Demonstranten auf dem Bebelplatz in Berlin. Tausende demonstrierten am Sonntag gegen Antisemitismus und rechten Terror.
Foto: Axel Schmidt/AFP

BerlinMehr als 30.000 Jüdinnen und Juden leben in Berlin, so viele wie nie zuvor nach der Shoa. Wie fühlen sie sich wenige Tage nach dem Anschlag von Halle? Ruth Herzberg, Anetta Kahane und Yael Nachshon geben Auskunft.

Danke, mir geht's gut

Von Ruth Herzberg

Dass alle jetzt so fassungslos sind, verstehe ich nicht. Unvorstellbar soll dieser Anschlag gewesen sein. Unvorstellbar? Nazi greift Synagoge an. Das ist so überraschend, als würde man sagen, im Sommer ist es wärmer als im Winter. Was mich viel mehr gewundert hat: dass es in Halle eine Synagoge gibt. Juden! Seid ihr meschugge? Eine Synagoge in Halle! Habt ihr noch nicht genug?

Blumen und Kerzen erinnern vor dem Kiez Döner an die Opfer des rechtsextremen Anschlags in Halle.
Foto: Hendrik Schmidt/dpa

In Halle ist passiert, was irgendwann irgendwo passieren musste: Ein rechtsradikalisierter Computerspieler hat sich mit der Realität kurzgeschlossen. Stephan B. hat versucht, in eine Synagoge einzudringen, zwei Menschen erschossen, das Land in Aufruhr versetzt, und ich wurde deswegen gebeten, zu erzählen, wie ich mich so fühle, als Jüdin in Deutschland, also als potenzielles Opfer sozusagen.

Danke, mir geht’s gut, ich habe gerade eine Woche auf dem Land verbracht, bin viel spazieren gegangen, hatte kaum WLAN und habe die Ereignisse nur am Rande mitbekommen. Ich fühle mich, ehrlich gesagt, nicht besonders betroffen. Ist doch andauernd irgendwas los, neuerdings, oder?

Bei den Juden wird jeder immer als Stellvertreter seines Volkes gesehen

Es ist doch kein Geheimnis: Juden sind hier nach wie vor nicht besonders beliebt. Ich als deutsche Jüdin bleibe deswegen lieber unter dem Radar. Obwohl ich unschuldig bin! Ich gehöre weder den Rothschilds noch dem Mossad an. Ich bin harmlos, ich bin ok, bitte bitte tut mir nichts!

Genauso ungern, wie Deutsche im Ausland erzählen, dass sie Deutsche sind, erzähle ich Deutschen, dass ich Jüdin bin. „Bist du religiös?“, fragen sie dann. „Warum nicht?“, geht es weiter. Danach wollen sie meine Familiengeschichte wissen. Da sind sie streng. Dabei frage ich die doch auch nicht automatisch nach ihrer Familiengeschichte, wenn sie sagen, dass sie aus Hamburg oder Hessen kommen.

Ich bin überhaupt zu wenig schlagfertig und gewitzt, wenn es um meine Herkunft geht. Ich bin befangen, denn ich will kein schlechtes Licht auf mein Volk werfen, nicht, dass es wegen mir noch mehr Ärger bekommt. Es gibt so viele böse Juden: Polanski, Weinstein, Epstein, um nur einige zu nennen. Es ist so schrecklich. Bei den Juden, scheint es mir, wird jeder immer als Stellvertreter seines Volkes gesehen.

Mir als deutsche Jüdin geht es nach dem Anschlag in Halle prima

„Jüdin bist du? Du bist ja ok“, hat mir eine befreundete Stewardess gesagt, „aber es gibt nichts Schlimmeres als Israelis im Flugzeug.“– „Du bist ja ok“, meinte ein Kumpel, aber den Holocaust habe es in der Form nicht gegeben. Und ob ich mir endlich mal die Links angeschaut hätte, die er mir zu dem Thema mailte. „Du bist ja ok“, sagte mir eine Kollegin, aber was ich davon halten würde, wie die Israelis mit den Palästinensern umsprängen?

Ich hoffe sehr, nach „Halle“ wollen die Deutschen nicht wieder mal breite Bündnisse gegen Antisemitismus und Rassismus usw. schmieden. Ich kann’s nicht ändern: Wenn Deutsche sich zusammenschließen, wird mir ein wenig flau in der Magengrube. Unteilbare Massen von Deutschen, die sich im Recht fühlen, machen mir Angst. Bitte vereinzelt euch, ich tu’s doch auch. Also: Wie es mir als deutsche Jüdin nach dem Anschlag in Halle geht? Prima. Die Sonne scheint, gleich werde ich spazieren gehen.


Wie Eiswasser im Gesicht

Von Anetta Kahane

Ich war weit weg, an der Pazifikküste. Am Vorabend von Jom Kippur hatte ich mir allein das Gebet Kol Nidrei angehört. Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich die Feiertage nicht in meiner Synagoge in Berlin verbringen konnte und auch sonst nirgendwo, denn in der Umgebung gab es keine Juden. Aus dem Internet hörte ich mir deshalb die schöne Stimme der Kantorin Mimi Sheffer an.

Sie sang das Kol Nidrei, dieses ernste und aufrührende Gebet. Es geht darin um persönliche und allgemeingültige Versprechen, um Verantwortung, Aufrichtigkeit, um das Leben und den Tod. Das Kol Nidrei geht tief und ist existenziell.

In der Nacht brummte mein Handy einige Male. Gerade genug, um es wahrzunehmen, nicht genug, um richtig aufzuwachen. Irgendwann war ich wach und las die Nachrichten aus Halle, über die eingeschlossenen Menschen, die Toten. Ich lief im Zimmer auf und ab, fluchte und lehnte die Wange ans Fenster, als ob das die Furcht aufhalten könnte, die in mir hochkroch.

Teilnehmer einer Demonstration von „Halle gegen Rechts - Bündnis für Zivilcourage" am 13. Oktober in Halle.
Foto:  Hendrik Schmidt/dpa

Dabei kenne ich doch die Rechtsextremisten seit Jahrzehnten, ihre Drohungen waren nie nur leere Worte. Ich laufe für die ja auch mit einem Fadenkreuz auf der Stirn herum. Ich weiß sehr vieles über den Rechtsterrorismus und wer von denen wo und wie aktiv ist und nehme es kühl. Diesmal nicht.

Als würde den Juden der Boden unter den Füßen weggerissen

Ich lief zum Strand, der um diese Zeit fast menschenleer war. Das Entsetzen der Angehörigen der Opfer über die Todesnachricht, die Angst der Angegriffenen in der Synagoge stieg mir in die Augenwinkel. Ich setzte mich irgendwo hin und begann zu weinen. Es war nicht nur Schreck und Trauer, sondern noch etwas anderes.

Dieser ewige Antisemitismus, von Generation zu Generation, von Trauma zu Trauma, er beißt wie Eiswasser im Gesicht, er macht, dass viele Juden sich in solchen Momenten fühlen, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen. Die alten Ängste, nach Luft schnappen, sich fassungslos umsehen. Was passiert hier gerade? Wieder ein Einzelfall?

Man kann sich daran gewöhnen, aber muss man das? Es sind nicht nur die Täter, die solchen Schmerz verursachen. Es ist das Ausmaß an Hass und Irrationalität und die verletzende Gleichgültigkeit eines beistehenden Publikums. Und es sind die zu erwartenden öffentlichen Reaktionen, die ohne politischen Willen nur warme Worte in die Kälte blasen.

An den Tagen danach bekam ich Nachrichten, tröstende, wütende – und schickte genau solche an andere. Und nur wenig später wurde klar, dass diese Nazis und ihre Salonfreunde die Sache aggressiv umdrehten. Eine Flut von ungeheuerlichen Relativierungen begann sich in den sozialen Netzwerken auszubreiten, Verschwörungstheorien überall. Schuldumkehr, die Juden waren es selbst. Irgendwie.

Oder diejenigen, die seit Jahren für demokratische Kultur arbeiten. Sie hätten das inszeniert, damit sie Geld, Geld, Geld kriegen. Die Vogelschisspartei erklärte sich zum größten Freund der Juden und bekam für diesen Blödsinn viel Raum in den öffentlich-rechtlichen Medien. Und irgendwelche islamistischen Gruppierungen wussten nicht, ob sie über den Anschlag jubeln oder sich nicht gleich selbst zu Juden erklären sollten. Mich berührt die Anteilnahme von so vielen Menschen überall im Land. Sie sind die Hoffnung. Alles andere ist zum Heulen.


Mein Sicherheitsgefühl hat einen Knacks abbekommen

Von Yael Nachshon (Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama)

Das Leben kann überraschend sein. Bis vor einiger Zeit war Berlin für mich nur ein beliebiger Städtename auf der Welt. Ich dachte nicht groß nach, als ich zu Aharon, meinem Mann, sagte, ich sei bereit, für einige Zeit nach Berlin zu ziehen. Aharon hatte den Vorschlag gemacht, und ich war gerade von einer schweren Krankheit genesen und wünschte mir nichts weiter als einen Neuanfang, ein unbeschriebenes Blatt. Und das war es: Wohnung, Sprache, Kultur, Wetter – alles neu.

Bald merkte ich, dass ich mich sogar beruflich neu erfand, Aber ich entdeckte auch, dass Berlin alles andere als ein „unbeschriebenes Blatt“ ist. Die Geschichte ist allgegenwärtig.
Ich bin im Zentrum von Israel in einer völlig säkularen Familie aufgewachsen, bin zwar dritte Generation von Holocaust-Überlebenden, aber dieses Trauma war in unserem Haus nicht präsent. Als im Gymnasium alle von der Schule aus zu den Stätten der Schoa fuhren, bin ich lieber zu Hause geblieben.

Es hat mich nicht übermäßig interessiert, und ich fand, es hätte nicht wirklich mit mir zu tun. Ich dachte, dies seien ferne Horrorgeschichten aus einer anderen Welt, und wir lebten in einer neuen Welt. Ich war schon immer naiv, bin es offenbar heute noch.

Menschen stehen vor niedergelegten Kerzen und Blumen an der Synagoge, vier Tage nach dem rechtsextremistischen Anschlag auf die Gemeinde.
Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Deshalb habe ich nicht viel Aufhebens um unsere Übersiedlung nach Berlin gemacht. Von mir aus hätte es jeder andere Ort auf Erden sein können, und nun war es halt dieser geworden.

Der Anschlag in Halle hat mein Sicherheitsgefühl angegriffen

Aber der tiefe, rauschende Ozean Berlins wurde mir nach und nach bewusst. Zuerst blieb ich auf den Bürgersteigen alle paar Schritte vor goldglänzenden Steinen mit Namen und Daten stehen. Plötzlich konnte ich mir die Familien vorstellen, die einst in den schönen Häusern in unserer Straße gewohnt hatten. Zwei Eltern, zwei Kinder, Juden, haben von dann bis dann hier gelebt. Offensichtliche Vergleiche zu meiner Familie drängten sich auf.

Später dann die Gespräche mit all den neuen Leuten, die wir kennenlernten, die Architektur und die Monumente der Stadt, meine Bekanntschaft mit Anja Reich, die zu unserem Briefwechsel in dieser Zeitung führte, und vor allem mein bald dringender Wunsch, einen Kultursalon zu eröffnen. Die Aussicht auf Veränderung und Erneuerung, die mir diese Stadt zu bieten schien, nährte den Gedanken, gerade in Berlin könnte ich überraschend etwas Gutes bewirken, und sei es nur in bescheidenem Umfang.

In unseren bisher dreieinhalb Jahren in Berlin gab es hier und da Vorfälle, die auf die eine oder andere Weise mit Antisemitismus zu tun hatten. Keiner davon hat mich aufgewühlt. Aber heute, einige Tage nach dem Anschlag in Halle, muss ich gestehen, dass mein Sicherheitsgefühl einen Knacks abbekommen hat. Mir schießen allerlei Schreckensszenarien durch den Kopf, die mich erstmals seit unserem Umzug zweifeln lassen, ob dies der richtige Ort für uns ist.

Ich weiß, dass ich einem einzelnen bescheuerten Extremisten nicht erlauben darf, mich aus der Bahn zu werfen, und hoffe, mein Gefühl wird vorübergehend sein und bald wieder vom Strom des guten Lebens, das wir hier in Berlin haben, fortgespült werden. Aber ich vergesse nun nicht mehr, dass das Leben überraschend sein kann. Wenn der Moment akuter Gefahr eintrifft, muss man wachsam, geistesgegenwärtig und leider auch etwas weniger naiv sein.