Bis kurz vor Sylt frage ich mich mehrfach, warum ich überhaupt losgefahren bin. Obwohl, das stimmt nicht. Ein paar Gründe gab es ja schon. Seit dem ersten Juni kann jeder für neun Euro pro Monat quer durchs Land reisen. Schon vor dem Start kauften sieben Millionen Menschen ein 9-Euro-Ticket. In Berlin allein mehr als eine halbe Million. Da denkt man an bis zum Anschlag überfüllte Bahnsteige, an wütende Zugreisende und verzweifelte Schaffner. An Verspätungen, Ausfälle, an Sätze wie: „War ja klar, dass das im Chaos endet.“

Und dann war da auf Social Media auch noch all die Aufregung um Sylt, weil man dort schon früh öffentlich sagte, für noch mehr Gäste sei die Insel nicht gerüstet. Eigentlich ging es dabei nur um den Verkehrsweg. Es gibt da nur den einen, per Zug über den Hindenburgdamm übers Wattenmeer, der regelmäßig überlastet ist. Aber wie das heutzutage so ist: Im Internet entspinnt sich eine ganz eigene Deutung. In diesem Falle entfachte sich geradezu ein Feuerwerk aus Videos, Sprüchen und Bildern. Aus Spott, Verachtung und Hass.

Die Insel der Reichen, hieß es, fürchte sich vor einem Ansturm des Pöbels. Auf Telegram und Facebook gründeten sich Gruppen, die die alte Punker-Tradition der Chaostage aufleben ließen und tatsächlich zum Sturm auf die Insel aufriefen: Um es den Yuppies auf Sylt mal so richtig zu zeigen! Tausende sagten zu.

Berliner Zeitung/Manuel Genolet
Die „Reisenden Riesen im Wind“ am Bahnhof von Westerland.

Von Berlin nach Sylt: achteinhalb Stunden

Vor meinem inneren Auge sah ich schon am Strand von Westerland den Strand nicht mehr vor lauter grölenden, nach Schweiß und Bier riechenden Jugendlichen, die zu Punkrock pogten. Ich sah Antifa-Fahnen im Wind. Und Wachsjacken tragende Insulaner, die bei Champagner und Austern im Fischrestaurant Gosch die Nase rümpften. In meiner Vorstellung schraubte sich all dies zu einer wunderbar absurden Geschichte von Verkehrschaos und Klassenhass hoch. Und die wollte ich natürlich miterleben.

Mit solch hochgeschraubten Erwartungen also stehe ich am Mittwoch, dem 1. Juni, Tag eins des 9-Euro-Sommers, um 6.30 Uhr am Berliner Hauptbahnhof und warte auf meinen Zug nach Westerland. Beziehungsweise nach Schwerin, denn mit dem 9-Euro-Ticket darf man nur den Regionalzug nutzen. Im Fall von Berlin nach Sylt heißt das, umsteigen in Schwerin, in Hamburg und in Itzehoe. Achteinhalb Stunden Fahrt.

Die Idee für das 9-Euro-Ticket entstand in einer langen Nacht

Am Gleis 14, an dem meine Reise beginnt, herrscht eher übliche Betriebsamkeit als große Überlastung. Einer der Wartenden ist Hans-Jürgen aus Berlin, Knollennase, grüner Trenchcoat über der Jeansjacke. Er will mit seinen Kumpels nach Köln, um auf dem Rhein ein bisschen rauf und runter zu schippern, wie er sagt. Das 9-Euro-Ticket hat er sich nur für die U-Bahn gekauft, weiter geht’s mit dem ICE. „Ick bin eigentlich gar kein ÖPNV-Fan“, sagt er. „Ick fahr immer Auto.“ Aber für die Leute, sagt er, als würde er nicht dazugehören, sei das günstige Ticket schon was Tolles.

Bekannt wurden die Pläne für das 9-Euro-Ticket am 24. März, auf den Tag genau einen Monat nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. Nach einer Nachtsitzung hatten am Morgen die Vorsitzenden der Regierungsparteien, Klingbeil (SPD), Lang (Grüne) und Lindner (FDP), vor Kameras verkündetet, das Ticket werde für Entlastung beim Bürger sorgen, wegen der steigenden Energiepreise. Man wolle einen Anreiz schaffen, das Auto stehen zu lassen und die Vorzüge der Bahn kennenzulernen. Das Ganze sei klimafreundlich und sozial. Schöne Worte, bei denen festzuhalten ist: Möglich wurde das erst durch den Krieg. Im Grunde kann man sagen, das 9-Euro-Ticket gibt es allein wegen Wladimir Putin.

Die ersten Journalisten fuhren schon vor dem Start nach Sylt

Sicher ist das einer der Gründe, warum das Ticket eine solch große Beachtung findet. Vielleicht liegt es auch daran, dass Verkehr seit langem ein Reizthema der Deutschen ist. Oder daran, dass Berichte über aufgeregte Punks oder ängstliche Sylter wenigstens ein wenig Unterhaltung versprechen in Anbetracht all der ernsten Themen unserer Zeit. Jedenfalls kann man bei diesem Thema auch eine ganze Menge über den journalistischen Betrieb lernen, der nicht nur darauf getrimmt ist, möglichst schnell zu berichten, sondern sich auch immer mehr nach den Strömungen der sozialen Netzwerke richtet.

Noch bevor das 9-Euro-Ticket überhaupt galt, fuhren die ersten Journalisten schon nach Sylt, für Vorberichte sozusagen. Bei vielen Texten hatte man den Eindruck, die Autoren seien überhaupt zum ersten Mal mit dem Zug gefahren. So detailliert wurde über laute und leise Koffer geschrieben, über unbequeme Sitze und die Angst, den Anschlusszug zu verpassen. Und was soll man auch anderes von einer Fahrt erzählen?

Dass es mir sehr ähnlich ergehen könnte, daran denke ich so früh am Morgen an Gleis 14 im Hauptbahnhof noch nicht.

Um 7.04 Uhr fährt erst mal die Ostdeutsche Eisenbahn nach Schwerin ein. Mein Zug. Während auf die ICEs vorher noch viele Reisende warteten, ist der Bahnsteig jetzt völlig leer. Will denn hier niemand nach Sylt?

Die schönen Seiten des 9-Euro-Tickets

Friesack (Mark), Neustadt, Breddin – eine erste Erkenntnis: Wer mit dem 9-Euro-Ticket reist, für den ist jede Tour wie eine einzige, lange S-Bahn-Fahrt. Auf dem Weg nach Sylt werden meine Züge an 52 Stationen bremsen. Ununterbrochen ertönt der Gong und eine weibliche Computerstimme sagt den nächsten Halt an. Eigentlich ist das ganz schön.

Mit jeder Station wird es vor den Fenstern grüner, weitläufiger, ländlicher. Ein Flugplatz zieht vorbei, Felder mit Mohnblumen, Reitgestüte, einsame Häuser. Stadtmenschen, die von diesen Orten sonst nur etwas mitbekommen, wenn sie in der richtigen Sekunde aus dem ICE-Fenster schauen, dürften in diesem Sommer so einiges über ihre Heimat lernen. Deutschland ist auch Bad Wilsnack, Karstädt und Grabow.

Ich komme mit Leuten ins Gespräch. Da sind zwei Abiturientinnen mit Fahrrädern und Campingausrüstung, die mich auf eine glückliche Fügung hoffen lassen: Fahrt ihr etwa nach Sylt? „Nein, nach Scharbeutz“, sagen Merle und Raywin. Sie wollen zu einem Campingplatz am Wasser. Die Idee sei ihnen gekommen, als sie vom 9-Euro-Ticket hörten.

Eigene Erinnerungen an Sylt

Da ist auch ein Mann, der sich als Herr Schulze vorstellt und dessen zerfranste Maske am rechten Ohr im Fahrttakt schaukelt. 9-Euro-Ticket? „Gibt nichts besseres“, sagt er. Er könne jetzt viel öfter seine Eltern in Neustadt besuchen. Mit dem Auto fahre er nicht gern und ein Monatsticket sei oft nicht drin. „Das ist eine echte Entlastung“, sagt er. Sylt sei ihm zwar zu weit weg. „Aber Ostsee will ick och noch mal machen.“

Holthusen. Es wird nördlicher. Der Zug ist leer, die Gedanken schweifen aus dem Fenster über die Felder. Zum ersten Mal war ich auf Sylt, da war ich gerade ein Jahr alt. Meine Familie ist oft auf die Insel gefahren. Keitum, Morsum, List, die Namen der Orte dort lösen in mir einen Strom der Erinnerungen aus. Drachen steigen lassen in den Dünen, sich gegen die schweren Wellen der Nordsee werfen, endlose Spaziergänge am Strand, den Wind im Rücken. Das Klischee, dass auf der Insel nur die Porsche-Fahrer Urlaub machen, kann ich verstehen. Es ist aber nicht das, was ich mit ihr verbinde. Mein letztes Mal auf Sylt ist etwa zehn Jahre her. Alles woran ich mich erinnere, ist ein Familienstreit.

Im Netz reden alle über Sylt

In Schwerin steige ich kurz nach zehn in den Zug nach Hamburg. Es ist voller, aber von Überlastung auch hier nichts zu bemerken. Die meisten der Reisenden sind ohne viel Gepäck unterwegs. Während auf der Bahnstrecke normaler Mittwochmorgenbetrieb herrscht, läuft das Internet so richtig warm.

„Seid ihr schon auf Sylt“, schreibt Margarete Stokowski auf Twitter und bekommt fast 4000 Likes. Fabian Köster, ein Comedian des ZDF, postet eine Collage mit vier verschiedenen Bildern von Robert Habeck, unter denen steht: „Vorfreude, Bereuen, Verzweiflung, Ekstase“. Dazu schreibt er: „Mit dem 9-€-Ticket nach Sylt – diese 4 Phasen durchlebt jeder.“ Über 11.000 Likes. Es gibt Live-Cams von Westerland auf YouTube. Eine Zeitung berichtet per Live-Ticker über die Fahrt von Köln nach Sylt.

Beim Umsteigen in Hamburg eine erste Bilanz. Fünf Stunden bin ich nun unterwegs. Dreieinhalb liegen noch vor mir. Ich habe viel Land gesehen und nette Menschen kennengelernt. Gut möglich, dass in den S- und U-Bahnen in den Städten mehr los sein wird. Aber dass von nun an halb Deutschland wegen des 9-Euro-Tickets nur noch mit der Regionalbahn durchs Land reist?

Was vom Ansturm übrig bleibt

Auf der vorletzten Fahrt nach Itzehoe wird nicht nur die Landschaft vor dem Fenster immer karger, sondern sogar der Zug immer leerer. Wo ist der Sturm auf die Insel Sylt? Wo die Überlastung der Bahn? Wo bleiben Verkehrschaos und wo der Klassenhass? Neben mir fachsimpeln zwei Männer über Leder-Slipper.

Und dann sitze ich endlich im Zug nach Sylt. Am Fenster rauscht das Wattenmeer vorbei, in der Ferne sind die Umrisse des Leuchtturms von List zu erahnen. Und hier, um kurz nach drei am Nachmittag, treffe ich dann doch noch auf das, was der gewaltige Strom an digitalen Emotionen auf die Insel spült: zwei pausbackige Jungs aus Thüringen namens Alessandro und Paul.

Um 4.30 Uhr in der Früh haben sich die beiden im Vogtland auf den Weg gemacht. Schon seit Wochen verfolgen sie die Witze und Sprüche über Sylt auf Social Media. Klar, dass sie hinwollten. Bald elf Stunden sind sie jetzt unterwegs und haben ordentlich Dosenbier intus. „Wir wollen die Insel zerstören“, sagt Alessandro. „Ein bisschen zumindest, Party machen, saufen und einfach mal gucken.“ Schräg gegenüber sitzt eine Frau in Windjacke und zieht die Augenbraue hoch.

Punks am Strand von Westerland

Was genau geplant ist auf der Insel, wissen auch Paul und Alessandro nicht. „Ein paar werden sicher noch kommen“, sagt Paul. Viele würden es aber vermutlich nicht sein. Ähnliches erzählen im hinteren Teil des Zuges zwei Punks. Sie trägt ihre Haare lila, er hat nur Büschel in verschiedenen Farben auf dem Kopf, die er später zur Igelfrisur hochgelen wird. „Wir finden es richtig scheiße, dass Sylt nur für die Reichen da ist“, sagt sie. Und er: „Eigentlich sollten mehr kommen, tut mir leid für deine Story, Mann.“ Mitleid vom Punk. Immerhin.

Berliner Zeitung/Manuel Genolet
Viele Berliner fahren nach Sylt. Auch unser Autor war als kleiner Junge oft mit seiner Familie dort.

Und so endet meine Reise auf der Spur des 9-Euro-Tickets bei herrlichem Wetter in Westerland. Ein paar Hartgesottene hat es tatsächlich auf die Insel verschlagen. Aus einer Musikbox pumpt Asi-Techno, kleine Schnapsfläschchen zerbrechen auf der Straße. Die Bild-Zeitung ist mit einem Kamerateam vor Ort. Während im Internet Hunderttausende über Sylt und das 9-Euro-Ticket lachen und streiten, sind hier nicht mal hundert Menschen.

Am Abend passt irgendwie alles zusammen. Die Wachsjacken, die Campari schlürfenden Menschen in den Bars, die paar Sauf-Touristen mit ihren Bluetooth-Boxen und auch die Gruppe von etwa 30 Punks am Strand. Die Männer und Frauen mit Tattoos und schwarzen Kleidern trinken Wein aus der Flasche, hören Musik und quatschen. Es wirkt eher wie ein Familientreffen als wie ein Ansturm auf die Insel der Reichen. So privat sitzen sie zusammen, dass man sie nicht weiter stören möchte.

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