Noch ist der Flughafen Berlin-Tegel in Betrieb. Am 8. November 2020 soll hier zum letzten Mal ein Flugzeug starten.
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BerlinWochenlang herrschte Endzeitstimmung auf den Flughäfen. Wenn es in Tegel und Schönefeld insgesamt mehr als ein Dutzend Starts gab, war das schon ein besonderer Tag. Nun nimmt der Luftverkehr auch in Berlin wieder zu. Im Mai gab es hier 51.979 Passagiere, fast doppelt so viele wie im April, teilte die Flughafengesellschaft FBB am Dienstag mit. Lufthansa, Easyjet, Ryanair und andere Airlines haben bekanntgegeben, dass sie ihr Angebot aufstocken – auch in Berlin. Doch wie verlässlich sind ihre Ankündigungen? Werden alle Flüge wirklich stattfinden? „Für Fluggäste ist dies eine schwer einschätzbare Situation“, sagte Theresa Kühne vom Unternehmen Flightright. „Die Situation ist noch immer etwas schlechter planbar als unter normalen Umständen.“

Davon bekam eine Berliner Familie vor kurzem einen Eindruck. Nachdem eine plötzliche Flugstreichung einen früheren Reiseplan vereitelt hatte, war sie froh darüber, dass die Buchung einer Reise von Tegel nach Athen im Sommer nun tatsächlich klappte. Doch was die Mitarbeiterin im Callcenter der Fluggesellschaft danach mitteilte, machte die Anruferin aus Berlin stutzig. Es wäre nicht ausgeschlossen, dass die Flüge möglicherweise doch nicht stattfinden, hieß es – je nachdem, wie sich unter den Bedingungen von Corona die Situation weiter entwickelt.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: ADV

Nachfrage schwer einzuschätzen

Ist es richtig, dass Passagiere damit rechnen müssen, dass gebuchte Flüge gestrichen werden? Leider ja, sagt Theresa Kühne von Flightright. Das Unternehmen setzt für Fluggäste Ansprüche auf Entschädigung durch, wenn Flüge ausfallen oder sich verspäten. „Auch wenn viele Fluggesellschaften nach und nach den Betrieb wieder aufnehmen, ist es nicht auszuschließen, dass es auch bei den ab jetzt buchbaren Flügen zu Annullierungen kommt“, sagte die Sprecherin des Fluggastportals. „Zum Beispiel wenn es kurzfristig wieder Reisebeschränkungen wegen Corona gibt oder Flüge wegen zu geringer Auslastung abgesagt werden.“ Sicher sei derzeit nicht viel, warnte Kühne. Flüge könnten auch ausfallen, weil es beim Personal und den Abfertigungskapazitäten Engpässe gibt. Oder weil das Wetter schlecht ist.

Dass sich unter den Bedingungen von Corona die Lage immer wieder überraschend ändern kann, zeigen die jüngsten Entwicklungen. So muss seit Montag jeder, der nach Großbritannien einreist, erst einmal zwei Wochen in Quarantäne. In Deutschland verlangen immer mehr Bundesländer von Reisenden aus Schweden, ebenfalls 14 Tage lang zu Hause zu bleiben. Auch das wird sich auf die Auslastung von Flügen negativ auswirken, und die Gefahr wächst, dass sie gestrichen werden.

Auf diesem unsicheren Terrain müssen die Fluggesellschaften agieren. „Sie werden ab dem 15. Juni ihren Flugbetrieb hochfahren, ohne jedoch die Nachfrage der Reisenden präzise einschätzen zu können. Sie werden dann - wie zu Beginn der Krise - keine kaum ausgelasteten und damit unprofitablen Flüge durchführen“, sagte Theresa Kühne. „Primär erwarten wir Annullierungen aus wirtschaftlichen Gründen.“ Meist würden solche Gründe aber nicht offen kommuniziert. Bei Flightright schätzt man, dass Flugstreichungen wegen geringer Auslastung zehn Prozent der Ausfälle ausmachen.

„Die Airlines der Lufthansa Group bauen ihr Angebot deutlich aus“, sagte Lufthansa-Sprecher Jörg Waber. „So werden im September 90 Prozent aller ursprünglich geplanten Kurz- und Mittelstreckenziele und 70 Prozent der Langstreckendestinationen wieder angeflogen.“ Davon profitiere auch Berlin. Kurzfristige Flugstreichungen aufgrund von geringer Auslastung seien die „seltene Ausnahme“. Wenn dies im internationalen Flugverkehr geschieht, würden meist zwei Flüge in ähnlicher Zeitlage auf derselben Route zusammengelegt. Bei Stornierungen aus wirtschaftlichen Erwägungen können die Kunden kostenfrei umbuchen, so der Sprecher. „Auch Erstattungen sind grundsätzlich möglich.“

Wie sieht die Rechtslage aus? „Wenn ein Flug angeboten wird, wird das Vertrauen erweckt, dass er auch stattfindet. Aus diesem Vertrauen wird ein Anspruch, wenn der Interessent den Flug bucht“, erklärte der Berliner Luftverkehrsrechtler Elmar Giemulla. Wurde der Passagier weniger als zwei Wochen vor dem Abflug über die Annullierung informiert, dann muss er entschädigt werden – außer nach der Buchung ist ein außergewöhnlicher Umstand eingetreten.  „Zusätzlich zur Erstattung des Tickets oder einer alternativen Beförderung kann man zwischen 125 Euro und 600 Euro bekommen - je nach Flugstrecke“, so der Jurist.

Schlichtungsstelle hat gut zu tun  

Unzufriedene Fluggäste können sich auch an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr in Berlin wenden. „Annullierungen sind häufig die Ursache für Beschwerden beziehungsweise Anträge auf Schlichtung“, sagte Geschäftsführer Heinz Klewe. Zunächst müsse der Reisende die Airline kontaktieren, die zwei Monate Zeit hat zu antworten. Normalerweise werde dieser Zeitraum nur selten ausgeschöpft, derzeit jedoch sei das anders – wegen Corona. Viele Airline-Mitarbeiter seien im Homeoffice, was die Bearbeitungszeit oft verlängert. Zugleich sei die Zahl der Fälle gestiegen.  

Allein in der Woche vom 18. Mai trafen insgesamt 621 Beschwerden bei der Schlichtungsstelle ein, 60 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Davon kamen 458 Anträge von Fluggästen, ein Zuwachs um die Hälfte, so Klewe. Wenn nach zwei Monaten noch keine Antwort von der Airline vorliegt oder der Fluggast mit der Antwort nicht zufrieden ist, kann er die Schlichtung beantragen. Für Fluggäste konnte im vergangenen Jahr in 88 Prozent der Fälle ein Erfolg erzielt werden – kostenfrei für sie.

Welchen Tipp hat Theresa Kühne von Flightright? „Um Enttäuschungen zu vermeiden, könnte es sich empfehlen, Länder anzufliegen, die von der Coronakrise nicht so stark betroffen sind. Also: Griechenland statt Schweden“, sagte sie. Und: „Flüge wählen, bei denen man eine gute Auslastung erwartet.“ Elmar Giemulla formulierte es so: „Am besten nicht buchen – oder man geht das Risiko ein, dass man sich hinterher mit der Airline herumschlagen muss.“ Für Reisende bleibt es spannend.