Berlin - Und was darf ich jetzt damit? „Sie dürfen Veranstaltungen besuchen, bei denen Sie einen Impfcode brauchen“, erklärt mir die Apothekerin, die erst meine Papiere entgegengenommen und mir dann geholfen hat, den Impfpass ins Handy zu übertragen. „Sie dürfen verreisen, ins Restaurant und zum Friseur ohne Test, das sind die Hauptsachen.“ Aha. Fühlt sich irgendwie technisch an, die neue Freiheit.

Seit Montag können Apotheken in Berlin einen digitalen Impfpass ausstellen für Menschen, die bereits geimpft sind. Auf der Internetseite www.mein-apothekenmanager.de können Interessierte nach Apotheken in ihrer Nähe suchen, die den Service anbieten. Der elektronische Nachweis auf dem Handy ist eine freiwillige Ergänzung zu dem gelben Impfpass aus Papier, der weiterhin gültig bleibt.

Oder, in meinem Fall, einer losen Zettelsammlung zuhause. Das gelbe Heft finde ich schon lange nicht mehr und auch sonst bin ich mit Papier überfordert, also dankbar für Digitales. Das kann ich nicht so leicht verlieren wie den Zettel in Quittungsgröße, auf dem meine Impfungen bisher vermerkt sind.

„Den Zettel könnten Sie auch vorzeigen, irgendwie geht ja alles“, sagt die Apothekerin und lacht. „Digital geht nur schneller, wenn sie zu einer Veranstaltung wollen oder demnächst verreisen.“

Verreist bin ich schon, erst am vergangenen Freitag bin ich aus einem zweiwöchigen Italien-Urlaub zurückgekehrt nach Deutschland, wo schon wieder alles anders funktioniert als bisher. Die neuen digitalen Pläne von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte ich unterwegs leider verpasst.

Den Flug, inklusive aller erforderlichen Tests, hatte ich extra so gelegt, dass ich vom Flughafen BER direkt zum zweiten Impftermin fahren konnte, Moderna im Wedding. Dort bekam ich allerlei neue Papiere, meine alten Aufklärungsbögen galten wohl nicht mehr, dazu gab es weitere Infobroschüren.

„In wenigen Schritten zum digitalen Impfnachweis“, stand dort, gelesen habe ich es ehrlich gesagt nicht. Vielleicht, weil ich noch im Urlaubsmodus war oder nur überfordert von zu viel neuem Papier.

Sonst hätte ich erfahren, dass die Impfzentren seit Donnerstag QR-Codes ausstellen, die man in Smartphones einscannen kann. Die schwarz-weißen Quadrate können bei Kontrollen mit dem Handy vorgezeigt werden, in der Corona-Warn-App der Bundesregierung oder einer neuen App namens CovPass. Wer noch keinen erhalten hat, soll einen Impfcode per Post erhalten, so ganz klar scheint noch nicht, wie es weitergeht.

Wird die App irgendwann europaweit akzeptiert? Nutzen alle Länder das gleiche System? Unklar.

Aber es geht doch nichts über das menschliche Wort, auch wenn Hausärzte noch keine Impfcodes ausstellen dürfen, aber zumindest Apotheker, die einem das alles hoffentlich verständlich erklären. So bin ich erleichtert, dass am Montag, nachdem am Morgen die Seite Mein-Apothekenmanager.de zusammenbricht, dann doch eine Apotheke in der Nähe angezeigt wird, die schon digitale Impfpässe anbietet.

„Die Omis brauchen das nicht, die jüngeren Leute eher“

Laut Apotheker-Verband Berlin waren wohl zunächst nur 500 der über 8000 Berliner Apotheken dabei, die Umstellung kam für viele doch zu kurzfristig. „Kommen Sie nicht alle am ersten Tag“, hatte Verbandschefin Susanne Damer am Mittwoch im rbb-Inforadio gewarnt. Hatte ich nicht gehört. Und auch als ich beim Verband anrufe, heißt es, man sei überlastet und rufe zurück. Was nicht passiert.

Vor der Apotheke in Kreuzberg steht eine Schlange junger Männer, die sich dem Klischee nach leichter tun mit digitalen Neuerungen. „Die älteren Leute brauchen das eher nicht, die sind zufrieden, wenn sie ihren Impfpass haben“, sagt mir die Apothekerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Die Jüngeren brauchen es mehr, die zu Veranstaltungen wollen oder auf Reisen.“

Schon bei den Corona-Schnelltests sei das ein Problem gewesen, dass viele ältere Leute sich nicht für Tests anmelden konnten, weil sie gar kein Smartphone besitzen. Die schöne neue papierlose Welt.

Doch ein junger Mann namens Benjamin, der vor mir aus der Apotheke kommt, ist genervt, obwohl er nun alles hat: einen digitalen Impfpass auf dem Handy, ein gelbes Impfbuch und einen darin eingeklebten Papierzettel in Quittungsgröße. „Total lächerlich“, nennt er das Nebenher der Systeme.

Auch ich bin überfordert, als die Apothekerin meinen Mix aus Einwilligungserklärungen und Aufklärungen zum Datenschutz ansieht und sagt: „Sie haben schon einen Impfcode.“ Offenbar war es das, was mir am Freitag im Impfzentrum ein Mann in Bundeswehr-Uniform ausgehändigt hatte, mit den Worten: „Verlieren Sie das nicht.“ Was mir bisher zu jedem Dokument gesagt wurde.

Die Apothekerin erklärt, dass ich die offizielle Corona-Warn-App nochmal aktualisieren muss, offenbar gab es ein Update, am Mittwoch, einen Tag bevor Jens Spahn seinen neuen digitalen Impfpass vorstellte. Kurz darauf kritisierte die Linke-Fraktion, der Presse neue Apps zu präsentieren sei noch kein funktionierender Prozess.

Die Apothekerin sagt etwa, sie sei unsicher, was sie machen solle, wenn jemand Impfungen im Ausland erhalten habe. „In Amerika kann ich schwerer nachvollziehen, ob es den Hausarzt auch wirklich gibt.“ Den Apotheken drohen hohe Strafgelder, wenn sie gefälschte Impfpapiere durchgehen lassen.

Kontrollieren Restaurants die Codes auch?

Woran sie erkennt, dass mein Zettel echt ist? „Im Wedding gibt’s Moderna, das weiß ich.“ Aha. Unter dem QR-Code in meinem Handy steht, dass es noch elf Tage dauere, bis der Impfschutz greift. Doch werden Restaurants das für den Innenbereich auch kontrollieren?

Ich beschließe, das bei einem nahe gelegenen Inder zu testen. Er wirkt überfordert von meinem QR-Code, versucht ihn mit seiner Handykamera einzuscannen, es erscheint nur ein Buchstabensalat. „Luca-App?“, fragt er. „Nein, Corona-Warn-App“, sagte ich. Kennt er nicht. Ob ich nicht lieber draußen sitzen wolle?

Am Ende gebe ich nach. Elf Tage kann ich noch warten bis zur neuen Freiheit, die sehr technisch wirkt.