Man kann sie kaum übersehen. Mehr als hundert Menschen, die jeden Morgen zum umstrittenen Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) pilgern, dort anstehen für Geld, Unterkünfte, Krankenscheine. Seit Monaten geht das so. Es gab Zeiten, da schliefen sie nachts auf dem Bürgersteig. Jetzt hat sich die Lage sichtbar verbessert. Doch die Flüchtlinge haben den Stadtteil rundherum verändert.

Mehr Solidarität als anderswo

Im Grunde war es immer schon recht bunt in diesem Kiez. „Man kann auf der Straße nicht erkennen, ob es ein Flüchtling ist oder ein Einwohner“, sagt Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD). Die Bevölkerung von Berlin-Moabit besteht zu mehr als 60 Prozent aus Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund - auch ohne die Flüchtlinge, von denen nach Zahlen der Sozialverwaltung derzeit jeden Tag rund 160 in Berlin ankommen. In den Hochzeiten, im vergangenen Sommer, waren es bis zu 1000 pro Tag.

Oft sprangen Ehrenamtliche dort ein, wo eigentlich der Staat präsent sein müsste: Sie brachten Essen, sorgten für Schlafplätze, Betreuung. „Die Dimension der Hilfsbereitschaft in Moabit hätte ich vor August 2015 nicht für möglich gehalten“, sagt Hanke. Viele im Kiez hätten Flüchtlinge privat bei sich untergebracht. „In Moabit gibt es mehr Solidarität als anderswo“, meint Diana Henniges von der ehrenamtlichen Organisation „Moabit hilft“. Die Gegend sei schon immer multikulturell gewesen, die Integrationsfähigkeit sei hier noch besser als beispielsweise in Neukölln oder Kreuzberg.

Mehrsprachige Apotheker

Der 19-Jährige Alaa Khalil fühlt sich freundlich aufgenommen: „Die meisten Menschen in Moabit sind nett zu uns“, sagt der Syrer. Nur die Verständigung sei oft schwierig. Doch die Sprachbarriere ist in Moabit nicht überall ein Problem. An einer Apotheke in der Turmstraße verspricht ein Schild, dass man hier nicht nur mit Deutsch oder Englisch weiterkommt, sondern auch mit Arabisch, Farsi und Türkisch. „Der Anteil der persisch sprechenden Kunden hat stark zugenommen“, sagt Apotheker Ronald Weber. Mehrsprachige Mitarbeiter beschäftigte die Apotheke aber schon immer - nicht erst, seit Flüchtlinge Kunden sind.

Hassan El Abed betreibt einen Laden nur wenige Meter östlich vom Lageso. Er verkauft unter anderem Sim-Karten, Telefone, Getränke und Koffer. „Die meisten meiner Kunden sind inzwischen Flüchtlinge“, sagt er. „Ich habe gute Erfahrungen mit Menschen aus Syrien gemacht“. Er zeigt aber auch auf brandneue Kameras im Geschäft. Im vergangenen Jahr habe es sechs Diebstähle gegeben, sagt er.

Drogenhandelt außer Kontrolle

Nach Polizeiangaben stieg die Zahl der Diebstähle im Umfeld des Kleinen Tiergartens und des Lageso im vergangenen Jahr an. Zugleich gab es 60 Prozent mehr Rohheitsdelikte, zu denen auch Körperverletzung zählen.
Problematisch scheint die Situation vor allem im Kleinen Tiergarten. Daoud Karaki, der im Internetcafé direkt neben der U-Bahnstation Turmstraße arbeitet, stört sich am Drogenhandel im Park. „Das ist außer Kontrolle geraten“, sagt er. Tatsächlich kann man nicht durch den Kleinen Tiergarten laufen, ohne dass jemand „Haschis?“ fragt. Flüchtlinge und Jugendliche seien Ziele der Dealer, kritisiert Bezirksbürgermeister Hanke. Der Polizei-Bericht bestätigt den Eindruck steigender Drogenkriminalität allerdings nicht.

„Moabit verändert sich stark, aber nicht nur wegen der Flüchtlingskrise“, ist Hanke überzeugt. Früher sei der Stadtteil gemieden worden. Nun dagegen sei es schwierig, günstigen Wohnraum zu finden. Der Kiez werde vor allem wegen seiner zentralen Lage immer beliebter. (Christina Bicking, dpa)