Berlin - Noch ist nicht ganz sicher, ob in Nord- und Ostdeutschland an diesem Wochenende ein Schneechaos droht. Während einige Meteorologen mit bis zu 40 Zentimetern Neuschnee rechnen, vor allem vom Emsland bis zum Harz, sprechen andere Wetterdienste von lediglich zwölf Zentimetern Neuschnee in Berlin. Doch immer wieder fallen Vergleiche zum Jahrhundertwinter 1978/79, egal, ob als Warnung oder Verweis auf Panikmache.

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Die Eisenbahn-Transitstrecke nach Sassnitz wurde durch den Einsatz von Schneefräsen und teilweise sogar durch Sprengungen Meter für Meter geräumt.

Grund genug, sich noch einmal der wohl größten Schneekatastrophe der Nachkriegszeit zu widmen, die vor 42 Jahren im Norden der Bundesrepublik und auch in der damaligen DDR verheerende Schäden anrichtete. Damals stürzten die Temperaturen zum Jahreswechsel plötzlich um 27 Grad ab, der Schnee stand meterhoch. Dörfer waren abgeschnitten, Autos und Schiffe steckten fest und im Osten brach die Stromversorgung weitgehend zusammen. 17 Menschen starben im Westen, fünf im Osten, wo es zeitweise zu großen Versorgungsengpässen kam.

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Ein Autofahrer steht in Cuxhaven (Niedersachsen) neben seinem am Straßenrand im Schnee steckengebliebenen VW-Käfer.

Besonders betroffen war damals die Ostsee-Insel Rügen, wo sich der Schnee bis zu sieben Meter hoch türmte. Öfen hatten keine Kohlen mehr, Trinkwasserleitungen froren ein, Häuser versanken bis zum Dach im Schnee. „Angehörige der Volksmarine stehen seit Stunden im pausenlosen Einsatz, um die Straße nach Rügen freizubekommen“, vermeldete damals eine Nachrichtensprecherin in der Aktuellen Stunde.

In Berlin und im Hauptquartier der Nationalen Volksarmee in Strausberg nahm man die Katastrophenlage auf Rügen zunächst noch beiläufig zur Kenntnis. Die Hauptstadt wurde von noch funktionierenden Kraftwerken versorgt, der Zugverkehr war über mehrere Tage lahmgelegt, doch die Lage entspannte sich schnell.

In der Lausitz aber gefror bald die Braunkohle noch in den Gruben sowie in den Bahnwaggons. Da der Strom in der DDR zu drei Vierteln aus Kohle kam, brachen innerhalb eines Tages Strom- und Fernwärmeversorgung in großen Teilen zusammen. Die DDR-Regierung schickte tausende Arbeiter mit Handwerkzeugen in die Region.

Der Ingenieur Dieter Baumann, damals für die Braunkohleversorgung der DDR verantwortlich, musste noch am Neujahrsmorgen 1979 aus dem Urlaub im thüringischen Oberhof abreisen, mit Trabant auf vereister Straße. „Wir konnten im Radio verfolgen, wie die Kälte immer weiter südlich kam“, erzählte er Jahre später dem MDR. 

Baumann musste unverzüglich nach Hoyerswerda. Als er dort im Braunkohlekombinat eintraf, standen die Kohlenzüge still. Binnen Stunden waren alle Reserven aufgebraucht. 14 lange Tage blieb Baumann im Büro, bis die Züge wieder rollten und Kraftwerke versorgen konnten, es endlich Strom und Wärme gab. Die einen sagen dank 500 Bohrhämmern, die der westdeutsche Otto-Versand lieferte. Andere sagen dank Düsentriebwerken, die von Flug- auf Fahrzeuge montiert wurden, mit der Hitze die Waggons aber auch beschädigten.

Im Februar 1979 brachte ein Sturm von Osten her nochmal tiefen Schnee über Schleswig-Holstein, Niedersachsen und die DDR. Züge steckten fest, die Nationale Volksarmee setzte Räumpanzer ein, die Strom-Versorgung brach zusammen, Telefonleitungen funktionierten nicht mehr, die wirtschaftlichen Schäden waren enorm. Besonders der Osten litt noch jahrelang an den Folgen.