BerlinErich Karl ist im September 107 Jahre alt geworden. Vom Balkon seiner Wohnung in der siebenten Etage eines Köpenicker Seniorenheims blickt er hinab auf bunte Container. Im Dunkeln kann er die Lichter in den aufeinandergestapelten Blechkisten sehen, die Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan beherbergen. Wenn die Kinder von „Allende 2“ spielen, dringen ihre Stimmen bis zu ihm hinauf. Wie sie da unten, ist auch Erich Karl ein Überlebender. Einer, der das überstand, was derzeit 426 Millionen Kinder in den Konfliktgebieten der Welt erleben: Krisen und Krieg. 

Erich Karl ist ein kleiner Junge, als der Erste Weltkrieg sich ausgetobt hat. Und er ist einer der Ersten, der damals Hilfe von einer Organisation erfährt, die sich bis heute den Schutz von Kindern in den Auseinandersetzungen der Erwachsenen auf die Fahnen geschrieben hat.

Der verheerende Erste Weltkrieg war durch einen Waffenstillstand zum Ende gekommen, doch die Wirtschaftsblockade der Alliierten dauerte auch im Jahr 1919 an. Die britische Sozialreformerin Eglantyne Jebb erfuhr damals vom Elend der Kinder in Deutschland und Österreich. Aufgerüttelt durch ein Foto eines verhungernden Babys verteilte die Aktivistin auf dem Londoner Trafalgar Square Flugblätter an Passanten: „Unsere Blockade ist für den Hungertod von Millionen Kindern verantwortlich.“ Ein Jahr später, 1920, gründet Eglantyne Jebb in Genf die Save the Children International Union.

Foto: Save the Children/Dominic Nahr
Das Mädchen Rajiya, fotografiert 2019, im Alter von 15 Tagen, in einem Riesenlager von Rohingya-Flüchtlingen aus Myanmar in Bangladesch.

Hundert Jahre später erscheint nun zum Jubiläum dieser Organisation ein Buch mit dem Titel „Ich lebe“. Es präsentiert elf Kinder aus den Kriegen des letzten Jahrhunderts. Von Erich Karl bis zum Baby Rajiya, fotografiert 2019 im Alter von 15 Tagen in einem Riesenlager von Rohingya-Flüchtlingen aus Myanmar in Bangladesch. 

Kakaosuppe im Blechnapf 

Erich Karl erinnert sich genau an die Hilfe in Form eines Blechnapfs, den er als Steppke von zu Hause immer mit in die Schule in Weimar nahm. „Der wurde an den Schulranzen geheftet“, erzählt er, „gleich neben dem Schwamm.“ Der große Moment kam dann in der Pause. Frauen mit Schürzen kippten eine Schöpfkelle voll heißer Kakaosuppe hinein, mit Reis, Zucker, Kondensmilch und Schmalz. „Die Suppe war zum Trinken gedacht“, erinnert sich Erich Karl, „nicht zum Löffeln“. Es sei gut gewesen, dass es in der schweren Zeit damals etwas extra gab. 

Dass er mit zehn anderen Überlebenden nun in einem so ein Bildband erscheint, der den Bogen über ein ganzes Jahrhundert spannt, macht ihn ein bisschen still und ehrfürchtig. „Menschen aus aller Welt, und ich bin einer von ihnen“, staunt er bescheiden, als er das Buch durchblättert. In seinem Leben hatte er es oft nicht leicht. Gelassen bleiben, mit wenig zufrieden sein, diese Haltung zieht sich durch sein langes Leben. „Ich finde, die Menschen in Deutschland könnten ruhiger und zufriedener leben“, sagt er noch. „Das könnten sie wirklich.“

Niemand verlässt seine Heimat ohne einen guten Grund

Mit der Hoffnung auf einen Neuanfang, ein ruhigeres Leben, kommen Menschen aus den Krisenregionen der Welt auch nach Berlin, nach Köpenick.  Als die Flüchtlingsunterkunft vor Erich Karls Fester gebaut wird, nimmt er Ängste bei seinen Nachbarn wahr. „Lass sie doch erst mal kommen“, sagt er dann. „Niemand verlässt seine Heimat schließlich ohne einen guten Grund.“

Foto: Save the Children/Dominic Nahr
Amal möchte einmal Lehrerin werden.

Das Leben im Zelt macht so müde. Seit Jahren lebt Amals Familie in einem informellen Camp in der libanesischen Beeka-Ebene. „Wir alle würden gern zurück nach Syrien gehen, aber der Krieg dort und die wirtschaftliche Lage machen eine Rückkehr in den nächsten zehn Jahren unwahrscheinlich“, sagt Amals Vater. Sie würden überall hingehen, wo man ihnen eine Zukunft gebe, wo es Schulbildung für die Kinder gibt. Seit kurzem hält sich Gibran Aragi, der als Lehrer im Camp gearbeitet hat, mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Die wirtschaftliche Lage im Libanon ist desaströs. Die Vorschule, die Save the Children betrieb, gibt es wegen Geldmangels nicht mehr.

Besonders sorgt sich Gibran Aragi um seine Tochter Amal. Das stille Mädchen weine sehr häufig, berichtet der Vater, weil es die Großmutter vermisse; sie konnte die Flucht aus der syrischen Heimat Homs in den Libanon nicht mitmachen. Keiner wisse, was inzwischen aus ihr geworden ist.

Foto:  Save the  Children/Dominic Nahr
Eine der informellen Zeltstädte in der Bekaa-Ebene im Libanon. Hier lebt Amal seit fünf Jahren.

Was fühlt er, der Vater, der nur das Beste für seine Kinder will, wenn er die Tochter auf dem Titel eines Bildbandes sieht? „Es ist ein trauriger Moment, ein Moment, der unser Vertriebensein festhält. Aber wir schämen uns nicht, das ist das Leben, das wir bis hierher gelebt haben. Das ist es, was in allen Kriegen passiert“, sagt Gibran Aragi.

„Ich mag die Bilder“, sagt Amal. Und: „Vielleicht können die Leute, die mein Bild auf das Buch gebracht haben, uns auch nach Deutschland bringen?“ Die heute Dreizehnjährige möchte Lehrerin werden und an einer Universität studieren.

Foto: Save the Children/Dominic Nahr 
„Ich habe ja nicht nur ein schönes Leben gehabt. Da waren auch elende Stücke dabei. Es kann schon sein, dass man dann nicht so hohe Ansprüche hat.“

Amals Alltag aber ist bis jetzt die ermüdende Arbeit in einer Gurkenfabrik. Momente der Freude? „Wenn ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern zusammen bin, Freunde treffen kann. Manchmal einmal in der Woche, manchmal nur einmal im Monat.“ Zeit verrinnt im Warteraum eines Krieges, der Kinder zu Stillstand verurteilt.

„Ich möchte raus aus diesem Camp, raus aus diesem Leben hier. Wenn es regnet, ist der Matsch überall, Wasser dringt durch das Zelt“, sagt Amal. „Manchmal ist es so windig, dass die Plastikplanen fortgeblasen werden.“ Ein flüchtiges Zuhause.

„Versuche, deine Trübsal hinter dir zu lassen. Schau nach vorne, dann kann etwas Gutes geschehen“, das würde Erich Karl Amal und ihrer Familie gern sagen. Er weiß: Hoffen und Warten in einem Raum ohne Perspektive, die über den Moment hinaus weist, erfordern viel Kraft. 

Foto: Save the Chiildren/Dominic Nahr
Kontaktabzüge mit Bildern aus Weimar, wo der 106-jährige Erich Karl seine Kindheit im Ersten Weltkrieg verbrachte. Der international preisgekrönte Fotograf Dominic Nahr reiste in die Krisengebiete der Welt, um Überlebende der Kriege zu porträtieren.

Und doch kann Hilfe von außen einen Unterschied ausmachen: Die Geschichten der weiteren Protagonisten im Buch erinnern an die Genozide in Kambodscha und Ruanda, die Kriege in Korea und Afghanistan, den spanischen Bürgerkrieg, den Biafrakrieg in Nigeria und den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt in Kolumbien. „Die Geschichten in diesem Buch sind voller traumatischer Erlebnisse, aber auch voller bewegender Neuanfänge. Und in der Summe zeigen sie, wie Kinder gestärkt aus Konflikten hervorgehen können“, sagt Susanna Krüger, Geschäftsführerin von Save the Children in Deutschland. Gleichzeitig mit dem Buch hat die Organisation ihren neuen Report „Krieg gegen Kinder“ veröffentlicht.

Die Zahl der Kinder, die in Konfliktgebieten leben, stieg demnach von 415 Millionen im Jahr 2018 auf 426 Millionen an. Das ist jedes fünfte Kind auf der Welt. „Dieses Wochenende treffen sich die Reichsten und Mächtigsten der Welt zum G-20-Gipfel in Saudi-Arabien – während im benachbarten Jemen Millionen von Kindern nicht wissen, woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen sollen und ob sie den nächsten Luftangriff oder Artilleriebeschuss überleben werden.“, sagt Susanna Krüger. „Die Regierenden können ihren Einfluss und ihre Stimme nutzen, um diesen Krieg gegen Kinder zu stoppen.“

„Ich lebe. Wie Kinder Kriege überstehen – Ein Jahrhundertporträt“ erscheint Ende November 2020 im Kerber-Verlag. Die Fotos von Dominic Nahr werden begleitet von Texten von Anne-Sophie Mutter, Margrethe Vestager, Ban Ki-moon und anderen.