Das Foto des Grauens ist verschwunden, verkramt, verloren. Zum Glück. Es stammt aus dem Sommer 2000 und zeigt einen Mann Ende 30. Er trägt helle Shorts und ein blaues, kurzärmliges Hemd, das vergeblich eine veritable Wampe zu verbergen versucht. Er lächelt. Seine Wangen sehen aus wie aufgeblasen, prall, drall, rotbraun glänzend. Der Mann ist 1,82 Meter groß und wiegt 93 Kilogramm. Der Mann bin ich.

Fast auf den Tag genau 22 Jahre liegen zwischen der Aufnahme und heute. 22 Jahre und 24 Kilo, die ich binnen der ersten zwölf, dreizehn Monate verloren habe, was zu schaffen mir damals manchmal wie eine Strafe vorkam. Rückblickend lässt sich allerdings in Anlehnung an ein geflügeltes Wort sagen: Schlanker werden ist nicht schwer, schlanker bleiben dagegen sehr.

Wer kommt auf die Idee, 10.000 Schritte täglich zu gehen?

Eine gute, eine gesunde Figur erfordert jede Menge Disziplin. In der Theorie ist das klar. Klar ist auch: Wer abnehmen möchte, muss die Energiebilanz ins Negative drehen, weniger Kalorien zuführen als verbrauchen. Sein Gewicht hält, wer das Saldo konstant auf null drückt. Das Problem an dieser Theorie ist, dass sie viele verschiedene Strategien hervorgebracht hat.

Gleich zu Beginn meiner Selbstverringerung stieß ich auf das Konzept der 10.000 Schritte. Als ehemaliger Leistungssportler hatte ich mich nach dem Ende einer überschaubaren Karriere nicht mehr bewegt als unbedingt nötig – und Hosengröße um Hosengröße zugelegt. Das musste sich ändern, ohne die Gelenke zum Bersten zu bringen. Deshalb erschien Gehen für den Anfang akzeptabel, aber 10.000 Schritte täglich? Wer kommt denn auf so was?

Pulsuhr: Was bringt sie? Wann nervt sie?

Eine findige Firma aus Japan, das habe ich irgendwo gelesen. Die verkaufte in den Sechzigern Schrittzähler und suchte dafür Schrittezähler. Erstere sind übrigens die Erfindung eines Schweizer Uhrmachers aus dem Jahr 1780, als ein gepflegter Schmerbauch noch etwas galt. Letztere waren angesichts einer seinerzeit abebbenden Fresswelle leicht zu begeistern für das japanische Gerät namens Manpo-kei, zumal es im Umfeld von Olympia 1964 in Tokio fleißig beworben wurde.

Ich bin nicht darauf hereingefallen, kam ja auch deutlich später in die Verlegenheit, darüber nachzudenken. Ich habe mir keinen Manpo-kei gekauft, bin mal 9999 Schritte, mal 10.001 Schritte gegangen. Vermutlich, ich habe sie ja nicht gezählt. Kilogramm verloren habe ich trotzdem.

Irgendwann fing ich mit dem Joggen an

Heute darf ich mich evidenzbasiert bestätigt fühlen. Etwa durch eine Metaanalyse der Universität Amherst Massachusetts, der 15 internationale Studien zugrunde lagen und deren Ergebnis unlängst im Fachblatt Lancet Public Health nachzulesen war. Grob fahrlässig verkürzt: Wer 5800 bis 7800 Schritte pro Tag geht, lebt gesünder, senkt sein Risiko zu sterben um 40 bis 53 Prozent. Das Risiko nimmt mit jedem zusätzlichen Schritt weiter ab, bleibt dann aber jenseits der 8000 Schritte konstant.

Mir waren derartige Spitzfindigkeiten gleichgültig, weil ich ja nichts davon wusste und trotzdem abnahm, so dass ich nach einem Besuch beim Kardiologen und dem Kauf stark gedämpfter Laufschuhe irgendwann mit Jogging anfangen konnte. Das war der Durchbruch, für meine Figur und Fitness und die Uhrenindustrie, zumindest gefühlt, denn diesmal bekam sie mich rum. Ich kaufte mir eine Pulsuhr.

Das Warnsignal meiner Uhr ertönte im Sekundentakt

Ein Bericht in einer Laufzeitschrift hatte mir erläutert, dass ich am meisten Fett verbrenne, wenn ich rund 70 Prozent meiner maximalen Herzfrequenz erreichen würde. Das waren in guten Zeiten an die 140 Schläge pro Minute gewesen, Pi mal Daumen. Ich stellte die Uhr vermeintlich defensiv auf 110 ein, benutzte sie zweimal und dann nie wieder.

Das Warnsignal ertönte im Sekundentakt, ich war ein durch den Park hopsendes EKG. Der ständige Blick auf die Uhr ließ mich straucheln. Wenig später konfrontierte mich eine wissenschaftliche Abhandlung mit der Erkenntnis, dass das mit der Herzfrequenz, dem Fett und den Kalorien dummes Zeug sei; zwar nicht wortwörtlich, aber so ungefähr stand das da.

Ich verlasse mich seitdem allein auf mein Gefühl für die passende Dosierung und auf meine Waage. Ich war auch mal wieder beim Rudern, meinem einstigen Sport. Ich tue etwas für den sogenannten Nachbrenneffekt. Der sorgt dafür, dass ein trainierender Körper im Ruhezustand Energie verbraucht. Beim Pennen abnehmen! Toll!

Studie: Intervallfasten hilft kaum beim Abnehmen

Ist das schon das Happy End? Eigentlich ja, wären da nicht gelegentliche Verstauchungen, Zerrungen, Husten, Heiserkeit. Oder Weihnachten, zu viel Arbeit und andere Ausflüchte. Gäbe es da nicht die Phasen ohne ausreichend Sport, dafür mit reichhaltigem Essen, die das Kalorien-Saldo in den roten Bereich abgleiten  lassen.

Dann hilft eine Akuttherapie, die als Intervallfasten in die Geschichte des Jo-Jo-Effekts eingegangen ist. Meine Methode nennt sich 16:8. Das steht für 16 Stunden fasten und acht Stunden essen wie gehabt.

Gut, dass ich erst jetzt von dem internationalen Forschungsprojekt erfahren habe, deren Resultate das Fachjournal Jama International Medicine im September 2020 veröffentlichte. 116 fettleibige Freiwillige hatten teilgenommen, die Hälfte fastete im Intervall, die andere aß morgens, mittags, abends. Die Gelegenheitsasketen verloren binnen zwölf Wochen im Schnitt 1,75 Prozent Gewicht, die Normalos mit 0,75 Prozent nur geringfügig weniger. Allerdings kontrollierte niemand, was sich die Hungerhaken in den Futterphasen so alles reinzogen.

Bei mir jedenfalls funktioniert Intervallfasten im kalorienbedingten Krisenfall. Die Fettzellen schrumpeln zusammen. Verschwinden werden sie leider niemals, denn was man hat, das hat man, sagt die Wissenschaft in diesem Fall übereinstimmend. So untersuchte ein Team des Karolinska Institutet in Schweden 20 Wuchtbrummen, die durch eine Magenverkleinerung 18 Prozent ihres Gewichts verloren hatten. Zwei Jahre nach dem Eingriff wiesen ihre Körper jeweils mehr als 80 Milliarden Fettzellen auf, genauso viele wie vor der OP.

Mehr als 80 Milliarden Fettzellen! Das klingt nach dem Typen auf dem Foto des Grauens. Also dann: Ich gehe mal eine Runde joggen.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de