Wie geplanter Sex: Wie der Savignyplatz zu meinem Lieblingsort in Berlin wurde

Der Savignyplatz ist ein Ort der Genüsse. In Zeiten, in denen andauernd von Verzicht die Rede ist, ein Hort der Gaumen- und Augenfreude.

Die Paris Bar in der Kantstraße im Berliner Ortsteil Charlottenburg
Die Paris Bar in der Kantstraße im Berliner Ortsteil Charlottenburgimago/Schöning

Ich habe keinen Lieblingsort. Ich habe auch keine Lieblingsfarbe, Lieblingsjeans, Lieblingsspeise. Ich mag alles zu seiner Zeit. Nun soll ich für die Berliner Zeitung am Wochenende meinen Lieblingsort beschreiben. Ich beschließe, mir einen Ort, den ich hin und wieder besuche, zum Lieblingsort zu machen. Eine Woche lang fahre ich also zum Savignyplatz in Berlin-Charlottenburg. Jeden Tag. Es ist wie der Rat, den Therapeuten Paaren geben, die keinen oder nur noch mittelmäßigen Geschlechtsverkehr haben. Verabreden Sie sich zum Sex! Suchen Sie sich einen Ort und machen den zu Ihrem Liebsten!

Tag 1: Ich nähere mich dem Savignyplatz von der Kantstraße. Ich bin in der Paris Bar verabredet – ja, ich weiß, der Paris Bar. Dort wo sich angeblich Künstler und Prominente treffen. Die einzige Bar, in der die Kellner Rolex tragen. Ich fühle mich wohl. Eleganz ohne übertriebenen Protz. Meine Begleitung und ich bestellen einen Gin Tonic und ein alkoholfreies Bier. Dass ich hier nicht in einer Neuköllner Eckkneipe bin, merke ich spätestens als der Kellner freundlich darauf hinweist, dass an reservierten Tischen auch Speisen bestellt werden müssen. Ich werfe einen Blick in die Speisekarte und stelle fest: Die Paris Bar ist definitiv nichts für Geizhälse. Gut so! Das Gerede über „Berlin ist arm, aber sexy“ will eh niemand mehr hören.

Tag 2: Ich gehe ins Schwarze Café und zwar nach oben. Dort gibt es einen einzigen Tisch mit zwei Stühlen auf dem Balkon. Man sitzt allein und ist doch unter Leuten. Pride-Flaggen hängen an der Brüstung. Ich bestelle einen Apfelkuchen mit Schlagsahne. Ich rauche eine Zigarette und blicke auf den Savignyplatz. Meine Bestellung kommt. Mehr Schlagsahne als Apfelkuchen. Wieder: Gut so! Ich beobachte eine junge, blonde Frau in weißem Kleid, wie sie sich zu der Salsa-Musik bewegt. Im Schwarzen Café sind zwar die Wände schwarz gestrichen, doch Menschen wie sie bringen es zum Leuchten.

Tag 3: Ich betrete den Bücherbogen direkt unter der S-Bahn-Haltestelle Savignyplatz. Ich stöbere zwischen Büchern über Kunst, Fotografie, Design, Theaterwissenschaft. Ich habe schon viel zu lange nicht mehr gestöbert. Der Savignyplatz gibt mir das Gefühl, mich auf einem Städtetrip in Südeuropa zu befinden. Richtig gut so! Eine Auszeit mitten in der Stadt. Ich blättere in dem Helmut-Newton-Bildband von Taschen. Der Preis liegt bei 1000 Euro. Ich werde wiederkommen.

Tag 4: Es ist Zeit, das Südeuropa-Feeling noch ein wenig zu toppen. Ich hole mir ein Eis im Chokocafè & Feinkost Bleibtreu. Eine Kugel Orange-Basilikum und eine Kugel Schokolade. Ich bin mir sicher, dass die Orangen, die für das Eis verwendet wurden, aus Valencia stammen, selbst wenn der Wirt sie bei Aldi gekauft hat. Fantastisch so!

Tag 5: Ich habe Hunger, traue mich aber noch nicht allein in eines der edlen Restaurants. Eine Stulle wäre gut. Ich finde sie belegt mit Butterkäse und Spinat bei Zeit für Brot. Zeit für Brot ist direkt an der Ecke Kantstraße/Savignyplatz. Ich setze mich auf die Wiese und beobachte Paare und kleine Gruppen dabei wie sie den Sommer genießen. Ich komme ins Grübeln. Was sind eigentlich die Kriterien für einen Ort, damit er zum Lieblingsort wird? Muss es überhaupt welche geben und darf man ihn einfach wählen, weil er eben da ist, wo man gerade sein will? Ich weiß gerade nur, dass ich eine Pause brauche vom Savignyplatz.

Tag 8: Drei Tage später suche ich die Galerie Camera Work auf. Sie feiert gerade 25-jähriges Bestehen, aber ich bin zum ersten Mal da. Dort treffe ich sie alle: Cara Delevingne, Henry Kissinger und die wunderschöne Gisele Bündchen im Treppenhaus. Oder sehe zumindest ihre Porträts von Martin Schoeller, Helmut Newton und David Yarrow. Die Fotografen würde ich wohl in der Paris Bar treffen, hielten sie sich in Berlin auf. Die Ausstellung ist klein, aber mir genügt sie, um meine Liebe zum Savignyplatz wieder aufflammen zu lassen.

Tag 9: Ich bestelle Pappardelle mit leichter Pfifferling-Rahm-Soße und Trüffelkäse im Lubitsch in der Bleibtreustraße. So gut! Der Kellner redet ein bisschen so, als wäre er ein freundlicher Arbeitskollege: „Sehr gerne, so machen wir das“, sagt er. Der Trüffelkäse wird am Tisch gehobelt. „Genießen Sie es“, sagt die Kellnerin. Ich genieße es. So ist der Savignyplatz – ein Ort der Genüsse. In Zeiten, in denen andauernd von Verzicht die Rede ist, ein Hort der Gaumen- und Augenfreude.

Fazit: Ich habe mir einen Lieblingsort ausgesucht. Ich wusste schon vorher, dass er viel hergibt. Doch erst als ich mich bewusst dafür entschied, ihn zu meinem Place to be zu machen, wurde er es. Ich werde wiederkommen, mit Pausen vielleicht, aber spätestens dann, wenn ich mich nach Südeuropa sehne – mitten in Berlin.