Das Kind liest Prospekte. Nicht Lego-Kataloge, wie vor kurzem noch, sondern die Anzeigenblätter der Elektrofachmärkte und Supermarktketten. Was ich schon im Hausflur in die Kiste werfe, weil das krachbunte Papier und die durchgestrichenen kleinen Zahlen mit den großen darunter, also die vermeintlichen Angebote, das ganze KAUF MICH und SO BILLIG WIRD ES NIE WIEDER aggressiv macht, all das holt es wieder heraus. Und liest. Und staunt.

Wie günstig! Auch kennt das Kind jetzt Marken – nicht nur Lego, wie vor kurzem noch – sondern Nike oder Adidas und Namen von Spielkonsolen und Smartphones. Das Kind speichert sie beim Lesen ab, bringt sie aus der Schule mit und von draußen. Zugleich ist ein Bewusstsein erwacht. Es hat gehört von der Vermüllung der Meere und hört mich fluchen über einzeln verpackte Kekse und Bio-Smoothies und Powerfood-Snacks mit lustigen Figuren drauf im Kassenbereich.

Das Kind speichert auch das ab und kommt mit dem Vorschlag um die Ecke, endlich Seifenstücke zu verwenden statt Flüssigseife. Wegen der Plastikflaschen. Die eingeschweißten Prospekte lässt es in der Kiste, schwankend zwischen Verführung und Ärger. Es bekommt mit, dass wieder eine Riesendemo stattfindet, dieses Mal gegen die Massentierhaltung und für die Umwelt, und es spürt mehr als es begreift, dass das alles auch was mit ihm zu tun hat, denn es ist ja auch seine Umwelt. Mehr noch als meine, weil länger. Stichwort Zukunft. Für die gehen auch die Schüler auf die Straße, sind wütend, zu Recht. Wir führen interessante Gespräche, weil ich ihm erklären muss, warum die Prospekte und das Wort „billig“ mich zornig machen.

Immer mehr billige Angebote und noch mehr Umweltschutz dagegen kann ich bald nicht mehr erklären

Ich versuche, in einfachen Worten darzulegen, dass nichts wenig kostet, dass alles seinen Preis hat außer Liebe, Lachen und Nachdenken. Weil immer jemand bezahlt, wenn etwas sehr billig ist. Kinder anderswo, Menschen mit ihrer Gesundheit, die Tiere, die Natur. Und wir alle, irgendwann und eigentlich jetzt schon, aber wir sind halt gut im Augenverschließen. Und dann las ich, dass noch eine Discounter-Kette nach Deutschland kommt.

Aus Russland, und dass es auch eine Filiale in Berlin geben soll. Das passt, wie so vieles, überhaupt nicht zwischen die Demos und Dieseldebatten und Klimakonferenzen. Ich fühle mich schrecklich hilflos, so wie vor den Bio-Smoothies oder immer, wenn ich Kaffeekapseln sehe. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, jemandem Misserfolg zu wünschen. Aber manchmal kommt man daran nicht vorbei, etwa, wenn Leute Mauern bauen oder alle Elenden möglichst schnell aus dem Straßenbild tilgen wollen.

Oder eben alles noch billiger anbieten. Dann kann ich nicht anders, dann wünsche ich mir, dass das Unternehmen scheitert. Dass keiner hingeht. Dass alle die Eröffnung ignorieren, die Angebote und Luftballons. Dass keiner die Prospekte liest. Um dem Kind zu erklären, wohin das alles führt, sind ja schon genug im Briefkasten. Noch mehr davon plus immer mehr Demonstranten – kann ich bald nicht mehr erklären.