Fußgänger und Autofahrer profitieren davon, wenn sich mehr Verkehr aufs Fahrrad verlagert.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinSchrecklich, dieser Verkehr! Seitdem Berlin eine Großstadt ist, klagen die Berliner und ihre Gäste über das Durcheinander auf den Straßen. Schon früh wunderten sich Auswärtige, wie schnell die Einheimischen über die Trottoirs hetzen. Später ärgerten sich Kutscher über Radfahrer, weil sie ihnen die Pferde scheu machten. Als Reaktion verbot die Polizei das Velozipedfahren in Berlin und forderte ab 1893 von jedem Radler eine Radfahrerkarte.

Radfahrer und Fußgänger wiederum störten sich an den immer zahlreicheren Automobilen, die von Anfang an eine Gefahr für Leib und Leben darstellten. Allein 1928 starben in Berlin über 400 Menschen durch den motorisierten Straßenverkehr, obwohl hier damals gerade mal 70.000 Kraftfahrzeuge zugelassen waren. Zum Vergleich: In diesem Jahr wurden bislang 35 Menschen im Berliner Straßenverkehr getötet – bei mehr als 1,4 Millionen Kraftfahrzeugen, deren Kennzeichen mit dem großen B wie Berlin beginnt.

Verkehr hat sich historisch gesehen verbessert

Technisch und medizinisch hat sich viel verbessert. Für die psychologischen Aspekte des Verkehrs gilt das allerdings nicht. Seit der Frühzeit, als der Homo sapiens begann, gegenüber anderen Zweibeinern Areale zu verteidigen, hat sich wenig verändert.

Fast jeder Berliner kann Geschichten erzählen, die eine gemeinsame Feststellung farbig illustrieren: Das Klima auf den Straßen ist nicht besser geworden. Längst nicht immer werden dabei nur die Kraftfahrer ins Visier genommen, die andere Verkehrsteilnehmer gefährlich dicht schneiden, vor Grundschulen im Halteverbot stoppen und mit laut röhrenden getunten Boliden Anwohnern die Ruhe rauben.

Rücksichtslosigkeit von Radfahrern

Nein, immer öfter werden auch jene kritisiert, die sich im Zeichen der Erderhitzung zu Recht auf der richtigen Seite wähnen – die Radfahrer. Wobei diejenigen, die sich über Rücksichtslosigkeit, halsbrecherische Fahrmanöver oder die offenkundige Todessehnsucht von Radfahrern beschweren, oft selbst gern mit Pedalkraft unterwegs sind. Vor allem aber sind es meist Fußgänger, die sich von der auffallenden Regelindifferenz von Radlern belästigt oder gar gefährdet fühlen.

Es ist ja nicht so, dass ausnahmslos jeder Berliner gleich laut wird, wenn ihm auf dem Gehweg ein Zweirad entgegenkommt – zum Beispiel, weil sich der Mann oder die Frau auf dem Sattel kein Kopfsteinpflaster zumuten will. Wenn das Rad aber unangemessen schnell auf dem Bürgersteig an Senioren oder Kindern vorbeisaust, dürfen sich die Radler oder Radlerinnen über Kritik nicht mokieren – auch wenn sie sich oft trotzdem darüber zu wundern scheinen. Dass sie auf Gehwegen nur zu Gast sind, scheint zu vielen Radfahrern weiterhin nicht einzuleuchten.

Radschnellverbindung kritisiert

So ist es nachvollziehbar, dass die Fußgängerlobby Verkehrsplaner   aufmerksam beobachtet. Wo werden Gefahren in Kauf genommen oder sogar neu geschaffen? Aktuell wird kritisiert, dass die geplante Radschnellverbindung vom Tiergarten zur Landsberger Allee mitten durch das Gewusel am Brandenburger Tor und über den Pariser Platz führen soll. Konflikte werden befürchtet.

Wobei dieser Bereich aber kein Beispiel für eine besonders gefährliche Zone ist: Auch wenn Touristen Schocks erleben, wenn wieder mal ein Berliner Radfahrer dicht an ihnen vorbeizischt – als Unfallschwerpunkt ist dieser Teil von Mitte nicht bekannt. Außerdem stellt sich die Frage, ob es eine praktikable Umleitung gäbe, die Radfahrer auch nutzen würden. Und da lautet die Antwort nein.

Gute Infrastruktur kann Defizite lösen

Ob sie im Parlament oder am Stammtisch stattfindet: In jeder verkehrspolitischen Debatte gibt es den Drang, die individuell bevorzugte Art der Fortbewegung zu verabsolutieren. Dabei profitieren auch Fußgänger und Autofahrer davon, wenn sich mehr Verkehr aufs Fahrrad verlagert. Im konkreten Fall ist klar, dass die Radtrasse diese Route nehmen muss. Schon heute ist Unter den Linden velomäßig viel los. Gute Infrastruktur kann Druck aus dem Kessel nehmen. Hier sollten sich die Verantwortlichen profilieren, hier sind die größten Defizite abzubauen.

Klar ist: Die Debatte bleibt unübersichtlich, und sie wird weiterhin gegenseitiges Verständnis fordern. Was im täglichen Umgang ebenfalls unabdingbar ist: Bitte mal die Luft anhalten und warten, bis der Zorn vorübergerauscht ist. Auch wenn es schwerfällt.