann für eine berufliche Neuausrichtung und zog sich für sieben Jahre in das Dorf Riedlingen im Schwarzwald zurück. Dort entwickelte er die Thesen zur Siedlungsökologie, die er in mehreren Büchern verbreitete. Zurück in West-Berlin folgten weitere Bücher über die Zukunft der Städte. Die TU Dortmund berief ihn zum Honorarprofessor für Ökologische Stadt- und Raumplanung, das lehrt er seit 1998 auch in Japan.

Autos sind in der Gartenstadt verboten

Hahn und der Verein ICEC wollen in Wünsdorf 30 Millionen Euro in Grundstücke investieren. In den Machbarkeitsstudien gruppiert sich der Stadtplan um eine grüne Mitte, gerahmt von Wohnquartieren, einer Öko-Station als Herzkammer der Eco City und einem Besucherzentrum. Hier werden sämtliche Energie- und Stoffströme zusammenlaufen, permanent kontrolliert, neu aufbereitet und wieder in den Kreislauf des Stadtorganismus eingespeist. Auf 20 Hektar wird Gartenland, auf 3,5 Hektar werden Gewächshäuser für Gemüse, Obst und Beeren entstehen. Terra preta, schwarze Erde, die sich im Boden des Amazonasbeckens als fruchtbar erwiesen hat, wird den märkischen Sand bedecken. Dazu Biomasse aus Abfällen der Bewohner und ihre Fäkalien zum Düngen.

Die Energieversorgung geschieht nach dem „Smart Grid System“, es handelt sich um intelligente Stromnetze mit hocheffizienten Energiespeichern. Die kreislauforientierte Technik führt Grund- und Oberflächenwasser, Regen-, Grau- und Schwarzwasser zusammen. Es wird eingesetzt in der urbanen Landwirtschaft, in Gärten, Freiräumen und zur Kühlung. Angelegt werden Wasserläufe, Teiche und eine Fischzuchtanlage. Autos dürfen nicht hinein in die Gartenstadt, Fahrradwege werden ausgebaut, die Beförderung der Versorgung wird durch Lastenräder und Elektromobilität geleistet. Die Zugereisten sollen irgendwann in lichten Häusern mit bunten Fassaden leben.

Ekhart Hahn: „Öko-Städte werden unser Überleben sichern“

Angetan ist Ekhart Hahn von den massiven denkmalgeschützten Bauten Wünsdorfs. Die robuste Bausubstanz wird ökologisch saniert. In die einstige Panzerhalle, 120 Meter lang und ebenso breit, 90 Meter hoch, werden drei Etagen implantiert – für Seminarräume und Werkstätten des Campus-Instituts.

Der „Kulturpalast“, in dem einst führende Militärs der Sowjets Klassikkonzerten lauschten, wird zum interkulturellen Zentrum, zum „House of One“ für lernende und lehrende Studierende, die Muslime, Buddhisten und Christen sind. „Öko-Städte werden unser Überleben sichern“, sagt Hahn. „Wenn alle zusammenhalten. ICEC Wünsdorf wird die Blaupause sein.“

Eine Schlüsselaufgabe der Menschheit

Die behördlichen Voraussetzungen sind erfüllt, dank einer großzügigen privaten Spende konnte ein Koordinationsbüro etabliert werden. Jetzt soll Hahns Vorarbeit Früchte tragen. Er hat einen Stab an Experten versammelt: für urbane Landwirtschaft, Landschaftsarchitekten, Pioniere des baubiologischen Planens, dazu Stadtplaner und Künstler.

Der Spezialistenpool wird Studierenden aus aller Welt zur Verfügung stehen, sie werden einige Monate oder Jahre in Wünsdorf leben und dann in ihre Länder zurückkehren.

So arbeitet ICEC inzwischen mit einem Büro in Singapur zusammen, dass dort eine völlig neue Wasserversorgung entwickelt hat. Hahns will Ideen von überallher in der Campusstadt zu konzentrieren. „Der ökologische Stadtumbau ist die Schlüsselaufgabe der Menschheit im 21. Jahrhundert“, sagt er immer wieder.

Noch wird in Wünsdorf gebaut, bald könnte es aber so weit sein

Er weiß aber auch, dass es nicht genügt, den weltweiten Anforderungen mit Plastikreduktion oder Wärmedämmung zu begegnen. Gebraucht wird ein überzeugendes Konzept. Die Aktivisten von Fridays for Future unterstützt er. Er sagt aber auch: „Sie kennen die Lösungen nicht.“ Ekhart Hahn hingegen glaubt die Mittel zu kennen, um dem Klimawandel effektiv begegnen zu können.

Da ist die zellulare Vernetzung der Systeme: Wärme aus der Erdtiefe, Energie von der Sonne durch Fotovoltaik, Wasserrecycling und ein perfekter innerer Nährkreislauf. „Die Ressourcen, die wir zum Lebensunterhalt brauchen, werden auf Quartiersebene dezentral neu in Beziehung gesetzt“, sagt Hahn. „Das deutet bereits die neue Mobilität an: die Stadt kurzer Wege, Fahrrad- und Fußgängerbereiche, Frischemärkte, kleine Läden.“ Die lokale Ökonomie hat sich in Mikrostrukturen und der Kiezkultur durchgesetzt. In Wünsdorf sollen 80 Prozent des Gemüse- und Obstbedarfs in der Stadt produziert werden. Für Ekhart Hahn ist das „der Übergang ins postindustrielle Zeitalter“.

Noch wird in Wünsdorf nicht umgegraben und gebaut. Bald aber könnte es so weit sein.