Wie ist Berlin? (Symbolbild)
Foto: Dirk Sattler/imago

BerlinIch bin eine echte Berlinerin. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Dafür kann ich nichts. Schon eher dafür, dass ich hier nie weggekommen bin, dass ich immer noch hier lebe, aber es ist, wie es ist. Die Menschen finden das gut. Toll, endlich begegnen sie mal einer „echten Berlinerin“, sagen mir Leute auf Parties oft begeistert, wenn ich mich auf die Nachfrage nach dem Woher geoutet habe. Ich bin für sie angeblich sogar oft „die erste echte Berlinerin“, der begegnet wird.

Als echte Berlinerin bin ich auf vielen Partys unterwegs und deswegen passiert mir das gar nicht mal so selten. Betrunkene meinen solche Bemerkungen lieb, ich weiß und deswegen lächle ich. „Schön für dich“, sage ich und trotzdem mir ist dann plötzlich immer so langweilig.

Jemand findet mich also interessant, nicht aufgrund meiner glänzenden Haare, meines strahlenden Geistes, meiner Top-Figur oder meiner schönen Augen, sondern wegen meiner Herkunft. Ja, ich bin total echt, total super rein, waschechte Berlinerin, schon in dritter Generation.

Eine waschechte Berlinerin: Ganz kurz ein bisschen stolz

Oma ist an der Schönhauser Allee aufgewachsen, erster Stock, Vorderhaus. Zwischendurch musste sie Berlin für ein paar Jahre Richtung England verlassen. Als sie wiederkam, hatte man ihre Mutter in Polen in einem Konzentrationslager umgebracht und die Möbel aus der Kindheitswohnung standen jetzt bei der Nachbarin von gegenüber. Oma ist dann lieber nach Weißensee gezogen und nicht in den Prenzlauer Berg zurückgekehrt.

Aber trotzdem, hey, supi, ich bin echt eine echte Berlinerin. Ich weiß, ich sollte mich wohl zu meinem Geburtsort in einem Original Ost-Berliner Klinikum beglückwünschen und dass mich der jetzt zu so einem wertvollen und einzigartigen Partygast macht. Ich sehe mich im Raum um und denke: „Ja, es ist relativ wahrscheinlich, dass ich tatsächlich die einzige echte Berlinerin hier bin. Die einzige von allen echten Berlinern, die es auf diese Party geschafft hat.“ Ganz kurz bin ich ein bisschen stolz.

Aber ob ich wohl auch so begeistert wäre, in Stuttgart auf echte Stuttgarter zu treffen, in Amerika auf echte Indianer, in Wien auf echte Wiener? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wär es mir egal. Ich finde nur wichtig, dass mein Gegenüber schön und schlau ist. Und deswegen suche ich mir lieber einen anderen Gesprächspartner. Warum? Darum. Ist eben so. Wahrscheinlich, weil ich eine echte Berlinerin bin.