Der Palast der Republik als Puzzle.
Foto: DDR Museum Berlin

BerlinSeit drei Jahrzehnten leben sie nun im wiedervereinten Land. Dennoch erinnern sich die Ostdeutschen gerne weiter an die DDR. Das zeigt auch die aktuelle Ost-West-Debatte zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit, bei der einstige DDR-Bürger erneut auf die Anerkennung ihrer Leistung pochen. Denn der SED-Staat bestand nicht nur aus Mauer, Diktatur und Stasi. Es sind die schönen Erinnerungen, die von der DDR geblieben sind. Und man staunt, wie vieles davon heute noch existiert.

Klar, in Berlin findet man die Spuren, die die DDR im östlichen Stadtbild der Hauptstadt hinterlassen hat, auf Schritt und Tritt. Damit ist nicht allein der grüne Pfeil gemeint, den man noch an vielen Ampelkreuzungen findet. Es geht um Bauwerke.

Zu den weltweit berühmtesten zählen der Fernsehturm und der Friedrichstadt-Palast, dem letzten Prunkbau, der in den 80er-Jahren im Arbeiter-und-Bauern-Staat entstand. Er erfuhr gerade eine verdiente Ehrung: Als Zeugnis der besonderen Plattenbaukunst in der DDR wurde das heute größte Revue-Theater Europas unter Denkmalschutz gestellt. Eine Ehre, die Senat und Bund dem Palast der Republik, der von 2006 bis 2008 abgerissen wurde, nicht zuteil werden ließen.

Nun, dafür wurde die 1,8 Kilometer lange Karl-Marx-Allee, die als „Stalinallee“ in den 50er-Jahren als DDR-Großbauprojekt entstand, mit ihren monumentalen Häusern zum längsten Baudenkmal Deutschlands erklärt. Selbst Namen aus DDR-Zeiten wie Allee der Kosmonauten, Karl-Kunger-Straße oder der Bersarinplatz blieben erhalten.

Wer in Berlin die DDR entdecken will, muss eigentlich nicht weit laufen. Der Besuch des nahen Supermarktes reicht völlig. Dort sind nun seit Jahren einstige DDR-Produkte wieder fester Bestandteil in den Regalen. Feinkost-Klassiker wie der Bautz'ner Senf, von dem mittlerweile in ganz Deutschland über 24 Millionen Becher im Jahr verkauft werden. Oder der Rotkäppchen-Sekt, den sich 1995 sogar Prinz Charles bei seiner damaligen Berlin-Visite munden ließ, als er in Hellersdorf eine Familie besuchte, für deren DDR-Plattenbauwohnung sich der royale Gast sehr interessierte.

Die Nachfrage nach Ostprodukten wächst. Ob sie nun wie der Ketchup, die Äpfel oder die Tomaten wieder aus Werder kommen oder sogar von unseren osteuropäischen Nachbarn. Auch deren Erzeugnisse werden immer mehr zum Verkaufsschlager – wie die Biere aus Tschechien oder Polen, die neben den ostdeutschen Brauereierzeugnissen wie Radeberger oder Lübzer großen Absatz finden.

Es ist offenbar eine Frage des guten Geschmacks, sich auf die Spuren der DDR zu begeben. Und diese findet man auch in den Berliner Lokalen, auf deren Speisekarten wieder die ostdeutsche Küche mit Jagdwurstgulasch, Soljanka & Co. immer häufiger zu finden ist.

Selbst in der Berliner Wirtschaft können aufmerksame Beobachter die DDR entdecken. Freilich, die 1990 gegründete Treuhandanstalt wickelte Monate nach dem Mauerfall über Tausende Betriebe im Osten ab. Mit der Einführung der D-Mark in der DDR waren es allein bis 1994 über 3500 der über 10.000 volkseigenen Betriebe, die verschwanden. In diesem Zeitraum wurden auf dem Gebiet der einstigen DDR knapp drei Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Im Osten Berlins gingen 300.000 Jobs verloren.

Richtig erfolgreich am Markt ist Berlin Chemie. 1992 wurde das Unternehmen vom italienischen Menarini-Konzern gekauft. Heute hat der einstige VEB weltweit 5.000 Mitarbeiter, gehört mit einem Jahresumsatz von 1,7 Milliarden Euro zu den stärksten Pharmafirmen Deutschland.

Seit 2010 macht die DDR auch berlinweit Schule – mit Ganztagsschulen, wie es sie einst im Osten gab. Und 2019 erklärte der Senat sogar ein DDR-Ritual zum echten Feiertag: den Internationalen Frauentag. Der 8. März wurde zwar im Osten gefeiert, nur arbeitsfrei hatte man da nicht. Und ein Teil der DDR flimmert jeden Abend auf den Bildschirmen des wiedervereinten Landes. Das Sandmännchen, das im vergangenem Jahr stolze 60 Jahre alt wurde. Die DDR ist nun 30 Jahre schon weg, aber die Liebe zu dem Kinderfernsehstar ist geblieben.