Wie klauen, nur legal: Supermarkt 4.0 in Berlin eröffnet

Rewe testet in der Schönhauser Allee einen Lebensmittelladen, der komplett ohne Personal auskommen könnte. Ein Labor ohne Warteschlangen an der Kasse.

Einchecken und einkaufen in der Rewe-Filiale an der Schönhauser Allee, Ecke Milastraße
Einchecken und einkaufen in der Rewe-Filiale an der Schönhauser Allee, Ecke MilastraßeVolkmar Otto

Der Supermarkt an der Schönhauser Allee, Ecke Milastraße in Prenzlauer Berg ist auf den ersten Blick einer wie viele. Im Eingangsbereich stapeln sich rote Einkaufskörbe. Es gibt Kassen samt freundlichem Personal, Auslagen mit Obst und Gemüse und Regale ohne Ende. Dennoch ist dieser Markt ganz anders. „Dieser hat Hightech bis unter die Decke“, sagt der Rewe-Mann Jonas Schächter. Und er meint es wörtlich.

Tatsächlich kann man in diesem Rewe-Markt einkaufen wie in jedem anderen Selbstbedienungsladen. Man muss aber nicht. Wer sich am Eingang mit einer zuvor heruntergeladenen App registriert, kann auch eine völlig neue Art des Einkaufs erleben. Dafür nimmt man die Waren aus dem Regal und steckt sie direkt in die eigene Tasche. Im Obst- und Gemüse-Bereich muss manches zuvor abgewogen werden, man kann es aber dann direkt verstauen. Am Ende des Rundgangs kann man sich noch freundlich verabschieden und geht mit vollen Taschen an den Kassen vorbei direkt nach draußen. Dort bekommt man zum Abschluss die Rechnung auf das Handy. Einkauf erledigt. Wie klauen, nur legal. Supermarkt 4.0.

Jonas Schächter räumt ein, dass es anfangs ein komisches Gefühl sei, die Sachen einfach einzustecken. „Aber man gewöhnt sich schnell dran“, sagt er. Der Wirtschaftsinformatiker gehört zum Team Research & Innovation von Rewe, das den Supermarkt an der Schönhauser Allee technologisch aufgerüstet hat. Das ist zum Teil auf den zweiten Blick zu erkennen. An den Decken des 380 Quadratmeter großen Markts sind insgesamt 400 Kameras installiert. Darüber hinaus sind die Regale und Auslagen mit mehr als 1000 Gewichtssensoren bestückt.

Steht ein registrierter Kunde vor einem Regal und nimmt er etwas heraus, dann erkennen das die Kameras. Die Gewichtssensoren liefern zudem die Information über die entnommene Menge. Die Kameras registrieren aber auch, ob die Ware tatsächlich eingesteckt wurde, oder es sich der Kunde noch einmal überlegt hat und die Ware wieder zurücklegt. Selbst wenn die Banane auf diese Art in das Knäckebrotregal gelangen sollte, erkennen das Sensoren und Software. Eine etwa zwei Kubikmeter große Servereinheit in einem Nebenraum des Markts verarbeitet die Daten. Wird mehr Rechenkapazität benötigt, kann in die Rewe-Cloud ausgewichen werden.

Projektleiter Jonas Schächter
Projektleiter Jonas SchächterVolkmar Otto

Sollte doch einmal etwas auf der Rechnung stehen, was gar nicht den Laden verließ, könne dies laut Rewe innerhalb von 24 Stunden „ebenso einfach per App“ reklamiert werden. Zudem versichert das Unternehmen, dass Datenschutz ein zentraler Aspekt beim Betrieb des Systems sei.  Die erfassten Bildaufnahmen würden datensparsam verarbeitet und dienten ausschließlich dazu, den kassenlosen Einkauf zu ermöglichen. Das System erfasse ausschließlich Daten, um zu erkennen, welche Produkte entnommen beziehungsweise zurückgelegt werden. Es finde weder eine Gesichtserkennung statt, noch könne das System Kundinnen und Kunden nach einem Besuch im Markt wiedererkennen.

Bei Rewe hat man vor vier Jahren begonnen, den kassenlosen Supermarkt zu entwickeln. Bald folgte dann die Zusammenarbeit mit dem israelischen Start-up Trigo Vision. Dort wurde auch das 3D-Modell des Supermarkts in Prenzlauer Berg erstellt, in dem die Bewegungen der Kunden digital abgebildet werden.

Der Berliner Markt ist quasi das erste Großprojekt dieser Zusammenarbeit. Zwar hatte Rewe bereits vor einem Jahr in Köln eine Filiale ohne Kassen eröffnet, doch war diese deutlich kleiner. 2000 Produkte gehören dort zum Sortiment. In Berlin stehen bereits knapp 10.000 zur Auswahl.

Filialleiter Philipp Schultz: Die 23 Mitarbeiter bleiben.
Filialleiter Philipp Schultz: Die 23 Mitarbeiter bleiben.Volkmar Otto

Wie viel der Umbau und technologische Aufrüstung der Filiale an der Schönhauser Allee gekostet hat, will man bei Rewe nicht verraten. „Es ist ein Labor“, sagt Projektleiter Jonas Schächter. Nichts, bei dem man Aufwand und Ergebnis gegenüberstelle. Es gehe darum zu erfahren, was möglich ist und von den Kunden angenommen wird.

Hoffnungen und Erwartungen werden allerdings auch nicht beziffert. Tatsächlich hatte der Supermarkt, der wöchentlich von etwa 10.000 Kunden besucht wird, bereits vor dem Umbau 23 Mitarbeiter. So viele sind es heute noch. „Und das wird auch in Zukunft sein“, sagt Filialleiter Philipp Schultz. Immerhin ist dann doch zu erfahren, dass in der Kölner Test-Filiale die Mehrzahl der Kunden noch immer auf herkömmliche Art und Weise einkauft.

Aber das muss nicht so bleiben. Denn wenngleich der deutsche Durchschnittsverbraucher seinen Lebensmittelbedarf nach wie vorzugsweise im Geschäft deckt, sind ihm die Annehmlichkeiten des Online-Handels nicht fremd. Und so wünscht sich dieser vor allem im Kassenbereich deutliche Verbesserungen. Einer Studie des Einzelhandelsforschungsinstitut EHI zufolge erwartet jeder zweite Konsument, dass der Supermarkt der Zukunft keine Kasse mehr hat, an der man anstehen muss. Noch mehr wollen, dass das Bezahlen automatisch erfolgt. Das Labor ist eröffnet.