Wie Fake-Portale schädliche Medikamente verkaufen – und Berliner Ärztenamen missbrauchen

Mit Produktbewertungen von Ärzten verleitet eine Website zum Kauf von Medikamenten. Autoren entpuppen sich als Fake. Eine Recherche über das schmutzige Geschäft mit der Gesundheit.

Diverse Medikamentenpackungen liegen auf einem Tisch. 
Diverse Medikamentenpackungen liegen auf einem Tisch. imago/Westend61

Immerhin so viel ist sicher: „Dr. John Apolzan“ gibt es wirklich. Der Ernährungswissenschaftler antwortet auf E-Mails und erfreut sich offenbar bester Gesundheit. Selbstverständlich ist das alles nicht.

Apolzan ist Professor an der US-amerikanischen Louisiana State University. Sein Porträtfoto auf der Uni-Website zeigt ihn mit breitem Lächeln und Lachfalten um die Augen. Auch hierzulande könnten Gesundheitsbewusste den freundlichen „Dr. John“ kennen: als produktiven Autor. Auf der deutschsprachigen Internetseite healthstatus.com und der Partnerwebsite familyfoodandtravel.com schrieb er, so schien es, Artikel um Artikel.

Kaufen beim „Partner-Shop“

Der Wissenschaftler bewertete Nahrungsergänzungsmittel, Detox-Pflaster und Diättropfen. Er wusste, wo es Viagra und hoch dosierte Schmerzmittel im Internet zu kaufen gibt, beschrieb geduldig den „Dehnvorgang“ einer Penispumpe gegen Erektionsbeschwerden („absolut schmerzfrei“). Am Ende konnte er die Produkte eigentlich immer empfehlen – und er hatte den Link zum passenden Onlinehändler. Schon im Impressum von healthstatus.com stand Apolzan bis vor wenigen Tagen ganz oben, zu sehen war das Foto mit dem Lächeln und den Fältchen am Auge.

Das alles war nichts als Schwindel. Wie so vieles an dem Gesundheitsportal, bei dem es am Ende eigentlich immer um eines geht: Die Besucher sollen kaufen. Abnehmpillen und Anabolika, Rezeptpflichtiges ganz ohne Rezept. Dr. John empfiehlt es, also: Kaufen beim „Partner-Shop“.

Sportwetten, Kryptowährungen – und Medikamente

Der Schwindel beginnt mit den Produktbewertungen Apolzans: Der echte John Apolzan weiß nach eigener Aussage überhaupt nichts davon, dass er die Artikel geschrieben hat. Auf Anfrage antwortet er schnell und deutlich: Mit den Betreibern der Internetseiten habe er keinerlei Verbindung, er gehöre „nicht zu deren Team, wie die Website vermuten lässt“, nie habe er für sie Analysen durchgeführt oder Artikel verfasst. Sein Name und sein Bild seien „missbraucht und ohne seine Erlaubnis verwendet“ worden.

„Bei uns finden Sie ausführliche Testberichte, bewertet und recherchiert von Ärzten und Experten“: So stellt sich healthstatus.com seinen Besuchern vor. Ein ganzes Autorenteam suggeriert geballte Kompetenz, unter ihnen Experten aus Deutschland. Wie „Dr. Daniel Bangfahkiri“, angeblich Sport- und Präventivmediziner. Bei ihm ist ein Profil im sozialen Netzwerk LinkedIn verlinkt, ausweislich dessen er Arzt am Klinikum Altmühlfranken im fränkischen Weißenburg sein soll. Dort geht man eigens die Personalakten durch – das Ergebnis, so eine Sprecherin: „Wir kennen keinen Daniel Bangfahkiri.“ Bei „Dr. Tatjana Abel“, einem weiteren „Team“-Mitglied, verweist healthstatus.com ebenfalls auf ein LinkedIn-Profil, das sie als Ärztin beim Jüdischen Krankenhaus Berlin ausgibt. Und auch dort heißt es: Eine solche Ärztin „war nie bei uns tätig“.

Wer steckt hinter dem Schwindel?

Gegründet, so heißt es auf der Seite, wurde HealthStatus von dem US-amerikanischen Marketingspezialisten Greg White, bis heute Chef des Unternehmens HealthStatus, LLC in Indianapolis und ebenfalls im „Team“ aufgelistet. Laut Impressum jedoch zeichnet inzwischen ein anderes Unternehmen verantwortlich: die in London ansässige Finixio Ltd. Die Digitalmarketingspezialisten betreiben noch weitere deutschsprachige Seiten, die sich dem Eindruck nach vor allem um eines drehen: verbrauchernahe Inhalte, die es ermöglichen, mutmaßlich provisionsträchtige Links zu Onlineshops einzubinden. Es geht um Cannabisprodukte und Sportwetten, um Hellseher und Kryptowährungen – und um Gesundheitsprodukte.

Rezeptpflichtige Medikamente frei verkäuflich

Nirgendwo stehen diese so sehr im Vordergrund wie auf healthstatus.com, und das offenbar so suchmaschinenoptimiert wie möglich. Ein Text über „Keto-Tropfen“ erörtert in epischer Breite, ob die Abnehm-Präparate in der Fernsehsendung „Höhle der Löwen“ auftauchten. Nur um festzustellen, dass dies nicht der Fall war, was die Betreiber nicht davon abhält, eine Liste „Beste Höhle der Löwen Keto Tropfen“ aufzustellen. Es wirkt, als solle der Name der Sendung nur oft genug fallen, um deren Anhänger über Internetsuchen auf das Portal zu locken.

Und von dort aus weiter zu den Verkaufsseiten der Nahrungsergänzungsmittelhersteller – oder, wenn es rezeptpflichtige Medikamente ohne Rezept sein sollen, zu einem von zwei ähnlich aufgemachten Onlineshops. Ein Impressum gibt es dort nicht, das Deutsch wirkt holprig übersetzt, irgendwo heißt der Datenschutz „Gemütlichkeitspolitik“. Wer die dubiosen Shops betreibt, ist unklar.

Anruf bei der Kundenhotline des „Medikamente Shop“ – einer kostenfreien deutschen Telefonnummer. Das Klingeln hört sich nach einem weit entfernten Anschluss an, es rauscht, bis sich schließlich eine schlecht verständliche weibliche Stimme meldet. Deutsch spricht sie nicht, nur Englisch – und legt gleich wieder auf. Weil schnell klar war, dass der Anrufer kein Kunde ist? Zweiter Versuch über den Kunden-Chat. Es schreibt, auf Deutsch, eine „Teeman Brighton“. Doch auf die Frage, welches Unternehmen für den Shop verantwortlich ist, antwortet sie nicht mehr.

Internationaler Handel mit gefälschten Arzneimitteln

„Jeden Tag wird das Internet mit Werbung für Arzneimittel überflutet“, warnt die internationale Polizeieinheit Interpol. Bei der konzertierten Operation Pangea XV stellten die Behörden Ende Juni in 94 Ländern mehr als drei Millionen gefälschte und illegale Arzneimittel und Gesundheitsprodukte sicher. „Betrügerische Produkte, die die Gesundheit der Verbraucher gefährden, anstatt sie zu heilen“, wie es bei Interpol heißt. Insgesamt habe der internationale Handel mit gefälschten Arzneimitteln ein Volumen von mehr als vier Milliarden US-Dollar erreicht.

Auch wenn es bei den beiden Shops ohne Impressum nur „echte“ Ware geben sollte: Seriös sind die Angebote nicht. Dass manche der hier rezeptfrei angebotenen Medikamente nicht ungefährlich sind, scheint auch den Machern von healthstatus.com klar zu sein. Eine Überdosierung könne zu „sehr ernsten Leber- und Nierenschäden“ führen, heißt es in einem Text über das hoch dosierte verschreibungspflichtige Schmerzmittel Ibuprofen 600. Im Steckbrief zu dem Produkt steht dennoch: „KEINE Nebenwirkungen.“

Wo ist Dr. John?

Im Laufe der Recherche verschwindet „Dr. John“ plötzlich von healthstatus.com. Als Hauptautorin lächelt nun die Apothekerin „Dr. Alexandra Perez“ die Website-Besucher nicht minder fröhlich an. Ehemalige Artikel von „Dr. John“ stehen nun unter ihrem Namen – sie ist es auch, die nun weiß, dass die Penispumpe „absolut schmerzfrei“ funktioniert.

Auch Dr. Perez gibt es. Anruf bei der Nova Southeastern University in Florida, wo Perez Pharmazie-Professorin ist. Dass sie zum healthstatus-Team gehöre, sein „völlig falsch“, sagt sie am Telefon: „Ich habe niemals Artikel für diese Seite geschrieben.“

Noch am selben Tag ändert sich die Seite erneut, mehrfach. Schließlich ist „Dr. Perez“ ebenfalls verschwunden, an ihrer Stelle erscheint „Dr. med. Matthias Abenstern“ als Autor all der Artikel über rezeptfreies Viagra, Ibuprofen 600 und Penispumen – ein Arzt der München Klinik, wie der Link zu einem echten Profil auf der Internetseite der städtischen Krankenhausgruppe zu belegen scheint.

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“

Dort allerdings heißt er „Abenstein“, nicht „Abenstern“. Und dass er die ganzen Artikel geschrieben haben soll, davon weiß er ebenso wenig wie die anderen „Autoren“, sagt ein Sprecher der München Klinik auf Anfrage. Die Rechtsabteilung des Krankenhauses nimmt sich der Sache an, und kurz darauf ist auch „Dr. Abenstern“ aus dem „Team“ geflogen. Angeblicher Hauptautor ist seither der angebliche „Dr. Daniel Bangfahkiri“, der jedenfalls kein Arzt am Klinikum Altmühlfranken ist.

Wie genau arbeiten die Unternehmen HealthStatus, LLC und Finixio Ltd. zusammen? Was sagen sie zu den Fakes? Wer betreibt die Shops mit frei verkäuflichen rezeptpflichtigen Medikamenten? All das bleibt offen. Weder HealthStatus-Gründer Greg White noch Finixio reagierten auf eine Anfrage.

Was sich im Laufe der Recherche nicht verändert hat: das etwas skurril anmutende „Glaubensbekenntnis“ auf der Team-Seite des Portals. „Wir glauben, dass die Bibel das inspirierte, einzig unfehlbare und maßgebliche Wort Gottes ist“, heißt es darin. Vielleicht hätten die Betreiber das achte Gebot noch einmal nachschlagen sollen. „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, lautet es.

Dr. John könnte das wahrscheinlich empfehlen, der echte Dr. John.

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