„Wie ein guter Wein“: Wie Kiffer und Dealer zu den Legalisierungsplänen stehen

Warum ein 17-jähriger Dealer aus Berlin auf eine Legalisierung von Cannabis hofft und drei Kiffer ganz unterschiedlich darüber denken. Wo wollen sie in Zukunft kaufen?

David sieht seine Tätigkeit als Qualifizierung für den legalen Verkauf. „Mein Traum ist es, einen eigenen Coffeeshop zu haben“, sagt er.
David sieht seine Tätigkeit als Qualifizierung für den legalen Verkauf. „Mein Traum ist es, einen eigenen Coffeeshop zu haben“, sagt er.Uroš Pajović für Berliner Zeitung Wochenende

Der Dealer will natürlich anonym bleiben. Selbst die Audio-Datei vom Interview soll später gelöscht werden. Nennen wir ihn David, er ist 17 Jahre alt und trägt seine Haare im Pilzschnitt. Er hängt seine Jacke an die Garderobe und sieht aus, als freue er sich auf das Interview. Obwohl er sein Geld damit verdiene, hoffe er auf eine schnelle Legalisierung. Das Gras sei dann seltener gestreckt oder behandelt. Die Kunden wären zufriedener und letztlich weniger Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Auf keinen Fall wolle er härtere Drogen verkaufen.

David geht noch zur Schule. „Ich war 15, als ich anfing Cannabis zu verkaufen“, sagt er. „Mein Vater hat mir beigebracht, wie man anbaut.“ Schon bald kaufte er Ware hinzu. Angewiesen war er auf das Geld nicht. „Der Anbau hat einfach Spaß gemacht“, sagt er. Damals hat er die Päckchen noch geliefert, inzwischen kommen die Leute zu ihm, erzählt er.

Kiffen soll legal werden, das war eines der Versprechen der Ampel-Koalition. Zunächst musste sich die Regierung aber auf Krisen konzentrieren: Entscheidungen zur Pandemie und dem Ukraine-Krieg gingen vor. Eine Frage treibt Befürworter, wie Gegner um: Wie würden sich Menschen, die jeden Tag mit Cannabis zu tun haben, im Falle einer Legalisierung verhalten? Viele Fragen zu den Bedingungen sind noch offen. Und die Selbsteinschätzungen so verschieden, wie die Charaktere.

David zündet sich eine Zigarette an. „Ich habe früher nicht gekifft“, sagt er. „Sonst hätte ich ja alles weggeraucht.“ Inzwischen rauche er manchmal einen Joint. Er klingt begeistert als er von seinem Urlaub in Amsterdam erzählt, in einem Café kiffen, das sei ein ganz anderes Gefühl. So etwas wünscht er sich auch hier in Berlin – die passenden Hipster-Cafés gäbe es ja schon an jeder Ecke.

Frühere Straftat bald Jobqualifikation?

David sieht seine Tätigkeit als Qualifizierung für den legalen Verkauf. „Mein Traum ist es, einen eigenen Coffeeshop zu haben“, sagt er. Vielmehr rechne er aber damit, weiterhin Ware mit einem höheren THC-Gehalt anzubieten, als ihn der Staat zulässt, und so Kunden zu halten. Auch parallel zum eigenen Coffeeshop würde David in Zukunft Cannabis anbauen und schwarz verkaufen, behauptet er. Aufklären müsse man vor allem junge Käufer, die zum ersten Mal kiffen. Ihnen würde er dann die schwächeren Sorten anbieten. „Es ist eine Sucht“, sagt er. „Das sehe ich ja bei meinen Freunden. Die haben jetzt auch angefangen zu dealen, um das zu finanzieren.“

Ob ein eigener Coffeeshop realistisch ist, hängt davon ab, anhand welcher Kriterien Lizenzen vergeben werden. Die Legalisierung in Deutschland kommt indessen nur stockend voran und könnte am EU-Recht scheitern. Demnach ist bisher nur eine Entkriminalisierung zulässig, aber nicht die Legalisierung des Verkaufs großer Mengen. In den Niederlanden hat die illegale Lieferung durch die Hintertür dafür gesorgt, dass der Schwarzmarkt aufblühte. Das will die Bundesregierung verhindern.

Doch der EU-Kommission liegt noch keine förmliche Anfrage für eine Befassung vor und damit auch kein Plan, den die Behörde rechtlich und politisch bewerten könnte. Karl Lauterbach hat im Oktober lediglich Eckpunkte dazu vorgelegt, wie die Legalisierung aussehen soll: lizenzierte Produktion und Vertrieb, privater Anbau in begrenztem Umfang, Kauf ab 18 Jahren, gegebenenfalls mit gesenktem THC-Gehalt bis 21 Jahre, legaler Besitz von zwanzig bis dreißig Gramm.

Marlon würde sein Gras „definitiv“ bei den legalen Abgabestellen kaufen, auch wenn es etwas teurer wäre. Marlon heißt nicht wirklich so. „Das ist eine Qualitätsfrage“, so der 29-Jährige bestimmt. Er glaubt auch, dass alle anderen das tun, „da weiß man, was drin ist“, sagt er. Eigene Pflanzen anbauen, das sei ihm zu aufwendig. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Marlon seinen Konsum „mittlerweile“ auf ein Gramm im Monat reduziert hat, wie er sagt.

Dealer brauchen Zugang zum Arbeitsmarkt

Die Politik sollte seiner Meinung nach Menschen, die Cannabis verkaufen, die Chance bieten, ins legale Geschäft einzusteigen. Er denkt dabei besonders an diejenigen, die ihre Ware im Park oder auf der Straße anbieten. So verhindere die Regierung, dass sie auf härtere Drogen umsteigen, um ihre Existenz zu sichern. „Mit Aufenthaltsgenehmigung und Zugang zum Arbeitsmarkt“, sagt er.

Leon sitzt vor einem Café in der Nähe des Kottbusser Tors. Auch Leon heißt nicht wirklich Leon. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht und er steckt sich den Joint noch einmal an, der beim Reden ausgegangen ist. Wir sprechen im Herbst, als die Eckpunkte veröffentlicht wurden. Hier in Berlin gehen die Menschen schon jetzt sehr offen mit ihrem Konsum um, Strafverfahren werden in der Regel bei bis zu zehn Gramm Cannabis eingestellt. Auf die Frage, ob er nach der Legalisierung im Laden kauft, antwortet Leon zögerlicher als Marlon.

„Mal so, mal so, denke ich“, sagt er. „Das hängt von vielen Faktoren ab: Preis, Zugänglichkeit und Qualität beim Dealer.“ Cannabis aus dem Laden vergleicht er mit einem guten Wein, den man sich gönnt, statt in die unteren Regale im Supermarkt zu greifen. Leon rauchte zum Zeitpunkt des Gesprächs mehr als fünf Joints täglich, inzwischen hat er seinen Konsum auf ein bis zwei Joints am Tag reduziert.

Ein weiteres Gespräch findet in einer größeren Runde von Freunden statt. Michael, der wirklich so heißt, reagiert für einen Konsumenten recht unerwartet: „Die Legalisierung hat keinen Einfluss auf mein Leben“, behauptet er. Seine Freunde, die neben ihm auf der Couch sitzen, zählen ein paar Beispiele auf, welche Vorteile die Freigabe hätte: keine Strafdelikte wegen kleiner Mengen und staatliche Einnahmen, die zur Aufklärung und in der Suchthilfe eingesetzt werden könnten.

In Handschellen abgeführt

Michael lacht und erzählt, dass Polizisten ihn beim Kauf von einem Gramm an der Warschauer Straße schon einmal in Handschellen abgeführt hätten. „Es kann sein, dass die Legalisierung unter dem Strich gut wäre“, sagt er. „Ich höre in meinem Umfeld aber immer nur Vorteile.“ Deshalb argumentiert er an diesem Abend gegen die Legalisierung.

Für ihn würde es keinen Unterschied machen, ob er Cannabis auf dem Schwarzmarkt oder in der Apotheke kaufe, meint er. Die bessere Zugänglichkeit nach einer Legalisierung sehe er kritisch. In Berlin gebe es zwar Taxis, die liefern, aber es handle sich schließlich um eine deutschlandweite Änderung. Und die Hürden würden sinken. „In Berlin habe ich mein Gras dann manchmal im Plänterwald verbuddelt“, sagt er. „So war es weniger verfügbar.“

Auch als ein Freund von Studien zu den Niederlanden erzählt, die zeigen würden, dass sich der Konsum bei Einheimischen zunächst erhöhte und dann auf ein vergleichbares Niveau sank, zweifelt Michael. „Ich habe meinen Konsum deutlich reduziert, aber kämpfe immer noch mit der Sucht“, sagt er. „Ich glaube, dass mehr Menschen süchtig würden, wenn Gras überall erhältlich wäre.“