Dass ich viel zu viele Wochen nicht hier war, merke ich, als die Inhaberin mich anspricht. „Wir haben uns aber lange nicht gesehen“, sagt sie und lehnt sich an den Türrahmen, durch den man vom hinteren Teil des Cafés in den vorderen gelangt. Obwohl sie sichtbar auf dem Sprung ist – etliche Taschen hat sie in den Händen und warm angezogen ist sie auch –, fragt sie: „Wie geht es Dir?“ Ihre Frage ist voll von ehrlichem Interesse.

„Nicht so gut“, müsste ich sagen, doch wir kennen einander nur von häufigen Begegnungen in vergangenen Zeiten und ein paar kurzen Gesprächen über Kaffee und Törtchen. Ich möchte sie nicht in Verlegenheit bringen und auch nicht aufhalten. Also zucke ich mit den Schultern und antworte mit einem unsicheren „Muss“. Es hört sich ganz falsch an. Nichts muss, den Rheinischen Gesetzen zum Trotz. „Watt mutt, datt mutt“ klingt auch viel kraftvoller, ein bisschen bockig und vor allem überhaupt nicht resigniert. „Und Dir?“, frage ich schnell, um meine Unsicherheit zu übertönen. Sie antwortet mit demselben Wort, nur hört es sich bei ihr energischer an. Sie erzählt von den letzten Monaten, von Ängsten und Zweifeln, aber auch von guten Veränderungen und richtigen Entscheidungen.

Ermutigt von ihrer Offenheit berichte nun auch ich von meinen Kümmernissen und dem Reichtum dieser Tage, der vieles leichter macht, und beide stellen wir fest: Es ist so ein vielschichtiges „Muss“. Nachdem sie sich verabschiedet und noch ein „Bis bald!“ durch den Türrahmen geschickt hat, denke ich an ein Gespräch mit einer Freundin wenige Tage zuvor. Wir saßen lange zusammen in einem Lokal und auf dem Weg zur S-Bahn fragte sie mich: „Hast Du auch so Angst vor der Frage ‚Wie geht es Dir?‘“ Ich bejahte ohne lange nachzudenken und verstehe sie jetzt noch besser. Die Frage ist heutzutage meist ernster gemeint als früher. Deswegen will man auch genauer und ehrlicher antworten. Das wiederum ist schwieriger als vor zwei Jahren, weil noch mehr Gefühle toben. Oder: ungestümer toben. Damit will man, will ich, das Gegenüber nicht überfordern.

Es ist eben so eine Sache mit der Frage. Ein „Gut“ kann in der Regel so stehen bleiben. Niemand fragt: „Warum?“ Selbst in diesen Zeiten nicht (warum eigentlich?). Antwortet man aber beherzt mit „nicht gut“ oder gar „schlecht“, wäre es irgendwas zwischen unhöflich und herzlos, sich nicht nach den Gründen zu erkundigen. Selbst in diesen Zeiten.

Buchpremiere von „Immer schön langsam“, dem neuen Kolumnen-Buch von Barbara Weitzel, am Donnerstag, 17. März, um 20 Uhr im Pfefferberg-Theater (Schönhauser Allee 176). Moderation: Susanne Lenz (Berliner Zeitung)