Berlin - Als Annette Krüger den Kofferraum ihres Autos öffnet, zeichnet sich ein Lächeln auf Ramas Lippen ab. Die junge Syrerin ist begeistert, denn sie erblickt ein schwarzes Damenfahrrad. „Sogar mit einem Körbchen vorne“, sagt Annette Krüger fröhlich, als sie Rama ihr Fahrrad übergibt. Da lässt es sich die 28-Jährige nicht nehmen, gleich eine Proberunde durch die Hornstraße in Kreuzberg zu drehen.

Vor rund einem Jahr kam Rama mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann aus Syrien nach Berlin. Seit einigen Monaten hat Fahrradfahren für sie eine große Bedeutung. Sie bringt ihre Kinder mit dem Rad zur Schule, erledigt Einkäufe und entdeckt so die Hauptstadt. „Das Fahrradfahren macht mir Spaß, auch deshalb, weil ich so in Kontakt mit anderen Menschen komme“, sagt sie. Dabei hat sie das Radfahren erst im Herbst gelernt. Dank des Projekts #Bikeygees.

Dahinter stecken drei Frauen: Katie Griggs, Annette Krüger und Anne Seebach – sie helfen und arbeiten in unterschiedlichen Flüchtlingsprojekten und Notunterkünften in Berlin. Im Herbst wurde Katie Griggs das erste Mal von einer Frau nach einem Fahrradkurs gefragt. „Es gab nicht viel und wenn es Angebote gab, dann kosteten sie Geld“, sagt die 40-Jährige. „Nachdem mich die dritte Frau nach einem Fahrradkurs fragte, beschloss ich, das selbst zu machen.“

Alles begann mit einem spontanen Treffen im Park am Gleisdreieck, über Facebook erfuhr Annette Krüger davon. Sie bot ebenfalls Fahrradkurse an, war damit in Unterkünften in Moabit aktiv. Gemeinsam mit Anne Seebach schlossen sie sich dann zur Initiative #Bikeygees zusammen. „Wir wollten unsere Kräfte bündeln, damit nicht mehr jeder für sich aktiv ist“, sagt Katie Griggs.

Ziel des Projekts ist es, Flüchtlings-Frauen, aber auch anderen Frauen das Fahrradfahren beizubringen. Denn oftmals haben sie es in ihrer Heimat nicht gelernt. Mit einem Verbot habe das aber nichts zu tun, erklärt Rama. „Frauen nutzen in Syrien keine Fahrräder, da sie es nicht brauchen. Es gibt viele Taxis, Autos und Busse. Es gibt deshalb in Syrien auch viele Männer, die nicht Fahrrad fahren können.“ Zudem gebe es in ihrer Heimatstadt Damaskus auch keine Fahrradwege, sagt Rama. „Fahrradfahren ist nicht verboten, es ist einfach eine andere Kultur.“

Während Rama durch ihre Kinder, die bereits in Damaskus das Fahrradfahren erlernten, schon Berührung mit dem Vehikel kam, gibt es auch richtige Anfängerinnen unter den Teilnehmerinnen von #Bikeygees, sagt Annette Krüger. Zu Beginn starten die Frauen oft mit zwei Helfern an ihrer Seite. Mit stützenden Kräften am Lenker und einem Startschubser werden dann die ersten Versuche unternommen Die eine oder andere Schwierigkeit muss dabei schon überwunden werden, vor allem das Aufsteigen ist für viele erst einmal eine Hürde. „Die Rücktrittbremse ist aber der größte Feind“, sagt Annette Krüger und lacht. Da muss auch Katie Griggs grinsen. Denn selbst die radelnde Britin hatte bei ihren ersten Fahrten auf deutschen Rädern ihre Probleme. Die Rücktrittbremse ist wohl ein deutsches Phänomen.

Wie man anderen das Radfahren beibringt, darüber musste sich die 40-Jährige auch erst einmal informieren. Vor allem durch Youtube-Videos holte sich Anregungen. Mit dem Ergebnis ist Katie Griggs zufrieden: „Es geht oft sehr schnell. Und bisher haben es auch alle geschafft.“ Besonders freut sie der offene Umgang miteinander und das Vertrauen, das die Frauen den Projektleiterinnen entgegen bringen. Das sei nicht selbstverständlich. „Die Menschen, die geflohen sind, haben viel verloren, hier gewinnen sie etwas Positives“, sagt Annette Krüger. „Das Fahrradfahren steht für so viele Dinge – Unabhängigkeit, Freiheit, Freundschaften, Gesundheit, Spaß und Mobilität.“

In regelmäßigen Abständen finden die Fahrradkurse statt – mal direkt in den Unterkünften, mal in Parks und neuerdings in Kooperation mit dem Verkehrsübungsplatz in Moabit. Die Grenzen zwischen Lernenden und Unterrichtenden sind fließend. „Unsere Idee ist, dass die Teilnehmerinnen selbst ihr Wissen weitergeben“, erklärt Annette Krüger.  Derzeit geben vor allem ehrenamtliche Helfer Unterricht, für Krüger ist das auch eine wichtige Art, um Verständnis füreinander aufzubauen. Viele der Helfer hätten vor dem Training noch keine Berührung zu  geflüchteten Frauen gehabt. „Es ist eine Freude für beide Seiten zu sehen, wie Ängste abgebaut werden“, sagt Krüger. Das Wort Flüchtlinge kommt ihr dabei nie über die Lippen.  Sie verwendet am liebsten das Wort Newcomer.

Mehr als 70 Frauen haben bereits im Rahmen von #Bikeygees gelernt, wie man fest im Fahrradsattel sitzt. Langfristig wollen die Projektleiterinnen auch technisches Wissen wie Reifenflicken und einfache Reparaturen sowie Verkehrsregeln vermitteln. Auch die Werbetrommel soll gerührt werden, mit Stickern und Flyern sollen Frauen angesprochen werden, die nicht über das Internet erreicht werden können.

Ermöglicht wird das vor allem durch Spenden. Um Werbemaßnahmen und vor allem Ausrüstung und Fahrräder bezahlen zu können, haben Katie Griggs, Annette Krüger und Anne Seebach ihre Idee zu einem Crowdfunding-Projekt gemacht. Daneben suchen die Frauen immer wieder Menschen, die das Projekt durch ihre Zeit unterstützen oder mit Sachspenden – allen voran natürlich Fahrrädern - aushelfen.