Der Geruch von Bierdunst und Zigarettenrauch, das spärlich-warme Licht, das durch die Bleiglasfenster fällt, die jahrzehntealte Patina auf der dunklen Wandtäfelung – ja, alles ist wie früher. Man möchte es nicht glauben, aber Augen, Nase und Geschmacksnerven bestätigen es. Das legendäre „Alt Berlin“ aus der Münzstraße in Mitte, bis 2014 die wahrscheinlich älteste Kneipe Berlins, ist wieder auferstanden. An neuem Ort. Mit altem Interieur und altem Freundeskreis. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht über Facebook verbreitet.

In den zwei engen, schummrigen Gasträumen blicken sich staunend die ersten Besucher um, die am Freitagabend zur Wiedereröffnung auf den Hof des Ballhauses Berlin an der Chausseestraße gekommen sind. „Da setze ich mich doch gleich wieder an meinen alten Stammplatz“, sagt einer aus der früheren Kundschaft. In ein kleines Nebengebäude, das früher als Getränkelager diente, haben Ballhaus-Betreiber Christof Blaesius und das frühere Team des Alt Berlin die Bierstube wieder hergerichtet. Transplantiert müsste man sagen, denn die Kneipe befindet sich fast eins zu eins im alten Zustand.

Proteste gegen Mieterhöhung blieben wirkungslos

„Das schönste aller Dinge, ein schneller Schluck bei Heinz und Inge“ - der Leuchtkasten mit dem berühmten Spruch und den Namen der früheren Inhaber hängt im Fenster links neben dem Eingang, wie eh und je. Darüber das Kneipenschild. Drinnen der alte Bartresen mit Spüle und fünfköpfigem Zapfhahn, die Tische, die Stühle. „Alles original“, sagt Torsten Schilling, der Mann, der zum Freundeskreis der Kneipe gehört und mit einigen Helfern das gesamte Interieur gerettet hat.

Das war vor zwei Jahren. Damals musste das Alt Berlin nach 121 Jahren schließen, weil der neue Eigentümer, ein Hamburger Investor, das Haus in der Münzstraße sanieren ließ und die Miete massiv erhöhte – trotz Protesten aus dem breiten Freundeskreis des Alt Berlin, zu dem jahrzehntelang neben normalen Anwohnern viele Schauspieler, Künstler, Regisseure und andere Namhafte zählten. Schon Bert Brecht ging seinerzeit in der Bierstube ein und aus.   

Älteste Kneipe Berlins im ältesten Ballhaus der Stadt

„Der Besitzer hatte uns drei Tage Zeit gegeben, das Interieur zu entfernen“, erzählt Schilling. Schnell musste es gehen. „Wir haben jedes Einzelteil genau beschriftet und durchnummeriert.“ An der Schönhauser Allee, wo Schilling das „Le Bums“ betrieb, habe man alles in einem 40-Fuß-Container eingelagert, wie Puzzleteile.

Das neue Alt Berlin ist nun pünktlich zum 111. Geburtstag des Ballhauses Berlin fertig geworden, der in diesen Tagen begangen wird. Die wahrscheinlich älteste Kneipe Berlins im ältesten Ballhaus der Stadt – besser hätte es nicht kommen können, meinen viele bei der Eröffnung. „Alle sind total begeistert“, sagt Ballhaus-Chef Christof Blaesius, zu fortgeschrittener Stunde in einem großen Pulk von Gästen stehend, die den Eingang zur Bierstube und die große Außenterrasse belagern.

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