Berlin - Das erste Mal fiel es mir Mitte November auf. Alle Stände auf dem Wochenmarkt in meinem Viertel waren voll, am meisten aber war vor einem los, den ich noch nicht kannte. Auch die Leute kannte ich nicht, älter schon und aufgekratzt, mit Masken vor Mund und Nase und Gläsern in der Hand wie auf einem Sektempfang der Berliner Sparkasse. Samstag um zwölf, im grauen Berliner November.

Ich nahm an, dass es sich vielleicht um eine Geburtstagsgesellschaft oder ein Betriebsvergnügen handelte, Corona-bedingt ins Freie verlegt. Doch die Gesellschaft war, in anderer Besetzung, aber mit gleichen Getränken, auch am nächsten Samstag da und am übernächsten. Ich begegne ihr aber nicht nur dort, sondern auch vor dem Café an der Ecke, das seinen Verkauf auf den Bürgersteig verlegt hat und gerade das Geschäft seines Lebens zu machen scheint. Vor allem treffe ich diese neue Berliner Gesellschaft am Wochenende im Park. Getrunken wird dort weniger, die Parkgesellschaft ist aktiver, geht spazieren, macht Yoga, Fitness, spielt Fußball, fährt Skateboard und Scooter. Mütter stillen Babys auf Parkbänken, Väter schieben Kinderwagen, in der Hand ein Wegbier. Ein Mann tanzt entrückt lächelnd auf einem Seil. Es wird deutsch, englisch, russisch, arabisch gesprochen. Und ich denke: So einen Dezember habe ich noch nie erlebt.

Es sind noch 18 Tage bis Heiligabend, draußen ist es grau und kalt, ich aber fühle mich eher an den Frühling erinnert, an Goethes Osterspaziergang, auch an Freibäder und Badeseen im Sommer, Orte, wo Menschen, die sich sonst aus dem Weg gehen, zusammenkommen, nebeneinander auf der Decke liegen oder am Drei-Meter-Turm anstehen. Mich haben diese Gesellschaften, diese Orte, wo sich alles mischt, wo man beobachten kann, wie andere reden, leben, Kinder erziehen, schon immer fasziniert. Es gibt sie kaum noch, aber in Zeiten, da Aerosole bestimmen, wo wir uns aufhalten dürfen und wo nicht, sind sie wieder da.

Meine Mutter feiert ihren Geburtstag in der Wuhlheide. Stehparty mit Thermoskannen und Tischtennis, statt Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer. Ein Nachbar macht Feuer im Garten. Ich kann Lagerfeuer nicht ausstehen, weil ich immer genau da stehe, wo der Qualm hinzieht. Jetzt koche ich Tee und stelle mich dazu. Eine Freundin fragt, ob ich mit ihr Tennis spiele. Unsere Vereinsplätze, normalerweise ab Oktober dicht, sind immer noch geööfnet. Meine Kinder verabreden sich mit Freunden zu Spaziergängen in Parks, deren Namen sie vorher noch nie gehört hatten. Sie lernen plötzlich Berlin kennen. Und die Brandenburger Seen. Mein Sohn geht immer noch baden wie im Hochsommer. Ist gut gegen Stress, sagt er, und erklärt uns: Wie lange man im Wasser bleiben darf, hängt von der Temperatur ab. Bei zehn Grad zehn Minuten. Bei fünf Grad fünf Minuten. Und was ist, wenn Minusgrade sind?, fragt mein Mann.

Auch die Gespräche sind anders. Wann wir endlich zusammen Plätzchen backen, fragt meine Tochter. Normalerweise stelle ich diese Frage, nicht sie. Ein Verwandter, der dafür bekannt ist, eine Stunde vor Heiligabend Bescheid zu geben, ob er kommt oder nicht, hat sich diesmal pünktlich zum 1. Advent gemeldet. Und sogar angeboten, zu kochen. Ich habe eine WhatsApp-Familiengruppe eingerichtet, um den Weihnachtsbesuch zu koordinieren. Und als ich vor zwei Wochen beim Bio-Fleischer die Weihnachtsgans bestellt habe, überraschte mich der Mann hinter der Wursttheke mit der Nachricht: Sie sind die Erste in diesem Jahr. Sonst bin ich die Letzte.

Es passt nicht so richtig zu den apokalyptischen Meldungen dieser Zeit, aber ehrlich gesagt fühle ich mich gerade weihnachtlicher als in den Jahren zuvor. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass ich die letzten beiden Jahre in Israel gelebt und Weihnachten gefeiert habe. Ohne Baum, bei 20 Grad plus und der zähesten Weihnachtsgans meines Lebens, die mich ein Vermögen gekostet hat. Vor allem aber liegt es an der Ruhe, die das Virus mir auferlegt: keine Reisen, keine großen Feiern, weniger Einkäufe, weniger Stress. Mangel wertet vieles auf. Selbst Familienbesuche.

Und noch etwas macht Weihnachten in diesem Jahr so besonders. Etwas, das mir noch nie so bewusst war wie jetzt. Es ist ja nicht nur eins der wichtigsten Feste im Christentum, sondern auch die Zeit der Sonnenwende. Schon am 22. Dezember werden die Tage wieder länger, gibt es Hoffnung auf Licht, auf Wärme, auf den Impfstoff, auf das Ende der Pandemie.

Wir haben es fast geschafft. Gerade habe ich mich für den Heiligabendgottesdienst angemeldet, 15 Uhr, Open Air.