BerlinKaffee aus unseren Kolonien! Beste Usambara-Ware. Straußenfedern aus Deutsch-Südwest! Zigarren der Spezialmarke Herero. Guter deutscher Kakao (im Angebot 1,10 Mark das Pfund). Tee aus Indien oder Ceylon in hübschen, mit Elefanten verzierten Dosen. Palmin (feinste Pflanzenbutter). Seit Deutschland in Afrika, in der Südsee und in China Kolonien sein Eigen nannte, bot der heimische Einzelhandel dem hochverehrten Publikum, was noch kurz zuvor den Wohlhabenden vorbehalten war. Um 1900 hieß es: Kauft deutsche Bananen! Und der Kilimandscharo in Ostafrika war der höchste deutsche Berg – mit 5895 Metern doppelt so hoch wie die Zugspitze mit ihren 2962 Metern. Er hieß ab 1902 Kaiser-Wilhelm-Spitze oder Wilhelmskuppe.

Deutschland hatte sich in alle Richtungen gedehnt. Und wer hatte es bewirkt? Nein, kein missionsfreudiger Klerus, auch kein imperialistisches Militär, sondern biedere Händler. Seit 1840 hatten Privatleute nach Kolonien gerufen, Privatleute gründeten 1839 die Hamburger Kolonialgesellschaft, um die Chathaminseln östlich von Neuseeland zu erwerben. Der Versuch schlug fehl.

Zahlreiche Anläufe, eine deutsche Kriegsmarine zu schaffen, scheiterten. So fehlte es an Schiffen, um ähnlich wie die Briten in Übersee imperial zu agieren. Der erste ernsthafte Versuch startete 1859: Ein kleines preußisches Geschwader lief aus, um Handelsverträge in Asien abzuschließen und nebenher Formosa (heute Taiwan) zu erobern. Auch das geriet zum Fehlschlag.

Foto:  Wikimedia
Das Deutsche Kolonialhaus in der Lützowstraße 89–90 war das größte Kolonialwarengeschäft Deutschlands und ein echtes Erlebnishaus für auf Ausgefallenes erpichte Berliner.

Doch der öffentliche Druck stieg: Händler, Geografen, Auswanderungswillige gründeten Vereine, die koloniale Ziele propagierten. 1887 schlossen sie sich zur Deutschen Kolonialgesellschaft zusammen. Sie sahen Rohstoffquellen, Absatzmärkte und die Lösung der sozialen Frage: Arbeiter bekämen mit der Auswanderung als Kolonisten eine reizvolle, nationale Aufgabe; damit wäre man die aufrührerischen Massen und folglich die Basis der Sozialdemokratie los.

Otto von Bismarck, seit der Reichsgründung 1871 Kanzler, hatte drei Jahre zuvor die Meinung vertreten, vermeintliche Vorteile von Kolonien für den Handel und die Industrie des Mutterlandes beruhten zum größten Teil auf Illusionen: „Die Kosten, welche die Gründung, Unterstützung und namentlich die Behauptung der Kolonien veranlaßt, übersteigen sehr oft den Nutzen.“ Stur blieb er dabei, bis er 1878 aus innenpolitischen Erwägungen umsteuerte: Kolonien sah er nunmehr als Flankierung seiner Schutzzollpolitik, die das Reich gegen ausländische Wirtschaftskonkurrenten absichern sollte.

Im Hintergrund arbeiteten der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz, der Hamburger Großkaufmann und Reeder Adolph Woermann, der Berliner Bankier Adolph von Hansemann an der Etablierung eines wahrhaftigen Kolonialreiches. 1884 begannen die eigentlichen deutschen „Kolonialerwerbungen“. Bismarck bevorzugte den Begriff „Schutzgebiete“, weil es nur darum gehe, den deutschen Handel zu schützen.

So kamen dem deutschen Volke daheim immer mehr exotische Herrlichkeiten vor Augen. Überall machten Kolonialwarenläden auf, alteingesessene Geschäfte nahmen die neuen Waren ins Sortiment und benannten sich um. Kolonialwaren – das klang gut. Die meisten blieben Gemischtwarenhandlungen in diversen Preissegmenten. Während die einen, meist in guten Lagen der Städte platziert, neben Tee und Schokolade Wein und Delikatessen anboten, gab es in den Arbeiterquartieren neben den exotischen Waren Kartoffeln, Rüben, Salzrotkohl und Kohlen – ein „bürgernaher Ausdruck des Kolonialsystems“, wie man in Texten heutiger Aktivisten in Sachen Entkolonialisierung ganz zutreffend lesen kann.

In Berlin gab es unzählige solcher Läden. Von den kleinen bleibt eine Gruppe bis heute allgegenwärtig: die Einkaufgenossenschaft der Kolonialwarenhändler vom Halleschen Torbezirk zu Berlin, abgekürzt E.d.K., gesprochen Edeka. Der Berliner Kaufmann Fritz Borrmann hatte im Jahr 1898 mit 20 weiteren Kaufleuten die Genossenschaft gegründet. Das geschah aus einer Notlage heraus, weil Warenhäuser wie Hertie und Karstadt sowie Filialisten wie Tengelmann die kleinen Läden zunehmend bedrängten. Die neu eingeführten Markthallen bewirkten ein Übriges. Da musste man sich zusammenschließen und tat das nach dem Modell der seit 1850 aktiven, von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch angeführten Genossenschaftsbewegung. Mit dem Zusammenschluss von 13 ähnlichen Einkaufsgenossenschaften entstand 1907 der heutige Edeka-Verband – eine erfolgreiche Gemeinschaft selbständiger Kolonialwarenhändler.

Hinter dem „K“ in Edeka steht also eine ausgestorbene Art: der Kolonialwarenladen, der eigentlich ein Tante-Emma-Laden war. Das letzte deutsche Geschäft, das die ehrliche Bezeichnung der Warenherkunft noch im Namen führte, war eine Bremer Institution, genannt Holtorf Feinkost & Kolonialwaren, 1874 als Kolonialwaren Wilh. Holtorf gegründet. Seit 2017 heißt es Holtorfs Heimathaven.

Heute gibt es Kolonialwaren in nie gekannter Menge und Vielfalt überall, aber sie heißen nicht mehr so, obwohl sie ihre Natur als unter kolonialen Verhältnissen hergestellte und vermarktete Produkte nicht verloren haben. Die Tilgung des Namens vertuscht die Verhältnisse und suggeriert, es gebe keine Kolonialwaren mehr. Ein Beispiel dafür, wie Sprachsäuberung zu Bewusstseinstrübung führt. Korrekt heißt es heute ganz unschuldig „außereuropäische Güter“. Und der alte Kolonialwarenladen blüht in Form ökologisch und sozial gerecht auftretender Dritte-Welt-Läden oder Fair-Trade-Geschäften. Dort gibt es: Tee, Kaffee, Kakao, Schokolade, Kunstgewerbe und mehr.

Der andere verschwundener Begriff aus der Gründungsbezeichnung Edeka ist „Hallescher Torbezirk“. So lautete der frühere Name von Kreuzberg. Die Edeka-Ahnen führten ihre Geschäfte also in einem dicht besiedelten Arbeiterviertel im östlichen Mietskasernengürtel. Mittendrin war 1894 am Moritzplatz das Warenhaus Wertheim entstanden und zog Käuferinnen an, die gern im schicken Ambiente bummelten. Ähnlich wirkte die 1891 eröffnete Markthalle IX, die ebenfalls Kolonialwaren des täglichen Bedarfs anbot.

Aber wer so richtig im Exotischen schwelgen, wer Besonderes erwerben und (ohne damals unmöglichen Billigflug in den Süden) „echte“ Exoten anschauen wollte, der ging ins Deutsche Kolonialhaus in der Lützowstraße. Dort fand sich unter orientalischer Kuppel und hinter der mit Statuen von Elefanten, Löwen und afrikanischen Kriegern geschmückten Fassade der prominenteste, prächtigste Ort Berlins für Kolonialwaren. Lange bevor Decolonize-Aktivisten Führungen zu den kolonial belasteten Orten Berlins vorbereiteten, erschien in dem Buch „Kolonialmetropole Berlin – eine Spurensuche“ (Ulrich von der Heyden und Joachim Zeller 2002) ein hochinformativer Text über das Deutsche Kolonialhaus und seine Sonderbarkeiten.

Gebaut hatte das skurrile Gebäude 1903 Deutschlands führender Kolonialwarenhändler Bruno Antelmann, spezialisiert auf Produkte „aus deutschem Anbau“: also Usambara-Kaffee, Samoa-Kakao, Kamerun-Schokolade und Neu-Guinea-Zigarren. Neben Schnitzereien, Gehörne, Felle, Bastmatten und ausgestopften Tieren gab es alles „unter zuverlässiger Kontrolle ihrer Echtheit“. Dazu literarische Ergüsse von Forschungs- und Handelsreisenden.

Als Höhepunkt aber müssen den Besuchern des Hauses einige von den Mitarbeitern erschienen sein: auch diese „kontrolliert echt“. Um das Flair der Verkaufsräume zu betonen, arbeiteten dort Menschen aus den Kolonialgebieten, die wie folgt vorgestellt wurden: „Es sind die Söhne angesehener, eingeborener Familien, die zumeist durch die Herrn Gouverneure der einzelnen Schutzgebiete an den Chef des Deutschen Kolonialhauses Antelmann zur Erziehung und beruflichen Ausbildung empfohlen wurden.“ Im Weihnachtsgeschäft sang ein schwarzer Knabenchor „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Am Piano Kwassi Bruce, gebürtig in Togo als Sohn eines Chiefs. Als eines der Antelmannschen Pflegekinder studierte er Musik und wurde Pianist. Kaiser Wilhelm II. machte Antelmann vor Begeisterung zum Hoflieferanten. Im Zweiten Weltkrieg fiel das Kolonialhaus in der Lützowstraße in Schutt und Asche.

Die Edeka-Gruppe arbeitet bis heute als genossenschaftlich organisierter Unternehmensverbund. Etwa 4000 vertraglich gebundene, aber in Prinzip in Eigenregie handelnde Edeka-Kaufleute gehören dazu. Das Unternehmen steht zu seinem Namen, benennt offen dessen Geschichte. So bleibt sie präsent, obwohl die koloniale Konnotation des Namens versunken ist.