Berlin - Die türkische Kultur macht es einem sehr leicht, ein naives Leben zu führen. Es gibt unzählige Möglichkeiten an eine Art Vorbestimmung zu glauben – und mit vielerlei Mitteln alles dafür zu tun, damit das gewünschte Schicksal in Erfüllung geht. Es geht um so viel mehr als um langweilige Sternschnuppen, Geburtstagskerzen, Glückskekssprüche oder vierblättrige Kleeblätter. Ganze Tage, Rituale und lange Gebete sind nur diesem einen Thema gewidmet.

Jedes Jahr aufs Neue, am 5. Mai, schreiben Menschen von Istanbul bis Gaziantep ihre Wünsche auf Zettel. Hängen diese an Rosenzweige, die sie finden, oder verbuddeln sie unter Rosenbüschen in der Erde. Mit dem nächsten Morgengrauen holen sie die Zettel wieder ab und werfen sie ins Meer oder in einen Fluss, damit die notierten Träume, so der Jahrhunderte alter Glaube, wahr werden.

Als Wahrsagung dient in der türkischen Kultur das berühmte Lesen in der Mokkatasse: Wenn sich im Kaffeesatz zum Beispiel ein Vogel abbildet, bedeutet das, dass man schon bald gute Nachrichten (aus der Ferne) erhalten wird. Eine Frauenfigur heißt, dass man wichtige Entscheidungen treffen muss. Ein Fisch deutet auf Reichtum hin oder dass man die Liebe seines Lebens kennenlernen wird – den Interpretationsmöglichkeiten sind natürlich keine Grenzen gesetzt. Auch Träume haben, wie in so vielen anderen Kulturen, eine tiefere Bedeutung: Wer beispielsweise davon träumt, dass jemand stirbt, schenkt in der Realität der im Traum verstorbenen Person ein längeres Leben.

Das türkische Auge, Nazar Boncuk, ist eine Art Schutzamulett und soll Menschen vor bösen, unheilbringenden Blicken schützen – weshalb die Perle mit einer kleinen Stecknadel häufig auch an den Stramplern von Neugeborenen befestigt wird. Wenn eine Person mit dem Auto verreist, wird ihr Wasser hinterher geschüttet, damit mögliche Stolpersteine aus dem Weg „weggespült“ werden. Liest man gewisse Dua, also Gebete, in einer gewissen Anzahl hintereinander, geht der Dilek, also der Wunsch, sofort in Erfüllung. So der Glaube.

Es gibt noch Dutzende andere Rituale, die einem das Leben extrem erleichtern können – wenn man denn wirklich von ihnen überzeugt ist. Ich bin es nicht, besitze trotzdem Schmuck mit dem türkischen Auge, drehe trotzdem meine Tasse um und lasse den Satz von meiner Tante deuten, suche trotzdem auf türkischen Webseiten nach der Bedeutung meiner wirren Träume. So ist der Mensch, er glaubt, obwohl er glaubt, nicht zu glauben.

Mein Papa war fest davon überzeugt, dass jedem Menschen im Leben ein Los zugeteilt wird, dem man nicht entgehen kann – Kısmet – und daran, dass sich alles, früher oder später, zum Guten wenden wird. Dafür bräuchte man keine Rosenzweige oder bitteren Kaffee, fand er. Ich war immer fasziniert von seiner Sichtweise. Sie macht alles noch mal so viel einfacher. Dass ich monatelang vergeblich nach einer Wohnung in Mannheim gesucht habe, hatte nichts mit einer Benachteiligung wegen meines türkischen Namens zu tun, sondern damit, dass ich noch im selben Jahr eine Job-Zusage aus Berlin bekommen sollte. Ein anstrengender Umzug hätte mich vielleicht davon abgehalten, in die Hauptstadt zu kommen – Kısmet eben, erklärte mein Papa.

Alles ist vorherbestimmt. Ich halte es für gewagt, so durch den Alltag zu gehen, das Leben danach zu gestalten. Doch nach seinem Tod wurden alle Glaubenssätze, die in mir schlummerten, verdrängt durch den Glauben, dass mein Papa ab jetzt derjenige ist, der mich vor „bösen Blicken“ schützt, mir meine Entscheidungen abnimmt, indem er mein Leben in die eine oder andere Richtung lenkt und dafür sorgt, dass sich alles zum Guten wenden wird. Naiv, ich weiß.