Tempelhof - Mehrere Autos warten mit offenen Türen vor dem Bunker im Süden von Tempelhof. Die Death-Metal-Bands Carnal Tomb und Evil Spirit räumen gerade hastig ihr Equipment ein: Trommeln, Gitarren, Verstärker.  Jahrelang haben die beiden Bands in dem denkmalgeschützten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg geprobt, wie Dutzende andere auch. Bis die Immobiliengesellschaft Covivio, Besitzer und Betreiber des Bunkers, ihren Mietern am Freitag per Mail und Aushang an der Tür mitteilte: Ihr seid  fristlos gekündigt.

Die Proberäume dürfen die Musiker ab sofort nicht mehr nutzen, Covivio nennt Mängel beim Brandschutz als Grund. Nur eine Woche – bis zum 7. April – lässt das Immobilienunternehmen den Musikern Zeit, ihre Habe auszuräumen.  „So kurzfristig  – das geht gar nicht“, sagt Marcelo Aguirre von Evil Spirit, der Lederjacke trägt. Was, wenn einer der Mieter nur für ein paar Tage im Urlaub oder krank sei? „Das ist ein Stil wie im Wilden Westen.“

Zahl der Räume für Musiker drastisch reduziert

Wieder verliert Berlin  47 Proberäume, die über Untermietverträge zum Teil doppelt und dreifach belegt waren. Mehr als 100 Bands und Musiker sind damit heimatlos, einige von ihnen werden ihre Instrumente jetzt in  ihren Wohnungen lagern, manche werden ihre Arbeit – wie Aguirres Band Evil Spirit - erst einmal auf Eis legen müssen. Damit wird Berlin, das sich so gerne für seine kreative Szene und freien Musiker rühmt, immer mehr zu einer Stadt, in der diese Musiker gar keinen Platz haben.

Denn die Lage auf dem Markt für Proberäume in Berlin ist hoffnungslos. Vor zwei Wochen erst kündigte der Betreiber des Rockhauses in Lichtenberg 250 Proberäume  auf, rund 1000 Musiker sind seither ohnehin schon verzweifelt auf der Suche nach Ersatz – und die wenigen großen Alternativen, wie das Orwo-Haus in Marzahn-Hellersdorf, sind auf lange Zeit ausgebucht.

Musiker fürchten um ihr Equipment

Mit Protest hat Covivio trotzdem nicht zu rechnen.  Die Bands sind kaum miteinander vernetzt und haben Tausende Euros in ihr Equipment gesteckt. Sie fürchten die Zwangsräumung, mögliche Schäden – und bringen ihre Instrumente lieber rasch in Sicherheit.

„Bevor ein Sicherheitsunternehmen uns die Gitarren kaputt macht, räumen wir selbst“, sagt Aguirre, auch wenn er glaubt, dass die Kündigung in der Form rechtlich angreifbar ist.

Früher Schutz vor Bomben, heute Schutz vor Lärm

Die Covivio Immobilien GmbH mit Sitz in Stuttgart kauft seit 2011 Objekte verstärkt auch in Berlin und Potsdam auf. Inzwischen besitzt das Unternehmen bundesweit mehr als 40.000 Wohnungen und 1.650 Gewerbeeinheiten, wie es auf seiner Homepage mitteilt.

Zu den Gewerbeeinheiten zählt auch der Hochbunker im Tempelhofer Süden. Er wurde in den 1940er-Jahren im Rahmen des sogenannten Führer-Sofortprogramms errichtet. Es zielte darauf ab, die Zivilbevölkerung in strategisch wichtigen Städten vor den Bomben der Alliierten zu schützen. Von außen ist der Bunker noch heute eine fensterlose Trutzburg, innen waren damals zwei Mal drei Meter große Kammern eingezogen, als Unterschlupf für eine Familie gedacht.  

Wenig kann man mit so einem Beton-Bollwerk heute noch anfangen. Drinnen sieht alles nach Keller aus, es fehlen Fenster und Licht. Doch Mitte der 00er-Jahre kam eine findige Immobilienfirma auf den Dreh: Sie riss Innenwände raus, installierte Sanitäranlagen. Seither proben hier Bands. Die dicken Wände des Bunkers schützen jetzt ihre Nachbarn vor dem Lärm.

Bezirksamt dementiert: Wir haben keine Kontrollen durchgeführt

Covivio hat den Bunker im September 2013 übernommen. In ihrem aktuellen Brief an die Mieter, der der Berliner Zeitung vorliegt, schreibt Covivio: „Die Stadt Berlin billigt aufgrund von Brandschutzauflagen gegenüber der Vermieterin die Nutzung in der bisherigen Form nicht mehr.“ Die Stadt sehe eine Gefahr für „Leib und Leben“, heißt es weiter.

Doch Bezirksamt und Senatsverwaltung verneinen – man habe keine Kontrollen im Bunker durchgeführt und von daher auch nichts zu beanstanden. Auf Nachfrage der Berliner Zeitung erklärt dann auch Covivio: „Die Stadt hat Covivio nicht informiert.“

Covivio sieht gravierende Mängel beim Brandschutz

Vielmehr habe das Unternehmen selbst bei kleineren Reparaturarbeiten „versteckte Mängel“ festgestellt, die vermuten ließen, dass einige Baumaßnahmen von Vorgängern nicht korrekt durchgeführt wurden. Danach habe man eine aufwendige Recherche nach alten Unterlagen angestrengt und der Verdacht habe sich bestätigt: Es gebe gravierende Mängel beim Brandschutz. „Mit dieser Erkenntnis war ein sofortiges Handeln erforderlich“, teilt eine Sprecherin von Covivio mit. Und: „Im vorliegenden Fall gilt: „Gefahr im Verzug“.“

Jetzt wolle das Unternehmen ein neues Brandschutzkonzept umsetzen, sagt die Sprecherin weiter. Dafür müssten neue Bauanträge gestellt werden. Eine Vermutung ist dabei nicht ganz abwegig: Soll der Umbau vielleicht auch zu größeren Maßnahmen genutzt werden, um sich besser zahlende Zielgruppen zu erschließen? Der Besitzer des Rockhauses zum Beispiel plant, die Proberäume zu sanieren und wesentlich teurer als Büroräume zu vermieten.

Nein, sagt Covivio, der Bunker in Tempelhof solle nach dem Umbau wieder für Musiker offenstehen. Tatsächlich ist schwer vorstellbar, dass die Behörden einen so umgreifenden Umbau des Bunkers, zum Beispiel hin zu einem Bürogebäude, erlauben würden. Denkmalschutz könnte hier auch zum Musikerschutz werden.

„Das sind die letzten Nägel im Sarg der freien Szene“

Für viele Musiker aber wird es dann zu spät sein. Denn Covivio will oder kann nicht einmal grob abschätzen, wie lange die Baumaßnahmen dauern werden. Und was tun die Musiker so lange? Das Equipment erstmal zuhause lagern, dann auf privaten Wegen sein Glück versuchen – das sagen die mittelalte Coverband, die gerade die Poster in ihrem Proberaum abhängt, ebenso wie der Rapper und Produzent, der in seinem 20-Quadratmeter-Raum 40 Stunden am Tag an seinem Mischpult frickelt.

Eine gleichwertige Alternative hat niemand hier in Sicht. „Die wenigen Räume, die es auf dem Markt gibt, sind unbezahlbar“, sagt Aguirre. Im Bunker hätten die beiden Bands für den geteilten Proberaum 200 Euro im Monat gezahlt. Aktuell ausgeschriebene Angebote fingen bei 600 Euro aufwärts an.

„Es gab in Berlin noch nie viel Raum für Künstler, aber jetzt gerade ist die Lage extrem kritisch“, sagt Aguirre. Das Aus für das Rockhaus, das vorläufige Aus für den Bunker: „Das sind die letzten Nägel im Sarg der freien Szene.“

Die Berliner Kulturverwaltung wird nicht helfen

Im Lichtenberger Rockhaus will vielleicht der Senat als Vermieter für die Musiker einspringen, in dieser Woche noch soll eine Begehung mit Verwaltung und Eigentümer stattfinden. Die Mieter des Bunkers aber brauchen auf den Senat keine Hoffnungen zu setzen.

Daniel Bartsch, Sprecher der Kulturverwaltung, teilt auf Anfrage der Berliner Zeitung mit, dass es in jedem einzelnen Fall „tragisch und schmerzhaft“ sei, wenn Probemöglichkeiten für Künstler wegbrechen. Vielfach aber könne die Verwaltung dies „nur bedauernd zur Kenntnis nehmen“, weil es sich häufig um Vertragsverhältnisse zwischen Privatpersonen und Unternehmen handle. „Wir können Gespräche führen, versuchen, zu vermitteln“, so Bartsch, „mehr in der Regel aber auch nicht.“