Kuscheltiere en masse: Ein Blick in die Verkaufsmesse Teddybär Welt im Jahr 2014.
Foto: imago/Michael Schick

BerlinManchmal hat man den Eindruck, die heutige Welt besteht aus lauter Kuscheltieren. Es gibt Unzählige, in allen Formen, kitschig bis dort hinaus. „Da kriegste richtich Angst“, sagt mein innerer Berliner, „vor allem bei den Glubschi-Viechern mit den riesijen Kulleroogn, die de überall siehst. Die solln wohl Mitleid errejen. Weltweit krepeln lauter Arten ab, aber Tausende Stofftiere kannste koofen.“ Ich kenne eine Familie, von deren Sofa einen Dutzende Kuscheltiere anglotzen. Wenn man zwischen ihnen Platz nimmt, ist man verschwunden.

Zum Lachen! Wächst die Sehnsucht nach plüschiger Gemütlichkeit parallel zur sozialen Kälte in der Außenwelt? Als Kind besaß ich nur wenige Stofftiere. Dazu gehörte ein kleines Reh, das ich sehr liebte. Leider musste ich mich schon früh von ihm trennen. Und das kam so: Es war Sommer. Wir Kindergartenkinder standen alle nackig am Planschbecken und warteten darauf, reingehen zu dürfen. Ich interessierte mich für das Mädchen neben mir, das Rita hieß.

Dass wir alle untenrum anders aussahen, wusste ich schon. Aber beim Anstehen in der Gruppe hatten wir endlich mal Ruhe, uns genauer zu betrachten, was wir auch taten. He, wir waren fünf Jahre alt. Plötzlich stürzte eine Erzieherin auf mich zu und zog mich aus der Reihe. „Wat machst’n du da? Pfui!“, rief sie. „Ab auf den Stuhl hier! Heute jibs kein Baden für dich.“ Ich wusste nicht, wofür ich bestraft werden sollte, und fand es höchst ungerecht.

Heute habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu Kuscheltieren

Nach einiger Zeit kamen die Kinder aus dem Wasser und guckten mich blöd an, wie einen Verfemten. Viele hatten gar nichts mitbekommen, aber durchaus eine Meinung (das ist so bei den Kleinen wie bei den Großen): Ich musste was Schlimmes verbrochen haben!

Ein Mädchen – es hieß Regine – baute sich sogar vor mir auf und schimpfte auf mich ein, in nerviger Tanten-Art. Manche tragen ja bereits früh den Pädagogenkeim in sich. „Immer nur du!“, sagte sie. „Du bist ein richtiger Störenfried. Doofer Störenfried! Störenfried, du!“

Sie hörte nicht auf zu sticheln. Ich wurde wütend, verlor die Fassung, ging auf sie zu und biss ihr in den Oberarm. Das Fleisch knirschte, was mir seltsam vorkam. Ein Schrei riss die Erzieherinnen herbei. Ich wurde in die Ecke verfrachtet, während eine andere Tante das heulende Mädchen auf den Schoß nahm und sich den Schaden besah. Ich war mir sicher, dass nun gleich die Polizei kommen würde und ich ins Kinderheim käme. „Du bist wie ein tollwütiger Hund“, sagte die Erzieherin.

Meine Mutter fiel am Abend aus allen Wolken. Sie fragte mich, warum ich das denn getan habe. Ich konnte ihr keine Erklärung geben. Sie schlug mir vor, bei der gebissenen Regine um Verzeihung zu bitten. Ich sollte mich von dem liebsten Spielzeug trennen, das ich hatte, um es ihr zu schenken. Und das war mein kleines samtiges Stoff-Reh.

Ich sträubte mich, schluchzte und weinte. Doch nichts half. Es sollte mir ja weh tun. Also ging ich am nächsten Tag zu Regine, streckte ihr das Reh entgegen und sagte: „Da!“ Sie begriff nichts. Ich sagte: „Weil ich dich gebissen habe.“ Sie nahm das Reh und guckte es doof an. Ich sah es nie wieder. Sie wird es kaum so geliebt haben wie ich. Von nun an hatte ich ein äußerst gespaltenes Verhältnis zu Kuscheltieren. So was kommt mir nicht ins Haus!

Buchlesung. Torsten Harmsen liest aus:

Der Mond ist ein Berliner. Wunderliches aus dem Hauptstadt-Kaff (be.bra Verlag). 30. Oktober, 20.15 Uhr, Thalia Berlin, Hallen Am Borsigturm, Am Borsigturm 2, 13507 Berlin.