Berlin - Orientteppiche sind für viele nicht nur ein Einrichtungsgegenstand, sondern vor allem auch eine Wertanlage, für die sich eine Investition lohnt. Doch dabei ist Vorsicht geboten. Denn viele Kunden bezahlen zu viel, die Tricks sind seit Jahren dieselben: niedrige Preise in Zeitungsanzeigen, falsche Angaben zum Wert der Teppiche und ein Fokus auf die ältere Zielgruppe. Geschädigte geben in der Folge horrende Summen für Leistungen aus, die bei einem seriösen Anbieter nur einen Bruchteil gekostet hätten.

„Meine Schwägerin war sehbehindert und von der Krankheit schwer gezeichnet. Sie hat 3900 Euro für die Reinigung und Reparatur von fünf Teppichen ausgegeben. Nach ihrem Tod im letzten Jahr haben wir festgestellt, dass die Reparaturen gar nicht gemacht wurden“, sagt H. Hamann. Der verlangte Preis sei ohnehin viel zu hoch gewesen, sagt sie. Außerdem habe die Geschädigte dort einen Teppich für 3050 Euro gekauft, der laut Sachverständigem höchstens 900 Euro wert sei. Eine Rechnung oder ein Kaufvertrag wurden nicht ausgestellt, nur schwer zu lesende Lieferscheine.

„Wir haben Anzeige erstattet, doch die wurde nach einem halben Jahr fallengelassen“, sagt Hamann. Die strafrechtliche Relevanz nachzuweisen, sei in diesen Fällen oft schwierig, teilt die Pressestelle der Staatsanwaltschaft mit. Wenn der Kunde bereit sei, einen hohen Preis für ein bestimmtes Stück oder eine Leistung zu bezahlen, die weniger wert ist, falle das unter die zivilrechtliche Vertragsfreiheit. „Strafrechtlich müssen wir den Nachweis führen, dass der Tatverdächtige den Kunden arglistig über den Wert getäuscht hat. Wenn gefälschte Wertgutachten dazukommen, ist das ein bisschen einfacher. Jeder Fall muss gesondert bewertet werden“, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Mona Lorenz.

Anbieter werben in Beilagen und Anzeigen für Teppichreinigung

Eine fachgerechte Reinigung kostet normalerweise zwischen 30 und 40 Euro pro Quadratmeter. Ein Berliner Teppichhaus lockt dagegen in Anzeigen mit Preisen „ab 5,80 Euro“ pro Quadratmeter. Ähnliche Anzeigen sind auch in der Berliner Zeitung erschienen, überwiegend in Beilagen. Der Tagesspiegel hatte 2017 über die Masche mit der Teppichreinigung berichtet. „Dahinter stecken drei oder vier Personen, die mit verschiedenen Firmen agieren“, sagt der Sachverständige Razi Hejazian.

Hejazian handelt und repariert seit 30 Jahren in seiner Galerie Teppiche und ist von der Berliner Industrie- und Handelskammer öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Orientteppiche und Kelims. Er erklärt die häufigste Masche: Die Teppichreiniger versichern, ein Teppich sei unglaublich wertvoll und es lohne sich, zehn- bis zwanzigtausend Euro zu investieren, damit er verkäuflich ist. Und das für eine Wäsche, die nicht einmal 300 Euro wert sei. Wie das gelingt? „Das sind geschulte Leute“, sagt Hejazian. „Viele Geschädigte schämen sich dafür, dass sie auf die Masche hereingefallen sind“, meint er. Davon gehe auch die Staatsanwaltschaft aus, bestätigt Lorenz, deshalb sei nicht klar, wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind. Wenn die Geschädigten sich an Hejazian gewandt haben, hat er die Teppiche begutachtet und ein Schreiben ausgestellt, mit dem die Betroffenen ihr Geld zurückfordern sollten. „Inzwischen schicke ich sie zur Polizei“, sagt er.

Am 21. April hat die Polizei in verschiedenen Berliner Stadtteilen Razzien durchgeführt. Die vier Verdächtigen nutzten laut Pressemitteilung ein komplexes Firmenkonstrukt von Teppichreinigungsfirmen und setzten vornehmlich ältere Menschen bei Hausbesuchen unter Druck. „Sie nutzen den Überraschungsmoment und die körperliche Überlegenheit“, sagt Lorenz. Die Berliner Polizei rät, bei solchen Beratungsgesprächen immer eine zweite Person dabei zu haben. Es gebe unterschiedliche Vorgehensweisen. Manchmal werden die Teppiche einbehalten, bis der geforderte Preis bezahlt wird. Misstrauen sei vor allem auch dann angebracht, wenn eine Bezahlung in bar oder mit Schmuckstücken vorab verlangt würde oder keine Rechnung oder Quittung ausgehändigt wird. Auf dieser sollten die in Auftrag gegebenen Leistungen vermerkt sein. Sinnvoll sei auch ein Kostenvoranschlag mit den konkreten Leistungen, sagt Lorenz.

Anmerkung: Der Berliner Verlag hat die Berichterstattung zum Anlass genommen, Anzeigenkunden noch genauer zu überprüfen.