So sahen die Autobahnen zu Ostern aus. In diesem Herbst könnte sich das Bild wiederholen.
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BerlinEs dauert nur wenige Sekunden, bis aus den harmlosen Reisenden am Sonnabendmittag illegale Grenzgänger werden. Wir sind im Auto auf der A13 unterwegs, als in der Ferne Polizeiwagen zu sehen sind. Mein Mann reagiert instinktiv, setzt den Blinker und fährt bei der nächsten Ausfahrt ab. Er kennt das Spiel bereits. Zwei Tage zuvor war er auf der Fahrt nach Mecklenburg-Vorpommern zurück in die Hauptstadt geschickt worden. Unerwünscht, weil aus dem Risikogebiet kommend.

Jetzt wollen wir meine Mutter in Annaberg besuchen. Doch auch die Sachsen bewachen ihre Landesgrenze. Bei Gröditz steht die Polizeistreife und hält den Wagen mit dem Berliner Kennzeichen an. Wohin es denn gehen solle, fragen die Beamten. Freimütig antworte ich: Nach Annaberg-Buchholz, dahin, von wo ich stamme und wo nun die alte Mutter warte. Sie wird 94, darum die Blumen. Keine Party, nur Kaffeetrinken. „Haben Sie denn keine Kenntnis vom Beherbergungsverbot, das in Sachsen erlassen wurde?“, fragt der Beamte streng. Berlin sei Corona-Hotspot, der Erzgebirgskreis mittlerweile ebenso. Auf das Argument, dass ich ja in keinem Hotel oder in einer Ferienwohnung übernachten würde, sondern bei der Mutter, folgte die Zurechtweisung, das sei momentan kein Unterschied. Ich könne zu ihr, wenn ich einen Negativtest vorweisen könne, maximal 48 Stunden alt. Ich habe keinen. Wie auch auf die Schnelle und ohne verdächtige Symptome? Der Beamte sagt, es täte ihm leid, aber so seien die Vorschriften. Wenn ich auf anderen Wegen weiterfahren würde, drohten hohe Strafen. Für mich und auch für die Familie im Erzgebirge.

Wir sind als Gefährder erkannt. Umkehren, zurück ins Sündenbabel Berlin. Mutters Stimme, das unterdrückte Schluchzen am Telefon, zerreißt mir das Herz. Sie versteht diese Welt nicht mehr. Nach dem Lockdown  im Frühjahr hatte doch der Gesundheitsminister im Fernsehen gesagt, dass die alten Leute nie mehr so isoliert werden dürften wie im Frühjahr. Ich habe darauf keine Antwort, google auf dem Autobahn-Rastplatz nach der Telefonnummer des Gesundheitsamtes Annaberg. Endlosschleife der Hotline. Dann sagt eine Computerstimme, das Amt sei montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr zu erreichen. Versuch gescheitert. Zur Kaffeezeit bin ich zurück in Berlin: Blumen und Geschenk ausgeladen, das Telefon bleibt als Trost.

Am Sonntagabend ist auf der sächsischen Corona-Website jene Passage, in der das Beherbergungsverbot auch Familienbesuche einschloss, verschwunden. Erklärung dazu: keine. Hätte ich also Stunden zuvor doch noch ungestraft zur Mutter fahren dürfen? Am Montagmorgen klingelt mein Nachbar und sagt, er fliege jetzt in den Urlaub nach Rom. Corona-Test? Brauche er nicht. Jetzt bin ich vollends konsterniert. Die sächsische Website ist so diffus wie tags zuvor. Und die Hotline des Gesundheitsamtes Annaberg läuft, ohne dass ich einen Kontakt kriege. Ich versuch's beim Gesundheitsamt Berlin-Mitte. Da geht tatsächlich einer ran, hört sich freundlich meine Geschichte an. Aber: Er könne leider nichts raten, jedes Bundesland mache seine eigenen Regeln. Flickenteppich eben. Und einen Corona-Test? Die Stationen seien heillos überlastet, getestet wird derzeit nur bei Symptomen. Die Lage ist aussichtslos. Mutter sagt am Telefon, ich müsse vernünftig sein.