Ein Weihnachtsbaum in Flammen.
Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

BerlinFrüher war Weihnachten besser. In einem Büchlein las ich ein Gedicht von Joseph von Eichendorff, eine Zeile lautet: „Markt und Straßen stehn verlassen/ Still erleuchtet jedes Haus/ Sinnend geh’ ich durch die Gassen/ alles sieht so festlich aus/Tausend Kindlein stehen und schauen/ sind so wunderstill beglückt.“ Erst kurz zuvor hatte ich in der New York Times einen Ratgeber-Text gelesen, wie man kleine Kinder davor bewahrt, über die Feiertage durchzudrehen und sich in kleine Monster zu verwandeln. „Wenn Sie verreisen, nehmen Sie Kissen und Bettlaken von zu Hause mit, damit die Kindern etwas Vertrautes dabei haben“ lautete ein Tipp. Was ist da passiert, zwischen den wunderstillen und den kleinen Monstern? Gab es bei Joseph von Eichendorff vor zweihundert Jahren keine Wutanfälle? Oder hat seine Frau die Wutanfälle seiner drei Kinder reguliert, während er von zu Hause flüchtete und allein durch die Straßen lief?

Aufgerissene Geschenkverpackungen

Mein Ratgeber für die Weihnachtsfeiertage mit kleinen Kindern – basierend auf fünfzehn Jahren Erfahrung mit zwei Neffen und zwei Kindern – wäre sehr kurz: Erwarten Sie nichts. Erwarten Sie nicht, dass sie den Braten, den Ihr Mann am Weihnachtstag nach einem Rezept von Jamie Oliver über fünf Stunden lang zubereitet hat, warm essen können. Denn Ihr Baby ist zwar erst sechs Wochen alt, ist aber schon sehr gesellig und hat immer dann Hunger, wenn Sie auch Hunger haben. Und anders als Sie macht es sehr nachdrücklich drauf aufmerksam, dass seine Bedürfnisse keinen Aufschub erlauben. Da Sie noch nicht gleichzeitig stillen, essen und reden können, wird Ihr Essen vor ihnen auf dem Teller kalt. Während sie versuchen, das Kind am gedeckten Tisch anzulegen, können Sie vielleicht drauf hoffen, dass Ihr Mann Ihnen gelegentlich einen Bissen Rosenkohl in den Mund steckt.

Erwarten Sie nicht, dass Ihr Zweijähriger mit glänzenden Augen wunderstill vor dem Baum steht. Erwarten Sie, dass das Kind auf den Baum klettern will, weil ihm die rote, hochhängende Kugel besonders gut gefällt, er wird auf einen Stuhl oder auf das Sofa klettern, dabei nach oben greifen und dann in den Baum hineinfallen. Und zwar dreimal hintereinander. Später gibt es Stoptanz-Essen, bei dem Sie immer wieder aufspringen, weil das Kind alle zwei Sekunden etwas braucht, den anderen Teller, den anderen Löffel, den Lappen, um die umgefallene Apfelsaftschorle aufzuwischen.

Halten Sie den Pink Gin bereit! 

Erwarten Sie nicht, dass ihr Dreijähriger ganzen Abend mit den Geschenken spielt, die er unter dem Baum gefunden hat, während Sie zum dreißigsten Mal „Tatsächliche Liebe“ schauen und Pink Gin trinken. Ihr Zweijähriger wird alle Geschenke, auch ihre, innerhalb von zehn Sekunden aufreißen, den Inhalt kurz angucken, bevor er ihn in die Ecke wirft. Dann wird er fragen, wo das nächste Geschenk ist. Sie werden auf die Uhr gucken und sich fragen, wann Weihnachten vorbei ist. Es ist 17:05 Uhr. Halten Sie den Gin bereit!

Und wenn Sie irgendwann ganz leer sind und frei von Erwartungen, dann kommt vielleicht auch alles anders. Neulich schaute ich mir ein Video vom vorvergangenen Jahr an. Da steht mein Sohn, damals drei, vor dem Weihnachtsbaum mit seiner neuen Ukulele und singt „Oh Tannenbaum“. Ich halte den Bildschirm in meinen Händen, und jetzt bin wunderstill beglückt. Das ist wahrscheinlich alles, woran ich mich in zwanzig Jahren erinnern werde. Und dann werde ich allen sagen, wie schön das war, Weihnachten mit kleinen Kindern. Frohes Fest!

Sabine Rennefanz liest am 22. Januar um 20 Uhr im Pfefferberg Theater aus ihren Kolumnen. Moderation: Cornelia Geissler, Berliner Zeitung